bezog, und endigten diese Unterhaltung. Eine ganze Gesellschaft von Offizieren spazierte einher, und Rinaldo und der Kapitän sahen sich bald von denselben umgeben. Man kannte sich zum teil aus öffentlichen Gesellschaften, man grüsste sich, und die Unterhaltung begann.
"Wisst Ihr auch, Herr Kapitän! dass man sich über Eure person in allen Gesellschaften die Köpfe zerbricht? Ihr seid die grösste Neuigkeit des Tages."
"O!" – antwortete der Kapitän, – "Ich will Euch wohl eine noch weit grössere Neuigkeit erzählen. Ihr zerbrecht Euch ohne Erfolg die Köpfe über mein Ich. – Wisst, hier in Neapel, mitten unter euch, lebt der berüchtigte Rinaldini."
Rinaldo stand wie vom Donner gerührt. Die Offiziere sahen sich verlegen an. Eine allgemeine Stille überfiel die Gesellschaft und band die geschwätzigsten Zungen.
Der Kapitän zog die Dose heraus, bot Prisen rundherum an, schlug die Dose zu, drehte sich herum und ging nach dem Hafen zu. Keiner hielt ihn auf. Man sah sich an und fragte:
"Wie ist das?"
Rinaldo schöpfte Atem und sagte, als der Kapitän schon nicht mehr zu sehen war: "Nun, meine Herren, was meint Ihr? Hat uns dieser sonderbare, rätselhafte Mann, den niemand kennt, nicht deutlich genug zu verstehen gegeben, wer er ist?"
"Bei Gott!" – schrien alle, – "Er selbst ist Rinaldini."
"Das ist auch meine Meinung", – sagte Rinaldo ganz gelassen. Einer tat den Vorschlag, ihm nachzugehen.
Ein alter Obrist nahm das Wort und sagte:
"Wir sind keine Sbirren. Es ist die Sache der Polizei, sich Rinaldinis zu bemächtigen. Und ist dieser Unbekannte wirklich Rinaldini selbst, so muss er auch wissen, wie weit er in seiner Selbstentdeckung gehen kann. Indessen wollen wir ein wachsames Auge auf diesen Menschen haben. Doch muss ich offenherzig gestehen, dass sein bisheriges Betragen, soweit ich ihn kenne, mir etwas zu verraten scheint, das mit einem kopf, der ganz in seiner Ordnung ist, sich nicht recht zusammenräumen lässt. Wie? wenn er nun etwa bei zerrüttetem Gehirne sich einbildete, jener furchtbare Räuber zu sein? Gibt es nicht dergleichen Exempel von Einbildungen verrückter Phantasien? – Wir wollen also behutsam gehen. Und vor der Hand empfehle ich den Herren eine kleine Verschwiegenheit. Wir wollen den Unbekannten näher beobachten und dann erst bestimmen, wie wir uns gegen ihn verhalten wollen."
Dieser Rede gaben alle ihren Beifall, und nun ging die Gesellschaft in eine Eisbude, wo sie ganz vergnügt ihr Frühstück einnahm. Rinaldo war in einer Bewegung, die sich nicht beschreiben lässt. Er wusste nicht, was er tun sollte. Sollte er gehen oder bleiben? Wer war der Mann, der sich gleichsam für ihn aufzuopfern schien? Seine Warnung tönte noch in Rinaldos Ohren, und sein Benehmen war ihm unerklärlich.
Er suchte ihn vergebens allentalben auf. Er war nirgends zu finden. Niemand sah ihn mehr in Neapel. Er war verschwunden. – Nun wurde das Gespräch von seiner Entdeckung allgemein. Die Sache kam zur Untersuchung. Die Offiziere sagten aus, was sie gesehen und gehört hatten. Die Polizei spürte ihm nach. Vergebens war all ihr Bemühen. Er konnte nirgends aufgespürt werden. Nun wurde die Sage zur Gewissheit: Dieser unbekannte Scheinsonderling war Rinaldini. – Alle erzählten sich jetzt Anekdoten von ihm; man freute sich, ihn gesehen zu haben, und der wahre Rinaldini entging den Blicken der Forscher. – Das ist in der Welt der Lauf der Dinge. Man spricht von der Entfernung und vergisst die Nähe. Man läuft nach dem Schein und verabsäumet das Sein. Die Gedanken folgten dem Unbekannten als Rinaldini; alle Menschen sprachen davon mit Überzeugung und Gewissheit, und der wahre, wirkliche Gegenstand dieser gespräche war mitten unter den Sprechenden, ohne ergriffen zu werden. Nach und nach verhallte das Gespräch. Andere Neuigkeiten verdrängten die Rinaldini-Erscheinung, und zuletzt sprach man gar nicht mehr davon. Einst gegen Abend sass, ungefähr vier Wochen nach dieser Begebenheit, Rinaldo auf seinem Zimmer, klimperte auf der Guitarre und dichtete ein neues Lied, als die Tür seines Zimmers aufging und ein artiges Mädchen eintrat.
SIE Ich habe dieses Briefchen an den Herrn Grafen Mandochini abzugeben. Es kommt von schönen Händen.
Sie reichte ihm das Briefchen. – Rinaldo las:
"Sowenig Ihr eine person bemerkt haben mögt, welche Ihr interessiert, sosehr hat sie Euch bemerkt. Ist es Euch nicht gleichgültig, sie kennenzulernen, so wird Euch die Überbringerin dieser Zeilen sagen, wo Ihr sie sehen könnt."
ER Du kennst also die Dame, die mir diese Zeilen schrieb, genau?
SIE Ich bin in ihren Diensten.
ER Wer ist sie?
SIE Ihr Name kann Euch wohl solange gleichgültig sein, bis Ihr sie selbst kennt. Ihr Name wird Euch gewiss angenehmer klingen, wenn sie ihn selbst nennt.
ER Aha! Also deine Frau oder dein fräulein – Wie soll ich sie nennen? –
SIE Nennt sie, wie Ihr wollt. Ich darf Euch weder sagen, ob sie verheiratet, noch ob sie unverheiratet ist. Ihr werdet das selbst erfahren.
ER Sie ist von stand?
SIE Vom stand der Liebe. Wollt Ihr sie sehen oder nicht?
ER Wo soll ich sie sehen?
SIE Morgen in der Frühmesse zu St. Lorenzo. Sie wird ein grünes Kleid und einen schwarzen Schleier tragen. Eine goldene Kette umschlingt