die nicht längst verlassen zu sein schien, wie eine noch ziemlich frische Schrift bezeugte, welche auf dem Tische des einzigen Einsiedlerzimmers lag. In dieser hiess es: "Wer du auch sein magst, der du nach mir diese Klause zu deiner wohnung wählst, so wünsche ich dir, dass du ebenso glücklich als ich, der ich dieselbe bewohnte und dieses schrieb, dieselbe wieder verlassen magst."
Rinaldo hatte dieses kaum gelesen, als es ihm einfiel, hier einige Zeit ein Eremitenleben zu führen. Die Kutte war schnell übergeworfen und Rosalie nahm sich der Haushaltung an; die aber, was besonders Tisch und Keller betraf, weit glänzender war, als ein gewöhnlicher Klausner sie zu haben pflegt. Er hatte hier einige Tage verlebt und war eben einmal auf seinem Morgenspaziergang, als er auf einen Menschen stiess, der auf einer Anhöhe sass und zeichnete. Diesem nahte er sich, grüsste ihn, redete ihn an und fragte, was er da zeichne?
"Ich zeichne diese Gegend", antwortete jener – "weil sie in unsern Tagen merkwürdig geworden ist: denn hier ist Rinaldini gefallen. Unter jenem Baume hat er mit gespaltenem haupt seinen Geist aufgegeben. – Ein Soldat, der mit in dem Gefecht war, hat mir diesen Platz genau bezeichnet. – Ist der Platz gezeichnet, radiere ich ihn und verkaufe ihn illuminiert, wovon ich einen guten Profit zu ziehen hoffe. Eine zweite Platte entält das Gefecht, das auch Käufer finden wird. – Auf dem ersten Blatt, wo ich das Tal leer lasse, bringe ich neben dem Baume, wo Rinaldini fiel, einen Galgen an, und die Sache wird emblematisch."
Lächelnd nickte seinem Unternehmen, wie es schien, der Mann, von dem er eben sprach, Beifall und sagte ganz trocken:
"Das gibt eine gute Spekulation!"
Der spekulative Künstler fiel rasch ein:
"So muss es in der Welt gehen! Dergleichen Vorfälle müssen die Kunst ernähren, für welche die Menschen so wenig tun."
Schnell verliess Rinaldo diesen Spekulanten und wünschte ihm guten Absatz seines Kunstwerks. Heimlich aber ärgerte er sich doch ein wenig über den Galgen, der zum sprechenden Emblem seines Grabmals gemacht werden sollte.
Als er nach seiner Klause zurückkam, hörte er Lärm in derselben. Er lauschte, vernahm drohende Stimmen und hörte Rosalien weinen.
Schnell trat er in das Zimmer, wo Rosalie weinend auf der Bank sass, und zwei Kerle von ziemlich ungeschlachtem Ansehen waren eben damit beschäftigt, ein Wandschränkchen zu erbrechen. Sie waren so sehr auf ihre Arbeit erpicht, dass sie ihn nicht kommen hörten. Er winkte Rosalie, die ihn sah, zu schweigen, trat rasch hinzu, warf den einen Kerl zu Boden und bemächtigte sich einer Pistole des Räubers, die auf dem Tische lag. Rosalie zog schnell eine Stutzbüchse hinter dem stuhl hervor, sprang auf und legte auf den zweiten Kerl an, der ganz betäubt sein Werkzeug, womit er an Erbrechung des Schrankes gearbeitet hatte, fallen liess.
Indem Rinaldo dem Unterliegenden die Pistole auf die Brust setzte, rief er dem andern zu:
"Leg deine Waffen ab!"
Rosalie schrie ihm eben diesen Befehl zu und setzte hinzu:
"Leg ab, oder ich schiesse dich nieder!"
Beide Räuber wurden entwaffnet und Rinaldo fragte nun ganz gelassen:
"Was habt ihr hier zu tun, und wer seid ihr?"
"Habt Respekt!" antwortete der eine. – "Wir gehören zu Rinaldinis Leuten."
"Nimmermehr!" sagte Rinaldo. – "Dergleichen erlauben sich Rinaldinis Leute nicht. Ich behaupte, ihr seid Gauner, die Rinaldini ebensowenig als ihr ihn selbst kennt. – Schurken, die ihr seid! stürzt nieder. – Ich – ich selbst bin Rinaldini."
Beide fielen erschrocken nieder und umfassten seine Knie:
"Vergebung, Hauptmann!" – stammelte der eine: – "Wir kannten dich nicht. Aber seit drei Tagen gehören wir wirklich zu den Deinigen. Altaverde und Cintio haben uns selbst geworben. – Wir haben Strafe nach deinen Gesetzen verdient. Züchtige uns nach Wohlgefallen."
Eben wollte Rinaldo antworten, als die Tür aufging und Cintio in das Zimmer trat.
"Ihr habt schöne Hechte angeworben!" – rief ihm Rinaldo entgegen.
CINtIO Zum Teufel! Du hier, Hauptmann! in einer Klausnerkutte? – Da hätte ich dich nicht gesucht. – Wie freue ich mich, dich wiederzusehen! – Was diese Kreuzbeine anbetrifft, so sind sie noch Neulinge. –
RINALDO kennen aber doch unsere gesetz?
CINtIO Die sind ihnen vorgelesen worden.
RINALDO Und sie haben sie beschworen?
CINtIO Das haben sie.
RINALDO Das Mädchen war allein daheim, und wie ich komme, arbeiten sie daran, den Schrank aufzubrechen.
ROSALIE Und ich zeigte ihnen noch zum Überfluss eine Sicherheitskarte von Rinaldini vor.
RINALDO Wie?
CINtIO Tausend Schwerenot! und ihr respektiertet diese Karte nicht? – Heda! Kameraden, bindet diese Nichtswürdigen an den Baum dort und schiesst sie nieder! Sie haben des Hauptmanns Sicherheitskarte nicht respektiert.
"Alle Wetter! über euch Schnapphähne! Ihr seid schlechte Burschen!" schrien die Räuber durcheinander, die jetzt auf Cintios Ruf hereintraten, packten die Unglücklichen an, führten sie hinaus, banden sie an den bezeichneten Baum und bliesen ihnen mit acht Kugeln das Lebenslicht aus.
Dieser Vorfall machte, dass Rinaldo die Klause verliess. – Cintio zog seine Leute zusammen. Sie gingen, zwanzig Köpfe stark, in den Tälern hinab,