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dem Wagen. Er reiste als Graf Dalbrogo weiter. Zu Cesena fand er einen Bänkelsänger, der Rinaldinis Taten auf einem offenen platz unter einer bemalten Leinwandtafel absang. Das um ihn herum versammelte Volk hörte diesem mann mit grosser Aufmerksamkeit zu, und Rinaldo drängte sich in den Kreis, zu hören, was man von ihm sang. Eben sang der Bänkelsänger folgende Stanzen:

Da lag er hart verwundet

Und seufzte jämmerlich:

"Ach, wer erbarmt sich meiner?

Wer kommt und rettet mich?

Sind alle meine Leute

So schnell davon geflohn?

Ach, wär' doch hier ein Priester!

Die Zunge stammelt schon.

Er möge meiner Sünden,

Und meiner bangen Qual,

Mich väterlich entbinden,

Und trösten überall!"

Hier zog der Bänkelsänger den Hut vom kopf und schrie: "Lasst uns, o lasst uns, meine Christen, ein Vaterunser beten für den armen beichtenden Rinaldini!"

Alle zogen die Hüte ab und falteten die hände. Rinaldo tat, um nicht aufzufallen, was die andern taten, und betete für sich selbst. Hierauf warf der Bänkelsänger den Hut unter die Zuhörer und schrie ihnen zu:

"Mai! e io sono un povero Christiano! Selig sind, die da geben!" Einer hob den Hut auf, und es regnete Kupfermünzen in denselben. Rinaldo warf Silbergeld hinein, das zog ihm von einem Nachbarn ein

"Bravo Christiano!" zu. – Als der Hut wieder zu seinem Herrn kam, strich dieser das Geld zusammen, steckte es zu sich, setzte den Hut auf und sang fort:

So seufzte Rinaldini

Und sprach im grossen Schmerz:

"Ach! brich doch mein getreues,

Zu viel beschwertes Herz!"

Er sprach: "Ach! Jungfrau reine,

Du unbefleckte Magd!

Dich bitte' ich um Erbarmen,

Dir sei mein Leid geklagt.

Erbarme dich des Sünders

Und nimm ihn zu dir auf!"

Drauf gab er mit Verzücken,

Sein böses Leben auf.

Erlös uns, Herr, vom Übel,

Und nimm dich unsrer an,

Damit wir nie betreten

Des Lasters breite Bahn!

Die Zuhörer waren alle erbaut und gerührt, nur Rinaldo nicht, und gingen auseinander. Der Bänkelsänger aber packte seine Herrlichkeiten zusammen und zog auf einen andern Platz, seine Romanze zu wiederholen. Viele folgten ihm nach, die geschichte noch einmal zu hören.

Rinaldo aber wendete sich zu seinem Nachbarn, der eine Art von Stadtviertelsmeister oder so etwas zu sein schien, und fragte:

"Also ist der Erzräuber Rinaldini wirklich tot?"

"Ja!" – erwiderte dieser – "Gott sei seiner belasteten Seele gnädig! Er ist wirklich tot und geblieben in einem Gefechte gegen die Toscanische Miliz. Sein Kopf steckt vor dem rataus zu Pienza, dort kann ihn jedermann sehen auf einem Pfahle."

"Das ist sehr gut!"

"Jawohl! – Er war der Schrecken von ganz Toscana und der Lombardei. – Schade! ewig schade! dass er seine Verstandeskräfte und seine Tapferkeit nicht besser anwendete!"

Ein Franziskaner erbot sich, ein paar Messen für Rinaldini zu lesen, und erhielt Geld. Rinaldo selbst gab ihm etwas dazu und beförderte also seine Exsequien bei lebendigem leib. Als er den folgenden Tag Cesena verlassen wollte, erblickte er den bekannten Malteser, der ihm auf der Strasse entgegenkam. Es war unmöglich, ihm auszuweichen. Er fasste sich schnell, ging auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und sagte:

"Prinz! ich bin in Eurer Gewalt."

"Mein Gott!" – rief dieser verwunderungsvoll aus: – "Seid Ihr es wirklich? Seid Ihr vom tod auferstanden?"

RINALDO Ihr seht mich lebendig vor Euch.

PRINZ Fürchtet nichts von mir. Ich bin kein Sbirre.

RINALDO Wenn ich Euch einmal in meinem Leben auf irgendeine Art dienen kann

PRINZ Ohne Umstände! – Seht Euch wohl vor.

RINALDO Man glaubt mich tot und singt mein unglückliches Ende auf allen Strassen ab.

PRINZ Gut für Euch! – Aber dass Ihr hier so öffentlich und allein

RINALDO Glaubt nicht, dass ich allein bin. In hunderterlei Gestalten umgeben mich die Meinigen. Sich meiner person zu bemächtigen, würde Blut genug kosten.

PRINZ Wollt Ihr nicht einmal endigen?

RINALDO Das will ich. In Deutschland will ich die Meinigen auseinandergehen lassen, wenn es mir gelingt, dieses Land zu erreichen. – Wohin geht Ihr?

PRINZ Jetzt nach Urbino.

RINALDO Dort sehe ich Euch wieder. – Prinz, erlaubt mir die Frage: Ist Eure Tochter glücklich?

PRINZ Wie? Ihr wisst

RINALDO Donato hat mir alles gesagt.

PRINZ Jasie ist glücklich verheiratet, hoffe ich.

RINALDO Gott segne sie! – Prinz! Eure Maultiere wurden einst von meinen Leuten

PRINZ Still davon!

RINALDO Ich bitte Euch, nehmt diesen Ring von mir!

PRINZ Als ein Andenken von einem so merkwürdigen Mann, als Ihr seid, nehme ich diesen Ring an.

RINALDO Ich danke Euch! – Und da Ihr viel zu reisen pflegt, so bitte ich Euch, nehmt diese Karte von mir. Meine Leute werden sie allentalben und unbeschränkt respektieren.

PRINZ Ich nehme auch dieses Euer Geschenk an. –

RINALDO Gehabt Euch wohl und gedenkt meiner!

Er liess sogleich anspannen und ging auf einem andern Wege weiter. Er schickte Sebastiano, als er seine Maultiere verkauft hatte, voraus, brachte sein Geld wieder in Sicherheit und zog sich in die Apenninen rechts hinunter.

Hier fand er eine leere Klause,