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Gegend, wo ich die Ziegen hütete, war mein Lehrer. Ihm verdanke ich jeden Unterricht, den ich erhielt. Seine Bücher, besonders die Biographien des Plutarch, erhitzten meine Phantasie, und die Welt der Ritterbücher war meine Lieblingswelt. Wär' ich edler geboren gewesen, wer weiss, welche glänzende Rolle ich gespielt hätte!

Der Baron schwieg. – Er ging endlich zu seiner Schwester und blieb lange bei ihr. Spät trennte er sich von seinem gast. Die Sonne weckte früh den Schläfer, der gegen Morgen erst entschlummert war. Rinaldo stand auf, öffnete ein Fenster und blickte in die schön erleuchteten Fluren. Der Nebel wallte schnell, in hohen Wirbeln, die Berge hinauf. Ein Diamantenmeer flimmerte im Tale. Ergriffen von einem wehmütigen Gefühle, warf sich Rinaldo mit nassen Augen vor dem offenen Fenster nieder. Er seufzte tief auf, hob seine Augen gegen Himmel und rief aus:

"O! Gottes Sonne leuchtet dieser Flur so schön! – Auch ich geniesse ihre milden Blicke, und dennoch dringt kein Strahl der Freude in dieses klopfende Herz! – Ach! – Ach! überallhin werden diese Strahlen mich begleiten, und überallhin trage ich mein Herz mit mir."

"Klage nicht!" – ertönte eine stimme hinter ihm.

Er wendete sich, sprang auf; die Tür der Kapelle war geöffnet. Eine schwarzgekleidete Dame stand vor ihm. Er blickte sie betroffen an. Sie hob die Hand und bedeckte die Augen, indem sie sagte:

"O! dieser Spiegel blendet mich!"

Rinaldo stammelte:

"Ach! gönnt mir Eure Blicke, wie mir die wohltätige Sonne ihre Strahlen gönnt."

Sie zog die Hand von den Augen und sagte:

"Seit beinahe dreissig Jahren sah ich kein so freundliches Bild als das deinige, Fremdling! Es tut so wohl, und dennoch schmerzt es! Diese Augen sehen mich selbst. In dir sieht sich Isotta. – Verweile hier bei mir. Ich spreche so selten mit einem Menschen. Ach! und in ein Gesicht, wie in das deinige, habe ich noch nie gesehen. – Ich hatte einen Sohn. – Nur wenige Stunden lächelte er mir! – Wie du, so müsste er jetzt aussehen. – Mein Herz will mich täuschen! – Nein! Ich weiss es ja, dass du nicht mein Sohn bist. – Mein Bruder sagte mir, du seist ein Reisender; ein unglücklicher Zweikampf halte dich hier verborgen. – Ach! auch mein Bruder fiel einst im Zweikampf! – – Solange du noch hier bist, musst du noch viel, recht viel mit mir sprechen. Denn wenn du fortgehst, bin ich wieder allein und spreche nur zuweilen meinen Bruder und einen Klausnerer wohnt auf jenem Berge –, der durch einen verdeckten gang, den mein Bruder ihm gezeigt hat, zweimal in jeder Woche zu mir kommt."

Rinaldo ergriff ihre Hand und benetzte sie küssend mit seinen Tränen.

SIE Du weinst?

ER Mein Herz! mein Herz!

SIE Sonst habe ich viel geweint. Jetzt kann ich nicht mehr weinen. Die Quellen meiner Tränen sind vertrocknet. Ich habe keine Tränen mehr, die das Herz erleichtern. Nur Seufzer sind mir noch geblieben. Ich sende sie vergebens meinem grab zu!

ER Auch ich!

SIE Auch du!

ER O ja! Auch ich!

SIE So bist du gewiss nicht glücklich.

ER Ich war es nie!

SIE Ich beklage dich. Auch ich bin sehr unglücklich und kann nie wieder glücklich werden. Mein Gatte, mein Sohn, mein Unglück. – Ach! – – O! dieser blick von dir! – Ach! keinen dieser Blicke mehr! Doch dieser Händedruck soll – – Gerechter Gott! –

ER Was ist dir?

SIE Was sehe ich? – Täusche ich mich nicht? – Nein! Ich sehe – O Gott!

ER Rede! –

SIE Auf deiner rechten Hand, dies sonderbare Mal

ER Ich habe es mit auf die Welt gebracht.

SIE Dieses, ach! so sonderbare Maltrug auch mein Sohn auf seiner rechten Hand. Ich war so froh, als ich es sah, dereinst ihn daran wiederzuerkennen! Ein zweites Mal, auch diesem gleich, trug mein Kind auf seinem linken Knie.

ER Hier ist das Mal! Ich trage es.

SIE Heilige Jungfrau! – Bist du deiner Mutter gewiss?

ER Eine Bäuerin. Nie nannte man mir eine andere.

SIE Nein! Sie war deine Mutter nicht. Zwei Tage warst du auf der Welt, als man dich mir entriss und dich, ich weiss es nicht wohin, brachte. – Du bist mein Sohn! Nicht diese Zeichen allein, auch mein Herz sagt es noch lauter! O! fühle diesen Schlag! An meine Brust! Du bist mein Sohn!

Der Baron trat ein. Betroffen sah er die Umarmung, blieb stehen und konnte nicht sprechen.

ISOTTA O Gott! – Ich habe wieder Tränen! Du bringst sie mir, diese Freudentränen! – Der Mutter gibst du alles wieder; auch Tränen unddich selbst! dich selbst! –

BARON Schwester!

ISOTTA Mein Sohn!

RINALDO Meine Mutter!

BARON Ewiger Gott!

ISOTTA Er ist es! Ja, er ist es! Die Zeichen sind an ihm; er ist mein Ebenbild; für ihn schlägt dieses Herz. – O! guter Gott! Du gabst mir Tränen wieder und den geliebten Sohn! – Wie mächtig ist dein Zauberruf, natur