1799_Vulpius_102_28.txt

du einmal durch Kalabrien reisen willst, so will ich dir eine Sicherheitskarte geben.

RINALDO Ich bleibe noch einige Zeit in dieser Gegend. Finde ich Brüder, so schicke ich dir sie nach. – Ich selbst folge dir in Kürze nach Kalabrien. Cintio verliess ihn bald darauf, und Rinaldo ging nach Corinaldo. Hier traf er ganz unvermutet auf drei seiner Gesellen, die er unverzüglich Cintio nachschickte. Der eine derselben meinte, Rosalie müsse in die Gebirge geflohen und entkommen sein. Gewissheit konnte ihm keiner geben. Er selbst wankte, noch immer nicht ganz entschlossen, was er tun wollte, auf Jesi zu.

Ein starker Volkszusammenlauf machte ihn aufmerksam. Er fragte, was es gebe, und erfuhr, es werde eine verdächtige person öffentlich mit Ruten ausgestrichen werden. Diese Nachricht vernahm er ganz gleichgültig und ging nach der Pilgrimsherberge zu. Aber er fand schon alle Strassen mit Menschen besetzt, und als er sich eben über einen offenen Platz drängen wollte, kam der Exekutionszug vorüber.

Mit Widerwillen warf er seine Augen auf das gestäupte Opfer der Justiz, sah in der Unglücklichen die Amazone Fiorilla von seiner Bande und fuhr heftig zusammen.

Diese warf eben die Augen auf die Seite, erkannte ihn und schrie, vom Schmerz gefoltert, laut auf:

"O Rinaldini!"

Auf diesen unbesonnenen Ausruf erhob sich sogleich ein verwirrtes Geschrei:

"Rinaldini? – Wo ist er? – Haltet ihn fest."

Alles kam in Bewegung. Man fragte, man lärmte und schrie nach Wache. – Die Sbirren durchbrachen mit gezogenen Säbeln die Reihen; man drängte sich nach dem platz zu, wo sich Rinaldini wirklich befand, und dieser, in der grössten Gefahr, als ein unbekannter Fremdling ergriffen und angehalten zu werden, konnte sich nur durch einen schnellen Entschluss retten.

Er fasste einen neben ihm stehenden Kerl mit unerhörter Frechheit beim arme, schleuderte denselben den Sbirren entgegen und schrie:

"Haltet ihn fest. Er ist es!"

Die Diener der Gerechtigkeit umringten den Kerl sogleich. Das Volk drängte sich herzu und schrie frohlockend:

"Rinaldini! Rinaldini!"

Man jauchzte und lärmte, und der Kerl kam nicht zum Worte. – Endlich betrachtete man ihn genau und sahwas man in der ersten Hitze nicht gesehen hatte –, dass der arme Tropf ein der ganzen Stadt wohlbekannter Fleischerknecht war.

"Seid ihr denn klug?" – fragte er mit zitternder stimme. – "Kennt ihr mich denn nicht? Bin ich Rinaldini, oder bin ich es nicht?"

Jetzt ertönte ein lautes Gelächter, ein wildes Toben und Rufen.

"Es ist Giakomo, der Fleischerknecht!"

Die Sbirren wurden wütend. Sie schrien:

"Hier ist ein Betrug vorgegangen, durchsucht die Stadt. Rinaldini ist mitten unter uns." "Durchsucht die Stadt!" – lärmte das Volk und brachte den Exekutionszug in Unordnung. Rinaldini aber war in eine offene Kirche gesprungen, warf hinter einem Beichtstuhle sein Pilgergewand ab, setzte sich schnell eine falsche Nase an und ging in Bauerntracht, die er unter der Pilgerkutte trug, unangehalten aus dem Orte. Ohne sich aufzuhalten, eilte er Paterno vorüber und kam auf die Landstrasse, hungrig und müde, nach Torette.

Vor dem Orte stand ein einzelnes Häuschen. Auf dieses ging er zu. Zwei Mädchen sassen vor der Haustür und strickten. – Er redete sie an:

"Kann ich hier bis morgen früh Quartier bekommen?"

"'Bei uns?'" fragten die Mädchen mit Verwunderung.

"Nun ja, bei euch! wenn ihr wollt."

"'Ihr wisst wohl nicht, dass Ihr hier in ein Judenhaus kommt?'"

"Nun, was tut das?"

"'Eure Glaubensgenossen fliehen unsere Wohnungen.'"

"Daran tun sie nicht wohl. – Ich bin sehr müde. Lasst mich nicht weitergehen und nehmt mich auf."

Die Mädchen sahen einander verlegen an. Endlich sagte die eine:

"'Wir sind allein hier im haus. Unser Vater ist nach Ancona gegangen.'"

ER Ich habe Lust, euch Verschiedenes abzuhandeln, wenn ihr habt, was ich suche. Ich bin nicht, was ich zu sein scheine, und habe Geld.

SIE Nun, wir wollen's mit Euch wagen! kommt herein und nehmt vorlieb!

Sie führten ihn in ein enges Stübchen, brachten Brot und Käse, Feigen und Äpfel und setzten auch Wein auf. Rinaldo nötigte die Mädchen, mit ihm zu trinken, und als eine Flasche geleert war, hub er an:

"Ihr scheint ein Paar herzlich gute Mädchen zu sein, und es verdriesst mich, dass ihr, wie ich glaube, arm seid. Ich will eure Umstände verbessern. – Ich bin ein edler Venezianer, bekam Händel mit einem Nebenbuhler und hatte das Unglück, ihn im Duell zu erlegen. Deshalb floh ich in dieser Tracht und machte mich unkenntlich."

Hier nahm er seine falsche Nase ab, und die Mädchen lachten. – Er aber fuhr fort:

"Habt ihr Kleider zu verkaufen?"

"'Ein paar sind im haus'", – sagte Rahel, die älteste der beiden Schwestern.

"'Die andern'", – setzte Silpa hinzu, – "'hat der Vater mitgenommen.'"

"Zeigt her, was ihr habt", – fuhr Rinaldo fort.

Sie brachten ihren Kleidervorrat herbei. Eine Uniform war darunter, die nicht ganz schlecht war, und diese wählte