wenn Rinaldo ihm das seinige geben wolle, sich nicht an ihm oder an seinen Gütern zu rächen.
ERMINIA Das wird er nicht tun!
RINALDO Ich gebe Euch, was Ihr verlangt. Nie werde ich mich an Euch oder an Euern Gütern rächen, solange Ihr schweigt. Wolltet Ihr aber –
MARQÜIS Ich brach noch nie mein Wort. – Es bleibt alles unter uns.
RINALDO Herr Baron! Lasst mein Pferd vorführen. Ich scheide von Euch mit dankbarem Herzen. Ihr wisst, was Ihr von mir gesprochen habt, ehe Ihr mich kanntet. Ach! was empfand ich, als ich Euch so sprechen hörte! – Der Räuberhauptmann hat ein Herz und weiss dankbar zu sein. Lebt wohl! Mein unglückliches Schicksal treibt mich von allen meinen schönen Plätzen, aus allen Wohnungen des Friedens. Ach! wo schöne, edle Seelen weilen, darf ich nur im geist sein. So bin ich stets bei Euch. Beklaget mich, verdammt mich aber nicht! Schenkt Euer Mitleid einem Unglücklichen, der nirgends sicher ist, der nie sich zeigen darf, ohne Schrecken und Verwirrung zu verbreiten. Diese Gefühle drücken mich zu Boden. Schenkt, wenn Ihr dürft, mir Eure Freundschaft, und lebt wohl!
Tränen in den Augen, verliess er das Zimmer. Ihm folgte der Baron. Im Wäldchen hinter dem schloss wurde geschossen. Dragoner wurden sichtbar.
"Der rechte Flügel meines Schlosses" – sagte der Baron, – "ist an ein altes Gebäude angebaut, das ich aus mehr als einer Ursache noch nicht habe abreissen lassen. Dortin bringe ich Euch. Dort seid Ihr sicher. Ich selbst werde es weder an Nachfrage noch an Verpflegung fehlen lassen. Den Soldaten jage ich Euch nicht entgegen. Ist der Marquis abgereist, und die Gegend ist von Soldaten geräumt, dann – mögt Ihr reisen."
Rinaldo dankte dem Baron schweigend, mit blick und Händedruck, und folgte ihm über den Hof. – Sie kamen in das alte Gebäude. Der Baron verschloss die Türen und ging zur Gesellschaft zurück.
Der Marquis war sehr verstimmt und nahm, mit Wiederholung seines Versprechens, Abschied. Erminia liess sich zu Bette bringen. Die Baronin klagte Kopfweh. Rinaldo befand sich in einem getäfelten, mit gemaltem und vergoldetem Schnitzwerke verzierten Zimmer, versehen mit wenigen und alten Möbeln. Auf einigen Wandleuchtern staken Wachslichter, welche die Zeit ihres Nichtgebrauchs ganz braun gemacht hatte. Die Seitentür des Zimmers führte in einen Saal, dessen Wände mit Familiengemälden rundherum umhangen waren.
Diese Gemälde betrachtete Rinaldo eben aufmerksam, als der Baron eintrat.
"In diesem saal", – sagte er, – "bin ich oft. Dies sind die Bilder meiner Ahnherren und ihrer Weiber; das meinige schliesst diese Reihe. Ich sterbe ohne Sohn. Seit vierhundert Jahren blühte mein Geschlecht unter der Republik und unter den Herzögen von Florenz. Mein Vater verliess sein Vaterland mit seinen Schätzen, kaufte dieses Schloss und hängte hier die Bilder einer Familie auf. – Dieser hier focht als General der Florentiner gegen die Venetianer; dieser diente unter Doria bei Lepanto. – Dieser war mein Vater. Ihm zur Seite hängen die Bildnisse seiner beiden Weiber. Die erste gab ihm eine Tochter und einen Sohn, der nicht mehr lebt; die zweite gebar mich. – Ehemals lebte hier die ausgestorbene Familie Sestino. Hier ist ihre Hauskapelle."
Er öffnete die Tür. Sie traten hinein. – Es rauschte hinter einem seidenen Vorhange. Rinaldo sah den Baron an. Dieser nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm in den Saal zurück.
Schweigend kamen beide in das Zimmer. – Der Baron ging, kam bald zurück und trug einen Korb mit speisen und Wein. – Sie setzten sich. Der Baron begann:
"Das Geräusch in der Kapelle machte Euch aufmerksam."
RINALDO Ist die Kapelle bewohnt?
BARON Die Zimmer hinter der Kapelle sind es.
RINALDO Wie?
BARON Seid unbesorgt! – Dort wohnt ein Wesen, das Ihr nicht zu fürchten habt. Ich bitte Euch aber, sie nicht zu beunruhigen.
RINALDO Sie?
BARON Meine unglückliche Schwester wohnt dort.
RINALDO Eure Schwester?
BARON Ein Geheimnis, von dem selbst meine Frau und meine Tochter nichts wissen. – – Euch teile ich es mit. Warum? sollt Ihr nachher erfahren. – Meine Schwester Isotta war durch ein Gelübde ihrer Mutter zum Klosterleben bestimmt, zu dem sie keine Neigung fühlte. Sie wurde mit einem Prinzen bekannt, und ihre Bekanntschaft hatte Folgen. Ihr Bruder suchte den Liebhaber seiner Schwester auf Befehl der Mutter auf. Vergebens waren Vorstellungen und Bitten; er verlangte Blut. Der Prinz musste sich mit ihm schlagen und war so unglücklich, seinen Gegner zu erstechen. Die Mutter starb; der Vater vermählte sich zum zweitenmal und verliess Florenz. – Isotta ward hierhergebracht. Ihren Sohn hat sie nie wieder gesehen. Er wurde auf dem land erzogen, ging verloren, und man weiss nicht, hat es nie erfahren können, wohin er gekommen ist.
RINALDO Und der Vater?
BARON Hat, heisst es, sein Grab in den Morgenländern gefunden. – Ich liebe meine unglückliche Schwester Isotta herzlich, und der Zufall will, dass Ihr dieser Schwester sehr ähnlich seht. – Ich denke jetzt nicht daran, dass Ihr Rinaidini seid. Ich sehe in Euch nur den Fremden, der meine Tochter gerettet hat. – Wo seid Ihr geboren?
RINALDO In Ostiala. Der Jüngste meiner sechs Geschwister, bin ich eines Bauern Sohn. Ein Klausner in jener