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ihre Zone, und ein Orangenblütenstrauss ziert ihren Busen. – Ihr werdet also kommen?

ER Ich werde kommen.

Das Mädchen ging, und Rinaldo blieb seinem Nachdenken nicht lange überlassen. Die Zimmertür ging auf, und ein Mann, in einen roten Mantel gehüllt, trat ein.

"Rinaldo!" – redete ihn dieser sogleich an, – "die soeben erhaltene Botschaft taugt nichts. Du gehst morgen nicht nach St. Lorenzo, die Dame zu sehen, die von dir gesehen zu werden sich wünscht."

"Wer bist du?" fragte Rinaldo. – "Gib dich mir näher zu erkennen, wenn du willst, dass ich deinem Rate folgen soll."

Jener nahm die Larve vom Gesicht, schlug den Mantel auseinander, und der bekannte korsische Kapitän stand vor ihm.

Rinaldo fuhr erschrocken zusammen. Der Kapitän sprach:

"Einem mann, der sich für dich aufgeopfert und dir die Ruhe verschafft hat, die du in Neapel geniessest, kannst du doch wohl folgen?"

Er sprach's und verliess das Zimmer.

Rinaldo durchwachte die halbe Nacht, stand früher als gewöhnlich auf und ging nicht nach St. Lorenzo, die Schöne im Gewande der Hoffnung zu sehen.

Der Abend brach an, und das Mädchen kam wieder.

"Ei!" – sagte sie, – "Ihr habt schlecht Wort gehalten. Warum kamt Ihr nicht?"

ER Ich werde nicht eher kommen, bis ich den Namen der Dame weiss, die ich sehen soll.

SIE Ihr sollt sie ja nur sehen. Gefällt sie Euch, dann wird sie Euch sich selbst nennen. – Sie kommt morgen wieder in die Messe. – Gute Nacht!

Das Mädchen ging, und bald darauf trat der Kapitän abermals in das Zimmer.

"Du gehst nicht nach St. Lorenzo", – sagte er.

RINALDO Edler Freund! Lass mich aufrichtig sprechen. Dein Verbieten, ohne Gründe, erniedrigt mich. – Ich bin kein Kind, das blindlings folgen muss. Wenn ich deinem Rate folgen soll, so musst du mir, wie gesagt, Gründe angeben.

KAPITÄN Du solltest mir aufs Wort glauben und nicht mit der Unbekannten eine Bekanntschaft machen, die zu keiner Gedeihlichkeit führen wird.

RINALDO Ich kenne dich ja selbst nicht.

KAPITÄN Du sollst mich kennenlernen. Unter den Ruinen von Portici. – Und nach St. Lorenzo gehst du nicht.

Er ging. Rinaldo blieb nachdenklich zurück. – Der Morgen kam, er wankte unentschlossen, wollte gehen und ging endlich doch nicht nach St. Lorenzo.

Des Abends erschien die artige Botschafterin wieder. Sie neigte sich stillschweigend und gab ihm ein Briefchen. Er erbrach es und las: "Ich bitte Euch zum letztenmal um eine gefälligkeit, die Ihr mir gar nicht abschlagen könnt, wenn Ihr Kavalier seid und die Höflichkeit nicht verletzen wollt. Aurelia." Kaum hatte Rinaldo den Namen Aurelia gelesen, als er dem Mädchen drei Zechinen in die Hand drückte und, halb ausser sich, ausrief: "Sag der Dame, dass ich so gewiss kommen würde, als ich Atem und Dasein habe. Kein Teufel soll mich abhalten, sie zu sehen, und sollte ich" –

"Basta!" – schrie der Kapitän, der eben eintrat; – "Keine Flüche und Schwüre, die du nicht erfüllen darfst."

"Ich will sie erfüllen!"

"Ruhig!"

"Keine Macht dieser Welt" –

"Ruhig! Die Obrigkeit hat Sbirren."

Rinaldo erschrak, sah sich nach dem Mädchen um und sah, dass sie unbemerkt das Zimmer verlassen hatte.

KAPITÄN Du bist noch immer so trotzig und unbändig, wie du es von jeher gewesen bist. Bedenk, dass du jetzt nicht mehr kommandierst, sondern dass du kommandiert wirst. len?

KAPITÄN Wer gab mir die Verbindlichkeit, auf meine eigene Gefahr dich zu retten?

RINALDO Du hast sie dir selbst auferlegt.

KAPITÄN Undankbarer! – Eines so unbeständigen Wesens wegen, wie ein Weib ist, willst du mit deinem Freunde brechen und beleidigest ihn, um einer Figur nachzulaufen, die eines Spiegels bedarf? Denn, was kannst du von ihr erwarten? Wenn es köstlich und noch so köstlich ist, so ist es doch nur Liebe. Und die Weiber lieben in uns nur sich selbst. Wir sind ihre Spiegel, ihr Mond, in dessen Spiegelscheibe ihre Sonne wieder aufersteht.

RINALDO Du bist ein Weiberfeind!

KAPITÄN Noch bin ich dein Freund.

RINALDO So wirst du mich nicht abhalten, die Dame zu sprechen.

KAPITÄN Bei den Haaren will ich dich nicht zurückziehen, aber ich verbiete dir es, sie zu sprechen.

RINALDO Nur ein begründetes Warum? wenn ich dir folgen soll. –

KAPITÄN Ich mache keinen Propheten, aber der Erfolg rechtfertigt mich. Ich sehe weiter als du. Meine Macht

RINALDO Deine Macht? – Gib mir eine probe deiner Macht.

KAPITÄN Die sollst du haben. Stehe auf und folge mir unter die Ruinen von Portici.

RINALDO Gib mir diese probe hier.

KAPITÄN Bist du, ehemals so unerschrockener Held der Nächte, zum furchtsamen Knaben geworden? Zerbrich deine Klinge und lass dir eine Spindel reichen! – Ich durchblicke dich ganz. Jetzt erlaube ich dir, das Weib zu sehen, das dich aufsucht. Lerne sie kennen und dann auch mich. – Gute Nacht! Nach einer sehr unruhigen Nacht eilte Rinaldo um die bestimmte Stunde nach St. Lorenzo, dort Aurelien zu sehen, und sah sie nicht.