hinter sich verschlossen und verriegelt. Eben das geschah mit der Tür, die sich an dem Ausgange des Gewölbes befand; – er kam durch das zweite Gewölbe an Violantens Kerker vorbei, hob die eiserne Falltür, stieg die Wendeltreppe hinauf und kam in den einsamen Turm, der allein auf der äussersten Spitze des berges stand, auf welchem das Schloss lag.
Zwischen den Zinnen dieses Turms hervor überblickte er die Gegend. Alles war rund herum öde und still. Nur das Blöken und Brüllen der weidenden Herden tönte zu ihm hinauf, und in der Entfernung erklangen die Schallmeien der Hirten. – Endlich ertönten die Abendmetten-Glocken der benachbarten Klöster. Es schwebte die goldene Sonne in Feuerpracht dem Meere zu. – Jetzt wurde es noch stiller. Leichte Abendwölkchen schwebten die Berge hinan. – Rinaldo blickte nach dem schloss zurück und seufzte: "O Dianora! Ach! mein Lionardo!"
Am fuss des berges wandelten menschliche Gestalten umher. – Der Mond ging auf, trat hell und rein an den hellen Äter und versilberte die Bäche des Tals. – In den Schiesslöchern der Warte nisteten Turteltauben. Ihr sanfter Flügelschlag durchtönte die Stille der Nacht.
"Da girrt der Gatte bei der Gattin!" – seufzte Rinaldo; – "da deckt er die liebliche Brut mit sanften Flügeln, und stille Ruhe umschwebt das liebende Pärchen!"
Er blickte über sich:
"Dort schwebst du, stiller Gefährte der Nacht! Heiter ist dein Antlitz. Deine sanften Strahlen erquicken die Fluren. Warum umleuchtest du nicht meine Pfade in den friedlichen Gefilden der glücklichen Inseln, wo man den Verbannten nicht kennt!" Er sah hinab. Unten am Berge blinkten Gewehre. – Er verliess die Warte und stieg in die finstern, unterirdischen Gänge zurück, durch die er gekommen war. – Vor der zweiten Tür hörte er Geräusch. Man sprach:
"Noch eine Tür! – Sie ist auch von innen verschlossen. – Brecht sie auf!"
Man setzte die Werkzeuge an. – Rinaldo floh die Treppe hinauf, warf die Falltür hinter sich zu und kam in den Turm zurück. – Hier zog er aus dem Päckchen, welches Violanta ihm gegeben hatte, eine Strickleiter hervor, befestigte dieselbe, liess sich an dem Turme hinab und zog die Leiter nach. "Sehen Sie, mein lieber fremder Herr!" – sagte der Führer, der die Fremden umherführt. – "Sehen Sie, dieses ist das Schloss der Gräfin Martagno, die so unglücklich war, den Räuberhauptmann Rinaldini zu lieben. – Hier steht die Warte, an der er sich hinabliess, als man ihn suchte. – Hinter diesem Dornenbusche, wo die Aloen stehen, fiel er und gab seinen Geist auf. – Er wollte den Berg hinab. Die Soldaten am fuss des berges sahen bei Mondenlicht sich etwas hier bewegen; sie schossen herauf, er sank und verblutete hier sein Leben. Da sich weiter nichts regte, glaubten sie vermutlich nach einem Berghöhlentier geschossen zu haben, und suchten nicht nach. – Als die Soldaten vom schloss abgezogen waren und nicht gefunden hatten, was sie zu finden hofften, suchten Rinaldinis Freunde umher, glaubten ihn vielleicht in einer Berghöhle verborgen und fanden ihn entseelt hinter jenem Busche."
Der Führer zieht den Hut, faltet die hände, und bewegt die Lippen. Dieses Gebet gilt der Seele des Verschiedenen. Dann fährt er fort:
"Hier an dieser Seite des Turms bemerken Sie ein Kreuz in diesen Stein gehauen, und hier, wo wir stehen, unter uns, liegt Rinaldini. Der Boden ist gleichgemacht, kein Grabeshügel erhebt sich über seinen Gebeinen. Sein Leichnam ruht nicht in geweihter Erde."
"Unglücklicher!"
"Jawohl, unglücklich!"
"Und sein Vater, seine Mutter, seine Gattin, sein Kind? Wo blieben diese?"
"Sie haben sich eingeschifft, in einen entfernten Weltteil zu gehen2. – Dieses Schloss bleibt unbewohnt, wird verfallen und endlich zum Steinhaufen werden; dieser Turm wird zusammenstürzen und endlich des Unglücklichen Grabhügel sein. – Ruhig modere sein Gebein! Friede sei mit seiner Seele!"
Fussnoten
1 Die Erzählung seiner nachherigen Schicksale, das Leben, Weben und Streben dieses Knaben finden die Leser in dem buch: Lionardo Monte Bello; oder: der Carbonari-Bund. Leipzig, 1823. Dahin muss ich hier dieselben verweisen 2 Eine ausführlichere Erzählung der Schicksale und begebenheiten dieser Personen werden in dem buch: Nicanor, der Alte von Fronteja, die Leser finden, und gewiss nicht ohne Teilnahme lesen.