. Unserer fünf haben es gesehen. – Mein gutes Gewehr versagte, das noch nie versagt hat. – Die andern konnten schiessen. Sie wissen ihren Mann mit ihren gezogenen Rohren fest zu fassen und trafen nichts. – – wunderbar! – Doch wozu mache ich mich selbst furchtsam? – Furchtsam? – Das bin ich nicht. Bedenklich? – Nein! auch das will ich nicht sein. Das hätte ich eher sein müssen. Jetzt wär' es zu spät."
Er konnte nicht schlafen, sprang auf, warf seinen Mantel um und ging hinab ins Tal. Er sprach und trank mit seinen Wachen und fing an, über den Vorgang zu scherzen.
Die Sonne ging eben auf. Er weidete seine Augen an dem herrlichen Schauspiel und seufzte:
"Sie geht mir doch nicht mehr so schön auf als da
mals, da ich noch bei meinen Ziegen war!"
Da kam Nikolo herbeigesprungen und jauchzte:
"Hauptmann, wir haben einen Transport erbeutet,
der den reichen Mönchen zu Mangolo gehörte. Deshalb haben wir ihn nicht bezahlt. – Was das Lustigste bei der Sache ist: Ein Pater, der dabei war, musste uns allen noch dazu Absolution erteilen. Er gab sie uns mit kläglicher stimme, und wir liessen ihn ziehen." "Der Vorfall wird aufsehen machen", – sagte Rinaldo und ging nachdenkend in sein Gezelt zurück, wo Rosalie eben aufgestanden war und Schokolade kochte. Er setzte sich mit seinem Frühstück vor das Gezelt und überschaute das dampfende Tal. Die Strahlen der Sonne wurden mächtiger, der Nebel entfloh, und die herrliche Fläche lag in ihrer ganzen unbeschreiblichen Schönheit vor seinen Augen. Er überschaute durch sein Fernrohr die Landstrassen und sah sie alle leer. Nur auf der einen schien sich ein Fuhrwerk langsam fortzubewegen. Er befahl Sebastiano zuzusehen, was es dort gebe. Dieser flog davon.
Rinaldo fasste ein schönes, nicht allzu entfernt gelegenes Schloss ins Auge, welches schon längst seine Aufmerksamkeit gereizt hatte, ohne sich selbst ein Warum? deshalb angeben zu können. Dasselbe in der Nähe zu besehen, war jetzt sein Vorsatz. Er kleidete sich in ein grünes, mit Gold besetztes Jagdkleid, setzte einen Federhut auf, nahm sein Doppelrohr und ging in Begleitung eines Windspiels den Berg hinab auf die Strasse, die zu dem schloss führte.
Rechts lag ein Kloster, besetzt mit wohlgenährten Benediktinern, vor dessen Pforte ein Mönch, in einem buch lesend, auf und ab spazierte.
Nach einem Morgengrusse von beiden Seiten kamen sie ins Gespräch.
RINALDO Ihr seht mich, wie es scheint, verwunderungsvoll an? Warum das?
PATER Ich wundere mich, dass Ihr so allein hier umhergeht, als sei gar nichts zu fürchten.
RINALDO Was sollte denn auch zu fürchten sein?
PATER Ihr wisst das nicht? – Es hausen Räuber in den Gebirgen.
RINALDO Wovon ich noch nichts gehört habe.
PATER Aber es ist Wahrheit. Wir haben es empfunden. Die Räuber haben uns eine Ladung Wein genommen, und P. Bernhard, der dabei war, hat die Spitzbuben noch dazu absolvieren müssen. Eine solche Absolution ist aber erzwungen und folglich ungültig. Auch soll den Buschkleppern der Spass nicht wohl bekommen.
RINALDO Wieso?
PATER Die bösen Buben sollen von uns nicht allein förmlich exkommuniziert werden, sondern wir werden auch ihr Begehen höhern Orts anzeigen, und es wird bald ein Aufgebot von Mannschaft gegen sie ergehen, die sie aus ihren Schlupfwinkeln jagen wird.
RINALDO Da wird Blut fliessen!
PATER Es fliesse dessen soviel wie möglich, zum Besten der beraubten Menschheit.
RINALDO Kann ich für Geld und gute Worte ein Frühstück bei Euch bekommen?
PATER Warum das nicht? Wollt Ihr eintreten?
RINALDO Ich will es hier im Freien geniessen und mich dann wieder auf den Rückweg machen, weil Ihr mir sagt, die Gegend sei nicht sicher.
Der Pater ging und kam bald mit einem Laienbruder wieder zurück, der eine Flasche Wein und etwas Gebackenes mit sich brachte.
PATER Um Vergebung! Seid Ihr denn nicht hier herum wohnhaft?
RINALDO Ich bin als Gast bei einem Freunde, dessen Schloss nicht weit von hier liegt.
PATER Aha! – Ihr habt also nichts von dem berüchtigten Rinaldini gehört?
RINALDO Und doch! Er soll in einem Gefechte geblieben sein, und zu Cesena habe ich seinen Tod umständlich vernommen.
PATER So sagt man. Indessen wollen doch einige behaupten, dieser Proteus lebe noch. Denn ein wahrer Proteus soll er sein und in tausenderlei Gestalten wandeln.
RINALDO Kennt Ihr ihn nicht?
PATER Gott bewahre! – Indessen, wenn wir gewiss wüssten, wo er anzutreffen wäre, würden wir suchen, von ihm eine Sicherheitskarte für uns und unser Eigentum zu erhandeln.
RINALDO Was müsstet Ihr wohl dafür geben?
PATER Wir böten ihm 100 Zechinen und rückten zu, wenn er mehr forderte.
RINALDO Wenn Ihr aber nun das Geld den Soldaten gäbt, die gegen ihn ausgeschickt würden –
PATER Das würde wenig helfen. Seine Bande wächst gleich wieder an, wenn sie auch zehnmal halb niedergehauen wird. Sie soll ohnehin jetzt über 500 Mann stark sein.
RINALDO Mein Gott! Wovon der Mann nur diese Leute alle ernähren mag?
PATER Vom Raube. Sie stehlen wie die Raben, diese heillosen Buben!
RINALDO Ich dächte aber doch, wenn man es klug anfing, so müsste diesem Unwesen zu steuern sein.
PATER Klug? – Wie das?
RINALDO Es sind nur so meine Gedanken –
PATER Ei nun! jeder Mensch kann kluge Gedanken haben,