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sich Rinaldo. – Man setzte sich hierauf wieder zu Tische und leerte noch ein paar Flaschen.

Dann schafften die Mädchen einige Polster herbei und wünschten ihrem gast glückliche Ruhe; aber er schlief nur wenig.

Als es tagte, ward aufgestanden, ein kleines Frühstück eingenommen, und Rinaldo kleidete sich in die erhandelte Uniform.

RAHEL Wahrhaftig, jetzt, da Ihr die Uniform anhabt, sieht man es doch gleich, dass Ihr ein Kavalier seid. Sie steht Euch allerliebst!

SILPA Ihr seht recht stattlich aus!

RAHEL Ei der Tausend! Habt Ihr ein paar schöne Uhren!

SILPA Und die prächtigen Ringe!

RAHEL Ihr müsst ein reicher Herr sein!

RINALDO Diese Bauernkleider schenke ich euch. Mein Nachtlager bezahle ich euch mit einem Wechsel von 100 Zechinen. – Für die Bewirtung und die Uniform zahle ich euch 25 Zechinen bar. – Ihr seid doch zufrieden?

RAHEL O! Ihr seid gar zu grossmütig! So viel verdienen wir ein ganzes Jahr hindurch nicht.

SILPA Jetzt kennen wir Euch und wollen ein andermal nicht wieder so viele Umstände machen. RINALDO Auch die Umstände haben ihr Angenehmes. – Lebt wohl, ihr guten Mädchen, und erinnert euch meiner! Damit verliess er sein Nachtquartier und ging auf Poggia zu, wo er sich ein Pferd kaufte und ohne Aufentalt der Grenze des Kirchenstaates zueilte. – Teramo, im Gebiet des Königs von Neapel, war der erste Ort, wo er anhielt und ausruhte. Als er sich in Aquila mit Kleidern versehen hatte, nahm er dort einen jungen muntern Burschen, der Antonio hiess, in seine Dienste, ging weiter und kam unter dem Namen Graf Mandochini in Neapel an.

In dieser glänzenden Stadt bezog er ein schönes Quartier, wo er die Aussicht auf den Hafen bei freundlichen Wirtsleuten hatte. Er lebte sehr still, las viel, dachte noch mehr, machte sogar Verse, komponierte seine Lieder und sang sie auch selbst zur Guitarre ab. Damit vertrieb er sich so ziemlich die Zeit. – Nach und nach aber schien die Langeweile doch bei ihm sich einfinden zu wollen: er fing daher an, fleissiger auszugehen, und besuchte die öffentlichen Häuser, wo er viel sprechen hörte. Einigemal war er selbst, – als Rinaldini, – der Gegenstand öffentlicher gespräche, und da gab er denn ganz getrost sein Wort auch mit dazu.

Einst brachte ein Fremder sogar die Nachricht, Rinaldini sei zu Ferrara erwischt und fest eingekerkert worden. – So hörte er die Leute gern sprechen und wurde dadurch in Neapel immer sicherer.

Unter allen Menschen, die er täglich auf den öffentlichen Häusern sah, fiel ihm ein Mann besonders auf, der eine Uniform trug, wie er sagte, ein Korse war und Kapitän genannt wurde. Dieser Mann sass bei seiner Tasse Schokolade oft den ganzen halben Tag, sprach kein Wort, dankte, wenn man ihn grüsste, bloss durch eine Verbeugung, nahm nicht den geringsten Anteil an irgendeinem Gespräch, mischte sich in keine Unterredung, und hätte sie auch sein Vaterland betroffen, sah immer gerade vor sich hin und schien beständig in das tiefste Nachdenken verloren zu sein. Er wurde von allen bemerkt, schien aber keine Seele zu bemerken, und kein Mensch wusste, wie er mit ihm daran war. Diesem mann näherte sich Rinaldo absichtlich so viel wie möglich, es wollte ihm aber nicht gelingen, ihn zur Sprache zu bringen. Eines Tages nahte er sich ihm noch zudringlicher als gewöhnlich.

"Mein Herr!" – redete er ihn an, – "verzeiht mir eine Bemerkung."

KAPITÄN Über mich?

RINALDO Über EuchIhr fallt allgemein auf.

KAPITÄN Das ist möglich.

RINALDO Ihr wollt das vielleicht?

KAPITÄN Es kommt mir nicht in den Sinn.

RINALDO Vielleicht nagt irgendein geheimer Kummer an Eurem Herzen?

KAPITÄN Davon ich nichts weiss.

RINALDO Oder irgendeine Verlegenheit macht Euch sprachlos.

KAPITÄN Ich bin nie verlegen.

RINALDO Mitteilung macht den Menschen glücklich.

KAPITÄN Nicht immer.

RINALDO Unterhaltung vertreibt wenigstens die Langeweile.

KAPITÄN Diese kenne ich nicht.

RINALDO So seid ihr beneidenswert und müsst ein grosser Philosoph sein.

KAPITÄN Philosoph kann jeder Mensch sein, wenn er es sein will, und er ist wohl daran, wenn er es ist.

RINALDO Das letztere glaube ich, das erstere kann ich kaum glauben.

KAPITÄN In Glaubenssachen nimmt man es so genau nicht. Und je mehr man sich in diesem Punkt selbst täuscht, desto glücklicher ist man.

RINALDO Täuschung ist Traum.

KAPITÄN Wohl dem, der glücklich träumt?

RINALDO Und wenn er erwacht?

KAPITÄN So wünscht er gewiss, selbst um des Traumes willen, wieder fortzuträumen.

RINALDO Und so macht die Nichterfüllung des Wunsches ihn unglücklich.

KAPITÄN Jeder Mensch ist glücklich, sobald er es nur ernstlich will.

RINALDO Seid Ihr es?

KAPITÄN Ich bin es.

RINALDO So seid Ihr ein beneidenswerter Sterblicher.

KAPITÄN Das glaube ich selbst.

RINALDO Da aber jeder Mensch seine eigenen Begriffe von Glückseligkeit hat, so

KAPITÄN So wünscht Ihr zu wissen, welches die meinigen sind? – Sie liegen etwas weiter ausser dem Zirkel dieser menschlichen Welt.

RINALDO Ich verstehe Euch nicht.

KAPITÄN Das glaube ich. – Es versteht und begreift in dieser Welt überhaupt nicht leicht ein Mensch den andern. Diese Missverständnisse machen aber die Unterhaltung in Euern Gesellschaften aus, sonst wären sie so einförmig und ermüdend wie ein Kartäuser Chor. – Das beste und schönste Einverständnis können nur Seelen und Geister knüpfen.

RINALDO Kennt Ihr die Geisterwelt?

KAPITÄN Ich kenne sie.

RINALDO