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schönster Traum schlingt seinen Mohnkranz aufs neue um meine Sinne, ich spreche das Zauberwort Liebe mit Entzükken aus, und alle meine Sinne wiegen sich in sanfter Zärtlichkeit! – O mein Sohn! die sehnsucht tötet mich, wenn ich die Treugeliebte nicht bald an diesen klopfenden Busen drücken kann. – Eile! bringe der Geliebten diese heilsamen Tropfen. Gegen Abend sprechen wir uns hier auf diesem platz wieder."

Rinaldo erfüllte den Willen seines Vaters. Isotta nahm den Trank und fiel in einen tiefen Schlaf. Gestärkt erwachte sie in einigen Stunden wieder und befand sich wohl. – Mit dieser Nachricht eilte der frohe Sohn zum harrenden Vater. Freudig ergriff dieser seine Hand und rief aus: "Bald werde ich glücklich sein!"

Rinaldo hob seine Blicke zu dem bekannten schloss und seufzte: "Auch ich war einst glücklich!"

NICANOR Die Rückerinnerung schenkt schöne Freuden. Sie ist dem mond gleich, der uns die Sonne gibt.

RINALDO Ist dieses Schloss jetzt bewohnt?

NICANOR Ich glaube wohl, doch weiss ich es nicht gewiss. – Lass uns von deiner Mutter sprechen! – Morgen wird sie ihr Lager verlassen; du bereitest sie ein wenig vor, und ich erscheine.

RINALDO Nur nicht zu rasch!

NICANOR Sei ohne sorge! Ich kenne die Kräfte des Trankes, und hier gebe ich dir noch ein Elixir. Dieses wird alles vollenden. Nichts Kräftigeres hat die natur; es ist die Quintessenz von allen ihren heilenden Kräften.

So fand es sich. – Isotta verliess am folgenden Morgen ihr Lager und wusste nichts von Krankheit mehr.

ISOTTA O! mein Sohn, woher hast du diese Wundertropfen?

RINALDO Es gab sie mir ein alter Freund, den ich ganz unvermutet in diesen Bergen fand.

ISOTTA Gott segne ihn; er ist der Retter meines Lebens; er gab dir deine Mutter wieder. – Ich muss ihm danken, führe mich zu ihm! – Der gerettete Kranke versteht es am besten, seinem arzt zu danken. Wie nennt sich dieser Freund?

RINALDO Nicanor.

ISOTTA Nicanor? – Wie? Nicanor? – Ach! dieser Name sagt mir schon, dass er mein Retter sein konnte. – Nicanor hiess der Mann, der dieses Herzens schönste Freude war. Nicanor hiess dein Vater. – Um dieses Namens willen liebe ihn, mein Sohn!

RINALDO Er ist ein sehr erfahrner Mann. Seine Wissenschaft stammt aus den Morgenländern.

ISOTTA Die kannte auch dein Vater. Sie waren seine Wiege. Dort wuchs er auf, und dortruhen auch, – sagt man, – seine Gebeine.

RINALDO Das wisst Ihr nicht gewiss?

ISOTTA Gewissheit habe ich nicht.

RINALDO Vielleicht lebt er noch in jenen Ländern.

ISOTTA Das wünscht mein Herz, und glaubt es doch nicht.

RINALDO Wenn wir ihn nun irgendwo fänden, wenn er auf jenen glücklichen Inseln

ISOTTA Ich hoffe nichts.

RINALDO Du hast den Sohn gefunden, lass mir, gib dir ihn selbst, den süssen Wahn, den Vater auch zu finden!

ISOTTA O! nähre du diese Hoffnung allein! – Ich habe ihr entsagt. – Zu deinem Freunde führe mich!

RINALDO Er kommt zu uns. Er will die Kranke sehen.

ISOTTA Nicanor! der süsse Zufall gab dir diesen Namen, und deine Wissenschaft ein Gott. – Stammt dieser Mann aus diesem land? Nennt er sich nur Nicanor?

RINALDO Nicanor Sansovini.

ISOTTA Sansovini? – Nicanor Sansovini? – – Mein Sohn! – Er ist dein Vater.

RINALDO Er ist es.

ISOTTA O Gott! – Ach! SansoviniSie sank in ihres Sohnes arme. Der Vater trat herein bei ihrer letzten Rede. Er drückte sprachlos sie an seine Brust. Tränen rollten über seine Wangen. Isotta weinte Freudentränen, und mit ihr der gerührte Sohn. – Stumm blieb die ganze Szene, bis Nicanor endlich sprach:

"Die Mutter weinte, als sie den Sohn wiederfand, sie weint, da sie den Gatten rindet; wir weinen mit ihr. Es sind Tränen des Entzückens. Die Wahrheit unserer Empfindungen beglaubigt sich in Tränen. Sie sind das älteste Siegel der Wahrheit, ein Pfandbrief, der im Herzen gelöst und mit den Augen ausgeliefert wird." Nicanor und Isotta waren nun allein. Rinaldo schweifte auf den Bergen umher.

"Darf ich mit frohem Herzen, o goldene Sonne!" – rief er aus, –"dich wieder begrüssen? Beleben diese mächtigen Strahlen mit frohen Hoffnungen mein Herz, oder sind es bange Erwartungen, die es heben? – Du lächelst ja so mild, freundliches Licht der Welt! Ach ja! du lächelst auch mir!"

Er stieg hinab ins Tal. Dann erstieg er mit zitternden Füssen den Berg, auf welchem das Schloss lag. – Schon war er an der Zugbrücke. – Dort spielte ein freundlicher Knabe mit bunten Steinchen, ein schäkerndes Windspiel neben ihm.

Beherzt sah der Knabe den Fremden an und fragte: "Was willst du, fremder Mann?"

Rinaldo konnte nicht antworten. Tränen erstickten die Sprache; sein Herz drohte den Busen zu zersprengen. – Der Knabe wurde freundlich und sagte:

"Weine nicht! – Ich hole dir Brot und Geld."

Damit sprang er über die Zugbrücke ins Schloss. Rinaldo warf sich zu Boden und schluchzte laut.

"O! brich, mein Herz! Ihr Augen, schmelzt in Tränen! – Ihr saht meinen Sohn!"

Er wankte auf, lehnte sich an einen Baum und blickte gegen Himmel sprachlos,