– Endlich ward er das bekannte Mädchen gewahr. Sie winkte ihm zu, und er folgte ihr nach. Vor der Kirchtür sagte sie:
"Meine Gebieterin lässt sich entschuldigen. Es wurde ihr unmöglich gemacht, Wort zu halten und heute hierher zu kommen. Sie lässt Euch aber bitten, mir zu folgen. Ich soll Euch zu ihr fuhren."
Rinaldo folgte ihr ohne Bedenken. – Sie führte ihn ausserhalb der Stadt auf eine reizende Gegend zu, nach einem schönen haus, das mitten in einem Garten stand. – Sie traten ein. Das Mädchen ging mit ihm im Erdgeschoss duch einen schönen Saal in ein Zimmer, dessen Fenstergardinen alle niedergelassen waren. Durch diese freundliche Dämmerung führte der Weg nach einem Kabinett, das noch dunkler war. In diesem, sagte ihm das Mädchen, werde er die Dame finden, und schob ihn hinein.
Auf einem Sofa regte sich ein weibliches Wesen. Rinaldo ging darauf zu, warf sich nieder, ergriff eine weiche, runde Hand, bedeckte sie mit einigen Küssen und sprach:
"O Aurelia! wie glücklich macht mich dieser Augenblick!"
"Glücklich? Wirklich glücklich?" – wurde mit sanfter stimme gefragt.
ER So glücklich, als ich es nie zu werden hoffen konnte!
SIE Und dennoch wart Ihr so unentschlossen –
ER Ich wusste ja nicht, dass es Aurelia war, die ich sehen sollte. Sie, deren Bild ich ewig in meinem Herzen tragen werde! Die kühnsten meiner Hoffnungen sind jetzt zur schönsten Wirklichkeit geworden.
SIE Ich fürchte –
ER Doch nichts von mir? – Was könnte die fürchten, die ich anbete?
SIE Was gewiss zu fürchten ist.
ER Und was?
SIE Dass hier eine Verwechslung vorgeht. – Ihr sprecht mit mir wie mit einer Längstbekannten, und soviel ich weiss –
ER Diese stimme! – Mein Gott! – Nein, Ihr seid Aurelia nicht!
SIE Aurelia bin ich. Aber schwerlich werde ich die Aurelia sein, die Ihr meint.
ER Ja! meine Phantasie hat mich getäuscht. Ihr seid nicht Aurelia Rovezzo?
SIE Die bin ich, leider! nicht. – Ach guter Graf! wie sehr wünschte ich, diese Aurelia Rovezzo zu sein. – Ich habe Euch gesehen, bemerkt, – mit Wohlgefallen bemerkt, – und daraus ist Zuneigung, ich fürchte gar Liebe geworden. – Jetzt muss ich wünschen, Euch nie gesehen zu haben. – Verlasst mich. Huldigt Eurer geliebten Aurelia und überlasst mich meinen Gefühlen.
ER Soll diese neidische Dunkelheit, die uns umgibt, sich nicht in Licht verwandeln?
SIE Was könnte Euch daran liegen, das Gesicht eines Euch uninteressanten Weibes zu sehen? Bleibt um meines Namens willen der Freund einer Unbekannten, die es auf immer sein wird. Eure Aurelia –
ER Ach! ich werde sie nie wiedersehen!
SIE Nie?
ER Wie konnte mich auch meine Phantasie so weit irreführen?
Aurelia schmachtet im Kloster.
SIE Ich beklage Euch. – Lasst uns aber enden. Wir haben beide angenehm geträumt. Unsre Trennung sei unser Erwachen. Die Rückerinnerung wird uns bleiben.
ER Ist der Traum verschwunden, so schenkt mir eine süsse Wirklichkeit. Lasst mich das schöne Gesicht sehen, dessen Mund so entzückend spricht. Der Klang Eurer harmonischen stimme –
SIE Ist dem wirklich so, so mag er Euch schadlos halten. Nur mein Liebhaber wird mein Gesicht sehen. – Erspart mir eine Beschämung, die der erste Schritt, den ich getan habe, herbeiführte. – Und nun, genug von unserm Abenteuer! Wir wollen zuweilen darüber lachen. – Lebt wohl, Graf!
ER Lasst – o! lasst mich Eure schönen Augen sehen!
SIE Ihr seid mein Liebhaber nicht.
ER O! schöne Unbekannte! mich hält der himmlische Ton Eurer harmonischen stimme fest. Macht mit mir, was ihr wollt, ich gehe nicht von hier. – Ich fühle mich festgehalten –
SIE Von mir?
ER Was ist es, das mich an diese Stelle fesselt? Ich weiss es nicht.
SIE Es ist Neugier. Es ist Eigensinn.
ER Nein, nein! Es ist weit mehr als Neugier und Eigensinn. – Ich huldige der schönen Unbekannten –
SIE Mit geteiltem Herzen.
ER Ich liebe Aurelien Rovezzo wie meine Schwester. Ich werde sie nie besitzen.
SIE Damit rechnet Ihr auf mich?
ER Jetzt kann ich gehen.
SIE So geht.
ER Ihr denkt nicht gut von mir.
SIE Das will ich nicht sagen. – Aber, wozu soll Euer Hierbleiben uns beiden nützen?
ER Was kann meine huldigende Empfindung Euch schaden?
SIE O Graf! ich bin so eitel nicht, als Ihr vielleicht glaubt. Dieser Schritt, den ich gewagt habe. – Ich habe Euch schon gestanden, was mich dazu verleitet hat.
ER Ihr seid frei und ungebunden?
SIE Bis jetzt bin ich es noch.
ER Auch ich bin es.
Hier entstand eine Pause. – Rinaldo küsste der Unbekannten die hände; er drückte sie sanft und fühlte die seinigen noch sanfter wiedergedrückt. Die Unbekannte seufzte. Rinaldos Seufzer folgten den ihrigen.
SIE Graf! ich bitte Euch, verlasst mich. Ihr habt mich in eine Stimmung gebracht, in der ich nur – mit meinem Liebhaber zu sein wünschen könnte.
ER Was hindert es, dies zu sein? Mich nichts.
Die Unbekannte schwieg. Rinaldos kühne Hand hob die Schleier und drückte einen brennenden Kuss auf ihre Lippen. Sie seufzte:
"O Dio! dove sono?"
Nun wurde