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er sei Laie oder PriesterWas meintet Ihr wohl, dass zu tun sein könnte?

RINALDO Nach meinen Einsichten muss das die Regierung tun.

PATER Zum Beispiel?

RINALDO Z.B. ein allgemeiner Pardon für Rinaldini und seine Leute

PATER Gott bewahre!

RINALDO Eine Einladung zur Rückkehr in die arme der bürgerlichen Gesellschaft

PATER Gott stehe uns bei! Wer wollte mit solchem Spitzbubenvolke in einer Gesellschaft leben? Man kann ja einen frommen Christen mit gutem Gewissen nicht einmal neben einem solchen Galgenstrick begraben, geschweige denn, dass man ihm sollte zumuten können, neben und mit ihm zu leben. – Nein, damit ist es nichts! – Ihre Sünden kann man diesen Verworfenen allenfalls in der Todesstunde vergeben, wenn sie sich zu Gott bekehren, aber hängen müssen sie ohne Gnade. Sterben sie in ihren Sünden und ohne Absolution, so mag sie der Teufel holen! – Gemeinschaft aber muss man mit solchem Gesindel nicht haben.

RINALDO Ihr wollt ja aber doch selbst in Gemeinschaft mit ihnen treten.

PATER Wir? – Davor bewahre uns Gott!

RINALDO Wollt Ihr nicht eine Sicherheitskarte erkaufen?

PATER Das ist keine Gemeinschaft, sondern Klugheit. Man streckt sich nach der Decke. – Wir kaufen ihnen die Sauvegarde ab und exkommunizieren sie pleniter hintennach. Dergleichen Volk behandelt man wie die Heiden, die nichts von Gott wissen.

RINALDO Gesetzt nun, ich wüsste das, – und ich wär' Rinaldini

PATER Wovor Euch Gott in Gnaden bewahren wolle!

RINALDO Es ist nur ein Fall

PATER Nun ja doch! Aber

RINALDO So würde ich, – als Rinaldini, versteht sich

PATER Ja, ja!

RINALDO So würde ich euch Herren schlimm über die Kronen kommen.

PATER Es ist gut, dass es Rinaldini nicht weiss!

RINALDO Jawohl!

PATER Denn er soll ein rachgieriger Bursche sein! – Vielleicht aber lebt er doch wohl gar nicht mehr.

RINALDO Das ist sehr wahrscheinlich. – Zu Pienza soll sein Kopf auf einem Pfahle stecken, sagt man.

PATER So? – Aber ich fürchte seine Nachfolger ebensosehr wie ihn selbst.

RINALDO Wer weiss auch, ob sie seinen Kopf haben.

PATER Kopf? Hm! daran kann nun so viel eben nicht sein. Er war ja in seiner Jugend bloss ein Ziegenhirt.

RINALDO Deshalb kann ihn aber doch die natur besser als manchen Prälaten bedacht haben.

PATER Er hat keine Studia gehabt. natur tuts nicht allein. – Ihr habt doch studiert?

RINALDO Auf drei hohen schulen.

PATER Habt Vermögen?

RINALDO Ich bin reich!

PATER Reichtum ist eine Gabe Gottes. Wen er lieb hat, dem gibt er Geld, undnotabene! – Verstandeskräfte, dasselbe wohl anzuwenden. – Wir sind eben so reich nicht, als wir scheinen. Der Schein blendet. Zu leben haben wir, aberÜberfluss ist nicht da.

RINALDO Taugt auch nichts! Er macht faul, träge, untätig, erschlafft und entnervt. – Euer Wein ist gut.

PATER O ja! Wir haben ein gutes Glas Weinfür Fremde. Für uns selbst wächst so etwas nicht. Da tuts etwas Geringeres auch.

RINALDO So trinkt mit mir!

PATER Danke!

RINALDO Ohne Umstände!

PATER Nunwenn Ihr darauf bestehtwenn Ihr es durchaus haben wollt, soEuer Wohlergehen, edler Herr!

RINALDO Wohl bekomm' es! – Weil wir denn so wohlgemut hier beisammen sind, so wollen wir noch eine Flasche in Compagnie leeren. – Nicht?

PATER Je nun! ich

RINALDO Ihr trinkt ja doch auch gern?

PATER Libenter? Das eben nicht, aber

RINALDO Keine Umstände! – Sagt mir doch, wem gehört denn das schöne Schloss dort drüben?

PATER Seit nicht gar langer Zeit gehört es einem gewissen Baron Rovezzo, der es gekauft hat. Vorher gehörte es der Familie Altieri.

RINALDO Der Baron bewohnt es?

PATER Er bewohnt es nebst seiner jungen, liebenswürdigen Gemahlin. Sie sind nicht lange miteinander vermählt. Sie soll eine stille, christliche Dame sein. Der Baron ist ein wenig wild, ein Jagdteufel, und reitet, wie man sagt, auf Tod und Leben. – Was ich sagen wollte! Dürfte ich auch um Euren Namen bitten?

RINALDO Graf Dalbrogo.

PATER Dalbrogo? – Dalbrogo? – Ein Geschlecht aus

RINALDO Aus der Italienischen Schweiz.

PATER Aha! Aus der Schweiz! – So so! –

Indem sie so sprachen, kam Sebastiano einhergeschlichen und näherte sich beiden. Rinaldo gab ihm einen Wink, den dieser verstand.

RINALDO Wandersmann, wohinaus?

SEBASTIANO In die Berge, wo ich wohne.

RINALDO Seid ihr dort sicher?

SEBASTIANO Warum nicht?

RINALDO Man spricht von Räubern.

SEBASTIANO Wo sie nichts finden, können sie nichts nehmen. Wir haben nicht viel zum Besten. Hinter solchen Mauern, wie hier, steckt mehr.

PATER Ach Gott! was sagt ihr, ihr unverständiger Mensch! – Das wenige, was bei uns zu finden ist, ist Kirchengut. – Was uns selbst betrifft, so ist bei uns nichts zu suchen und zu finden als die liebe christliche Armut.

SEBASTIANO Die euch aber recht wohl nährt. – Adio!

PATER Hört einmal an! – Der Kerl sieht mir verdächtig aus. – Er gehört vielleicht gar selbst zu der infernalischen Räuberbande.

RINALDO Die Gebirgsbewohner sind meist wilden Ansehens. – Indem ertönte die Glocke. Der Pater eilte ins Chor. Rinaldo bezahlte seine Zeche und nahm seinen Weg gerade auf das Schloss