! O! wer dies nie empfand, der kann's auch nicht begreifen. So belehrt der Himmel nur; so kann der Schöpfer nur belehren. O! halte dich, mein Herz! – O Gott! wie ist – Sie sank in Ohnmacht. – Als sie nach mancherlei Bemühungen wieder zu sich gebracht wurde, bat sie der Baron, auf ihrem Zimmer ein wenig zu ruhen. Sie brachten sie dahin. Als der Baron und Rinaldo wieder in den Saal zurückkamen, warf dieser sich zitternd auf ein Sofa und stöhnte tief auf:
"O! wie ist mir!"
Der Baron ging schweigend auf und nieder, sagte endlich mit gepresster stimme:
"Ich muss mich sammeln. – In einigen Stunden seht Ihr mich wieder."
Er verliess den Saal. – Rinaldo ging auf sein Zimmer, warf sich aufs Lager und weinte laut.
Als der Baron zurückkam, ging er ganz heiter auf Rinaldo zu, ergriff seine Hand und sagte:
"Was mich betrifft, so habe ich guten Rat für euch alle. Mir folgt ein Mann, der dich auch kennt und der dich sprechen will."
"Wer ist er?" – fragte Rinaldo und dachte an den Alten von Fronteja.
Dieser aber war es nicht. Onorio trat ein. – Er war der Klausner, dessen Isotta erwähnte, der zuweilen sie besuchte. – Rinaldo flog auf ihn zu. Onorio schloss ihn in seine arme.
ONORIO Du bist glücklich!
RINALDO Meine Mutter habe ich gefunden!
ONORIO Sie ist es.
RINALDO Du weisst es?
ONORIO Die Bäuerin, die du für deine Mutter hieltst, die dich erzog, war nicht deine Mutter. Das hat sie mir einst selbst gesagt.
Übers Gebirg warst du ihr zur Erziehung zugetragen worden. Deine Pflegeeltern waren arme Leute, sie waren gezwungen, die Kostbarkeiten, die du um dich hattest, zu Gelde zu machen. Sie fürchteten Nachfrage und flohen nach Ostiala, als du zwei Jahre alt warst. So konnte deine Mutter nichts von dir erfahren, und du bliebst der Sohn eines armen Mannes, der aus Not an deinem Eigentume sich vergriffen hatte und dies nicht zu gestehen wagte. – Ich erfuhr dies zu spät. Mein Verdruss trieb mich aus jener Klause, in der du Unterricht von mir empfingst.
RINALDO Und meinen Vater kennst du nicht?
ONORIO Ich hoffe, dein Glück wird dich ihn finden lassen.
RINALDO Du wolltest ja auf Lampidosa bleiben?
ONORIO Ich wollte, aber es sollte nicht sein. – Barbaren störten mich in meiner Ruh, und ich entfloh ihren Nachstellungen nur mit äusserster Gefahr. Dies hat mich bewogen, Lampidosa zu verlassen. Ein Schiff brachte mich auf diese Insel. Der Zufall führte mich in eine Klause, die ich noch bewohne. – Der Baron ist mein Freund; er würdigte mich seines Zutrauens, und Isotta schenkte mir ihr Vertrauen.
RINALDO O! gute Menschen! Ach! hier steht der Räuber zwischen euch.
BARON Behutsam! – Isotta darf nie wissen, nie erfahren, dass du warst, was du nie hättest werden sollen. – Schone deine Mutter!
ONORIO Schone sie, uns alle und dich selbst. – Wir haben keinen Umgang mit dem Räuber, wir lieben unsren Freund. Wir wollen sein voriges Leben nicht kennen.
RINALDO Ach! ich kann ja doch nicht bei euch bleiben.
BARON Nun kommt mein Rat, mein Vorschlag. – Weit entfernt von Italien musst du der Mutter leben. Sie glaubt dich flüchtig eines Zweikampfs wegen; sie glaube auch, dass du deswegen diese Insel verlassen musst. Sie gehe mit dem Sohne.
RINALDO Wohin?
BARON Ewiger Frühling lächelt auf den glücklichen Kanarischen Inseln –
RINALDO Dortin! – O! dass wir doch schon auf dem Meere wären! dass ich, die teure Last in meinen Armen, fröhlich ans Land spräng' und ausrief: Ihr lachenden Gefilde, ein Glücklicher führt Euch seine Mutter zu! – Hinter mir läge dann der Schauplatz meiner Verbrechen, und vor mir lachte mich das Land meiner Entsündigung an. Ein neues Leben hätte einer neuen Welt mich wiedergeboren. Erst gegen Abend sah Rinaldo seine Mutter wieder, die, gleichsam neu verjüngt, in seinen Armen lag, weidend sich an seinen Blicken. – Die Stunde der Mitternacht trennte endlich beide.
Onorio und der Baron hatten den folgenden Tag mit Isotta alles abgeredet. Diese willigte mit Vergnügen darein, mit ihrem Sohne Sardinien zu verlassen. Der Zweikampf blieb der Vorwand der Verkleidung, mit der Rinaldo sich umgeben musste. Auch Isotta nahm Pilgerkleider. Beide gaben eine Wallfahrt vor, zum Wunderbilde der hochheiligen Helferin zu Babato auf Malta.
Der Baron besorgte Kleider und füllte die Kasse seiner Schwester wohl. – Endlich hatte er auch ein englisches Schiff gefunden, und der Tag zur Abreise war festgesetzt.
Schmerzlich war die Trennung der Geschwister; Onorios matte Augen glänzten in Tränen; man schluchzte laut und hatte keine Worte als ein dumpfes Lebewohl!
"Reiset glücklich!" – schluchzte endlich der Baron und riss sich aus den Armen los, die ihn scheidend umfingen. "Reiset glücklich!" – wiederholte Onorio.
"Lebet wohl!" – schluchzte Isotta.
"Lebet wohl!" – stöhnte Rinaldini.
Achtzehntes Buch
Wenn nun alle Sterne prangen,
Die dir glänzen sollen, sinkt
Deine Sonne; aufgegangen
Ist der Mond; die Sichel winkt!
Schon waren Isotta und Rinaldini auf dem Schiffe. Die Anker wurden gelichtet; ein günstiger Wind schwellte die Segel; das