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Mytologie verschiedener Völker und ging nach Europa zurück."

"In meinem sechsundzwanzigsten Lebensjahre kam ich nach Malta und warf mich in die arme meines Vaters. Dieser versah mich mit Empfehlungen und sendete mich nach Rom. – Leider! folgte mir dahin bald die Nachricht von seinem tod nach. Mir blieb nun von meinen Eltern nichts mehr übrig als ihr mir noch immer heiliges Andenken und ihre Schätze."

"Rom war kein Ort für meinen Geist, für meine Wissenschaften. Ich ging nach Florenz. Dort wurde ich mit einem fräulein bekannt, das ihre Eltern zum Kloster bestimmt hatten. Wir sahen, wir liebten uns. – Die Wachsamkeit der Eltern wurde hintergangen. Wir waren glücklich, um unglücklich zu werden. – Ihr Bruder nahm sich der verletzten Ehre seines Hauses an, er hörte nicht auf meine Vorschläge, verwarf meine Bitten, mit seiner Schwester ehelich mich zu vereinigen, und zwang mich zum Zweikampf. Er fiel. – Ich floh in die Schweiz, um den Nachstellungen der Familie zu entgehen. – Ich durchreiste Frankreich, durchzog Spanien und Portugal und ging endlich nach sechs Jahren nach Italien zurück. – In Venedig erfahr ich, meine Geliebte sei Mutter eines Sohnes geworden. Ihr Vater hatte Florenz verlassen. – Ich eilte dahin. Eine alte Wärterin meiner Geliebten gab mir die Versicherung, mein Sohn werde auf dem land erzogen; wohin die Mutter gekommen war, wusste sie nicht. – Vergebens suchte ich zwölf Jahre hindurch Weib und Kind und fand sie nicht! – Allentalben suchte ich meinen Sohn auf, mit Vaterliebe, und endlichfand ich ihn."

"Du fandest ihn?" – fragte Rinaldo schnell, mit sichtbarer Unruhe.

Der Alte fuhr fort:

"Ja! – Ich fand ihn. – Aber wo?"

"Wo?"

"Ach! ich fand ihn an der Spitze einer Räuberbande."

"grosser Gott!" – schrie Rinaldo. Gelassen sagte der Alte: "Dudu selbst bist mein Sohn."

RINALDO "Ich bin dein Sohn?"

NICANOR Dies erklärt dir alles, was ich für dich tat und was ich nicht für dich tun konnte.

RINALDO Mein Vater!

NICANOR Mein Sohn! – In meinen Armen starb meine gute Mutter! – Das Schicksal will's, ich soll in meines Sohnes Armen sterben!

RINALDO Ach! mein Vater! Du weisst nicht, kannst nicht ahnen

NICANOR Ich hoffe es, dass wir uns nun nie wieder trennen werden. Ein Etwas sagt mir, deine hände werden meine Augen schliessen.

RINALDO Nein, Vater! nein! – Der Sohn reifte früher dem tod.

NICANOR Sei ruhig! Du kannst nun nur in Vaterarmen sterben. Ich drücke dich an dieses Herz, entsage allen Gaukelspielen meines bunten, abenteuerlichen Wallens in dieser Welt und trenne mich nun auch selbst im tod nicht mehr von dir!

RINALDO O Mutter!

NICANOR Ach!

RINALDO Isotta!

NICANOR Wie? – Isotta nennst du deine Mutter?

RINALDO Isotta Moniermi.

NICANOR Dies ist ihr Name. – Wer sagte dir den Namen deiner Mutter?

RINALDO Sie selbst.

NICANOR Sie selbst? Isotta selbst?

RINALDO O! meine gute Mutter!

NICANOR Wo sprachst du sie? – Lebt sie noch? –

RINALDO Sie lebt.

NICANOR Wo?

RINALDO Nicht weit von hier. – Mit mir kam sie hierher.

NICANOR Nach Sizilien? Hierher? – Und sie lebt? – O! sieh! Die Freude macht mich jung. Ich denke nicht mehr an den Tod. Isotta lebt? Für sie will ich leben! – O! führe mich zu ihr! – Ich übersteige die Gebirge, ich eile ihr zu, ich drücke sie an meine Brust. Isotta! meine Liebe! Dich, dich soll Nicanor wiederfinden? Dich Totgeglaubte soll er sehen, an sein Herz soll er dich drücken? – O! zaudre nicht! Du fühlst es nicht, was ich empfinde! Du hast sie schon gefunden, ich aber suche sie noch. – Fort! Fort zu ihr!

RINALDO O! fasse dich! – Lass mich zu Worte kommen und höre mich.

Rinaldo erzählte seinem Vater alles, was wir schon wissen, schilderte ihm den Zustand seiner Mutter und bat ihn, durch seine schnelle Erscheinung ihr nicht den Tod zu geben. – Nicanor sah wohl ein, dass er seiner Ungeduld, Isotta jetzt zu sehen, entsagen müsse. Beide redeten nun ab, wie sie auf eine solche Erscheinung und Zusammenkunft vorzubereiten sei.

So schieden sie, und Rinaldo eilte zu seiner Mutter.

Er fand sie über seine lange Abwesenheit unruhig. Mit der Erzählung, einen alten Bekannten getroffen zu haben, beruhigte er sie.

Den folgenden Morgen kam ihm Nicanor auf halbem Wege entgegen. Er gab ihm Kräuter und einen Trank.

"Diesen Trank" – sagte er, – "zu verfertigen, lernte ich von einem alten koptischen Priester, der noch die koptische Sprache sprechen konnte und verborgen unter den Ruinen von Teben lebte. Dort suchten ihn nur Kranke auf. Er half denselben. Die Kräuter, die ich dir gebe, wachsen in Hennas blumenreichen Feldern, aber sie wachsen auch um die Quellen des Nils. Ein Abessinier, den ich in Mecca kennenlernte, machte mich mit ihren Kräften bekannt. – Gebrauche beides, stärke deine Mutter, bereite sie vor und lass mich bald wieder meine liebe Isotta umarmen. – Hoffnungen und Wünsche beleben meine Brust wie die Brust eines Jünglings. Des Lebens