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Wie?

KAPITÄN So gut, wie ich Euch kenne.

RINALDO Ihr mich? – Kenne ich mich doch selbst nicht.

KAPITÄN O ja! – Auf einen gewissen Punkt wenigstens, gewiss.

RINALDO Ihr wisst, wer ich bin?

KAPITÄN Ich sage ja, dass ich Euch kenne.

RINALDO Ich habe Euch doch nie gesehen, seit ich in Neapel bin.

KAPITÄN Das weiss ich. – Ich sehe Euch hier auch zum erstenmal. Aber ich kenne Euch dennoch.

RINALDO So seid Ihr ein Hexenmeister. – Wer sagte Euch, wer ich bin?

KAPITÄN Meine Wissenschaft.

RINALDO Ihr schaut also ins Verborgene?

KAPITÄN Warum nicht?

RINALDO Ihr geht mit Geistern um?

KAPITÄN Jetzt spreche ich mit einem Menschen, der sich, wie ich hoffe, gebessert hat.

Als er das sagte, stieg er auf, bezahlte seine kleine Zeche und ging fort. Rinaldo hatte nicht Mut genug, ihm zu folgen. Dass Rinaldo in nicht geringer Verlegenheit war, lässt sich denken. Er hatte so lange mit dem sonderbaren mann genauer bekannt zu werden gewünscht, und jetzt wünschte er, ihn niemals gesprochen zu haben. So hascht der Mensch beständig nach Wünschen, deren Erfüllung ihm oft weit bittere Entdeckungen macht, als er deren welche sich geträumt hat.

"Dieser Mann" – sprach Rinaldo bei sich selbst, – "weiss, wer ich bin? – Wie? und die Entdeckung meines Namens ist in der Gewalt eines solchen Sonderlings? – Wer ist er, dieser sonderbare Sterbliche, der irdische Gesellschaft nicht die seinige nennt? – Ha! er muss mir Rede stehen, oder ich vernichte ihn, diesen Feind meiner Ruhe."

Er durchstreifte einige Tage lang die Promenaden, besuchte die öffentlichen Häuser und fand den furchtbaren Wissenden nicht, selbst nicht einmal da, wo er sonst täglich zu finden war. Das machte ihn noch unruhiger.

Schon war er im Begriff, Neapel zu verlassen, als er eines Morgens den gefürchteten Korsen auf der Promenade nach dem Hafen zu fand. Er sass auf einer Bank unter einer Statue, an deren Postament er seinen rücken gelehnt hatte; seine Augen waren über sich, zum Himmel gekehrt, und seine hände lagen gefaltet ineinander. Man hätte glauben können, einen Menschen zu sehen, dessen ganze Seele in ein zum Himmel gerichtetes Gebet ergossen sei.

Rinaldo stellte sich ihm gegenüber und wagte es nicht, ihn in seinem überirdischen Seelenvergnügen zu stören. Nur zuweilen fing er an, sich zu räuspern, zu husten, und endlich brummte er die Melodie eines damals beliebten Liedchens. Der Kapitän regte sich nicht. Er schien in einer überirdischen Verzückung an einen Stein gelehnt selbst zu Stein geworden zu sein.

Des Harrens und Wartens überdrüssig, ging endlich Rinaldo mit wankenden Schritten auf ihn zu, stellte sich an seine Seite, legte seine Hand auf seine Schulter und sagte kurzatmend:

"Herr Kapitän! Ich freue mich, Euch wiederzusehen."

Der Kapitän liess seine Augen fallen, drehte seinen Kopf, erblickte den Grüssenden und fragte:

"Was seht Ihr über Euch?"

RINALDO Den reinen, blauen Äter.

KAPITÄN Das Bild einer schuldlosen Seele; die verschwisterte Farbe eines reinen Geistes. Durch die Augen dringt diese äterische Geistesform ins Herz. Hier ist der Sammelplatz der schönsten Freuden, die ausser uns und dennoch in uns sind. Wir machen sie uns eigen. Der Himmel schenkt sie uns. Was sind die lachendsten Fluren gegen dieses azurne Meer der Reinheit und klarheit? Wer hier den Anker wirft, liegt in dem schönsten Port.

RINALDO Eure Begeisterung ist schön und gross! Ich muss es mir zum Vorwurf machen, Euch in Euern erhabenen Betrachtungen gestört zu haben. Aber, verzeiht das meiner Ungeduld, mit der ich Euch zu sprechen wünschte.

KAPITÄN Ihr seid mehr verlegen als ungeduldig. Gesteht es nur, – Ihr fürchtet mich. – Ihr habt nichts zu fürchten. Ich bin kein Inquisitor und weder Fiscal noch Kriminalrichter. Und das sind doch die Leute, die Ihr zu fürchten habt.

RINALDO Irrt Ihr Euch auch nicht?

KAPITÄN Nein.

RINALDO So sagt mir meinen Namen.

KAPITÄN Er kostet Geld.

RINALDO Wo?

KAPITÄN Bei jeder Obrigkeit. Man könnte ihn verkaufen wie ein Kleinod, wenn man in Verlegenheit wäre.

RINALDO Herr Kapitän! Es gibt eine gewisse Sprache, die Beleidigung ist, sobald sie Ernst wird.

KAPITÄN Das weiss ich.

RINALDO Mit einem Worte: Wer bin ich?

KAPITÄN Der geächtete und gefürchtete Mann, der der Schrecken der Reisenden und das Erblassen der Wanderer ist. Der König der Schlupfwinkel und der Beherrscher der Gebirgshöhlen. – Du bist Rinaldini.

RINALDO Wer sagt dir das?

KAPITÄN Ich weiss es.

RINALDO Mit Gewissheit?

KAPITÄN Ebenso gewiss als ich weiss, wer ich selbst bin.

RINALDO lebe wohl!

KAPITÄN Wohin gehst du?

RINALDO In den Hafen, zu sehen, ob dort ein segelfertiges Schiff liegt, das mich einnehmen kann.

KAPITÄN Warum willst du Neapel verlassen und die Ruhe fliehen, die dich hier umgibt?

RINALDO Weil ich dich fürchte.

KAPITÄN Wenn der Mann, der du bist, etwas fürchtet, so muss auch wirklich etwas zu fürchten sein. – Dein Schicksal interessiert mich. Ich will dir davon einen entscheidenden Beweis geben, der dich ganz sicherstellen soll. Aber lass mich dich nicht wieder auf deiner alten Bahn finden, sonst wirst du den Freund in einen Feind verwandelt finden.

Trommeln verkündigten den Anzug der Mannschaft, die die Kastell- und Hafenwache