Ring unter diesen bunten Steinchen gefunden."
Violanta trat näher, sah ihn forschend an und fragte: "Der Knabe fand den Ring?"
"Er fand ihn."
"Und du – machtest keine Ansprüche daran?"
"Er gehörte nicht mir."
"Auch nicht an das: Nuestro es amor immortal, an den Saphir und die Diamanten? Wie kamst du dazu? – Du scheinst doch arm zu sein?"
"Arm bin ich, und ich bin auch reich. Wer wenig braucht, hat stets Überfluss."
"Wer bist du?"
"Ein Waller."
LIONARDO Er sucht seinen Sohn.
VIOLANTA Seinen Sohn?
LIONARDO Ja. – Weit kommt er übers Meer ihn aufzusuchen. Das hat er mir gestern schon erzählt.
VIOLANTA Gestern schon? – Mein Freund, rede er selbst. – Was sucht er hier? Was hat er mit dem kind zu sprechen? – Warum kam er heute wieder hierher? Wir haben Mittel, ihn zum Geständnis zu bringen, wenn er nicht sprechen will. Es gibt viel schlechtes Gesindel hier herum, und sein Aufzug – verkündet eben nichts Erfreuliches.
LIONARDO Liebe Tante! sei nicht so zornig. Der arme Mann ist ja unglücklich. Gib ihm etwas, und lass ihn gehen.
VIOLANTA Will Er nicht sprechen?
RINALDO Was soll ich sprechen?
VIOLANTA Er ist verdächtig!
RINALDO Ich? – Ach Gott! – Signora! ist das Unglück verdächtig? Ihr wisst nicht, wie mir zumute ist. – Seid nicht so hart!
LIONARDO Er weint. – Der arme Mann! Ich will ihm noch etwas geben. – Sieh, Tante! sieh! – Er weint!
VIOLANTA Verstellung!
Sie sah hinter sich, winkte und zwei Diener kamen herbei.
"Nehmt diesen Bettler fest!" – sagte sie.
"Lasst ihn gehen!" – schrie der Knabe, indem er sich von Violanten losmachte, und zwischen Rinaldo und die Bedienten trat.
"Was willst du?" – fragte Violanta zornig, indem sie ihn zurückzog.
"Das Kind" – sagte Rinaldo, – "weiss wohl, was es tut. Der Himmel gibt ihm es ein, die Unschuld zu verteidigen. – Signora! übereilt Euch nicht. Die Menschen sind nicht immer, was sie zu sein scheinen. So ist es auch mit mir."
VIOLANTA Ihr habt Geheimnisse?
RINALDO Habt Ihr keine?
VIOLANTA Warum eine solche Gegenfrage?
RINALDO Erlaubt sie mir. – Wenn ich Eure Geheimnisse ehre, so ehret auch die meinigen. Es sind Geheimnisse eines Unglücklichen, der aber das nicht ist, wofür Ihr ihn haltet.
VIOLANTA Von Euch kommt dieser Ring!
RINALDO Der Knabe fand ihn.
VIOLANTA Wer kann das glauben?
Der Alte von Fronteja trat herzu, in prächtiger spanischer Tracht, wendete sich gegen Rinaldo und sagte:
"Nun weiss ich, wer du bist! Du folgst ohne Widerrede meinen Leuten, oder du bist verloren."
Der Knabe bat: "Ach! tut dem armen mann nichts!"
Nicanor küsste den Knaben und sagte freundlich: "Auf deine Vorbitte soll er ohne die verdiente Strafe davonkommen."
"Ihr kennt ihn?" – fragte Violanta.
"Ich kenne ihn" – sagte Nicanor und streckte die Hand gegen die Gebirge aus.
Rinaldo verstand diesen Befehl. Er ging langsam davon. Lionardo rief ihm nach: "Lebe wohl, du armer Mann!"1
Rinaldo streckte seine Hand nach ihm aus und schluchzte: "Gott segne dich!"
Nicanor nahm Violantens Arm und ging mit ihr ins Schloss. – Rinaldo sah ihnen nach. – Die Zugbrücke ward aufgezogen. Er kam in seine wohnung, reinigte sein Gesicht und sprach ganz gelassen, doch sehr zerstreut, wie diese selbst bemerkte, mit seiner Mutter. Bald aber suchte er das Feuer, setzte sich unter einen Baum, der vor seiner wohnung stand, und sah, in Gedanken verloren, hinaus in die Ferne. – So bemerkte er kaum, dass ein Mann neben ihm stand, der ihn genau besah. – Endlich fielen Rinaldos Blicke auf den Gaffer. Er fragte: "Was suchst du hier?"
"Ich suche nichts", – war die Antwort, – "als einen Schatz."
"Den wirst du hier wohl schwerlich finden."
"Es träumte mir in voriger Nacht, der Schatz stehe unter diesem Baume, und ich sollte ihn heben."
"So musst du nachgraben."
"Erst will ich darüber mit einem Kapuziner sprechen. Ist ein Teufel dabei, so muss er beschworen werden, sonst bekomme ich nichts."
Damit ging er fort. Rinaldo sprang auf, seinem Vater entgegen, der eben, wieder in seine ländliche Tracht gekleidet, auf ihn zukam.
"O Vater!" – rief Rinaldo ihm entgegen. – "Ihr wart im schloss bekannt, wusstet alles und sagtet mir nichts davon!"
NICANOR Zu seiner Zeit hättest du alles erfahren.
RINALDO Ist Dianora in dem schloss?
NICANOR Sie ist im schloss. – Seit dem tod des Prinzen della Roccella verliess sie Lipari und begab sich hierher.
RINALDO Weiss sie, dass ich hier bin?
NICANOR Nein. – Sie wird es aber erfahren.
RINALDO Doch bald?
NICANOR Binnen drei Tagen wirst du sie sprechen. – Ich habe ihr meinen wahren Namen und Stand entdeckt; ich habe ihr gesagt, dass ich meine Gattin gefunden habe und habe die