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Wie Gott will! – Gute Nacht!

PRINZ Der Weg, auf welchem du in eingebildeter Sicherheit dahintaumelst

RINALDO Prinz! Ihr kennt mich Selbstpeiniger nicht. Meine Lage ist schrecklich. Wenn auch die Justiz keine Folter für mich hat, so habe ich sie selbst für mich. – Gehabt Euch wohl! Rinaldo verliess die Stadt und zog sich in die Gegend von Montamara zurück, wo er seine Begleiter fand.

Den folgenden Tag erhielt er durch Nero, den Sebastiano an ihn abschickte, die schriftliche Nachricht:

"Der vermaledeite Baron ist nach Rom gegangen, und das Nest war leer. Unser guter Altaverde ist nebst dreien von unserer Gesellschaft zu St. Leo erwischt, eingezogen und zu unseren Brüdern ins Gefängnis geworfen worden. Cintio soll ein Gefecht mit Toskanischen Truppen gehabt haben. Wir ziehen ihm zu. Komm' uns bald nach."

Rinaldo fertigte Alfonso an Cintio ab, mit dem Befehl, Altaverdes Befreiung zu versuchen, und sollte es auch mit Gewalt geschehen. An Rosalie schrieb er, sie möchte sich zu Donato in seine Einsiedelei begeben. – Dann befahl er Nikolo und Nero nach Rom zu gehen, um dem Baron auf die Spur zu kommen, und blieb einige Tage lang unentschlossen, was er selbst tun wollte.

Fussnoten

1 Statt sicuro oder secura. – So waren Rinaldinis Sicherheits-Reise-Karten bezeichnet.

Drittes Buch

Getäuscht, geblendet und vom Wahne

Der wilden Eigenmächtigkeit,

Geworben für die stolze Fahne,

Steht er nun da und flieht den Streit.

Rinaldo ging endlich, noch immer als Pilger gekleidet, auf das Kloster bei Montamara zu, in welchem sich Aurelia befand, und verlangte die Äbtissin zu sprechen.

"Sie ist soeben in einem Verhöre vor den Kommissarien, die aus Urbino hier sind", – sagte die Pförtnerin.

"Was hat denn die fromme Dame begangen?" – fragte Rinaldo mit einem andächtigen Seufzer.

"Ohne ihr Verschulden ist sie, des berüchtigten Rinaldini wegen, in einen schlimmen Handel verwickelt worden. – übrigens ist auch, bis nach geendigter Untersuchung, jedem Fremden der Eintritt in unser Kloster verboten," – antwortete die Pförtnerin und schlug, mit einer frommen Verbeugung, die Pforte zu.

Rinaldo umging die Klostermauern und fand dieselben sehr stark und hoch.

Bei einem Kapellchen, der heiligen Klara geweiht, das zwischen drei hohen Pappeln stand, warf er sich er sich wenden wollte. – Darüber schlief er ein.

Als er erwachte, sah er einen andern Pilger, der ihm gegenüber sass und in tiefes Nachdenken versunken zu sein schien. Rinaldo gab sein Erwachen zu erkennen. Jener drehte sich herum und sagte:

"Und du konntest hier so sicher und so ruhig schlafen?" Rinaldo erschrak, suchte sich aber gleich wieder zu fassen und fragte:

"Ist es denn hier unsicher?"

"Und du sprichst von Sicherheit?"

"Was hat ein armer Pilger wohl zu fürchten?"

"Der arme Pilger hat nichts zu fürchten. Aber auch der nicht, der des armen Pilgers Kutte über seine reichen Missetaten geworfen hat?"

Rinaldo sprang auf, fasste den Pilger recht ins Auge und schrie laut auf:

"Cintio?"

CINtIO Ha! erkennst du mich endlich?

RINALDO Wie kommst du hierher?

CINtIO Mit meinem Willen wahrlich nicht!

RINALDO Was ist geschehen?

CINtIO Wir sind völlig auseinandergesprengt. – Von drei Seiten angegriffen, fochten wir wie Verzweifelnde, streckten manchen braven Kerl nieder; wurden aber so zusammengenommen, dass unserer gewiss kaum ein halbes Dutzend davongekommen sind.

RINALDO Um Gotteswillen! Wo ist Rosalie geblieben?

CINtIO Das weiss ich nicht.

RINALDO Hast du meinen Brief durch Alfonso nicht erhalten?

CINtIO Ich habe ihn nicht gesehen.

RINALDO Vor drei Tagen schickte ich ihn an dich ab.

CINtIO Da waren wir schon auseinander.

RINALDO Altaverde sitzt mit mehreren unserer Brüder zu St. Leo im Kerker.

CINtIO So mag er auf ein seliges Sterbestündchen denken. Wir retten ihn nun nicht.

RINALDO Schlimm! – Cintio! was ist jetzt zu tun?

CINtIO Zu fliehen, so weit wir können. – Rinaldo! Hier ist es aus. Wir wollen nach Kalabrien. Dort will ich eine neue Gesellschaft zusammenziehen. In Kalabriens Schluchten, Gebirgen und Wäldern hausen wir sicherer, und unser Handwerk gedeiht gewiss gut. – Und werden wir auch dort vertrieben, so suchen wir nach Sizilien zu kommen.

RINALDO O Cintio! ist es nicht besser, wir enden?

CINtIO Nicht eher, als bis es dem Schicksal gefällig ist, einen Strich durch unsere Rechnung zu machen. – Du wirst wohl noch so lange hier herumtaumeln, bis dich die Sbirren erhaschen, und danngute Nacht, Kopf Rinaldinis! Auf deinen Torso steigt Cintio und setzt Länder in Schrecken und Polizeien in Verlegenheit.

RINALDO Ein beneidenswertes Glück!

CINtIO Kennst du für uns ein besseres? – Jede andere Laufbahn ist für Menschen unsers Treibens und Tuns mit einem Schlagbaum versehen. Die schlechte Bahn, auf welcher wir uns befinden, hätten wir gar nicht betreten sollen, oder wir müssen darauf fortwandeln.

RINALDO Ach Rosalie!

CINtIO Deine Weiberaffären taugen nichts! Sie haben uns schon in mancherlei Verlegenheiten gebracht, und dich werden sie noch um Kopf und Rumpf bringen. – Wenn man dich hier zwischen Kapellen und Klöstern umherwandeln sieht, sollte man dich eher für einen Betbruder als für einen Mann von Entschlossenheit halten. – Nenne mir den Ort, wo ich unsere Brüder finde. Ich gehe jetzt nach Rom. Und wenn