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darstellen. Wozu sollen unsere Verteidigungsanstalten dienen? Unsren Schuttaufen werden die Soldaten bald erstürmen. Wir sitzen dann alle auf Rädern. Der Hauptmann selbst ist verloren. Lasst uns an unsere Selbstrettung denken. Wir wollen akkordieren; den Hauptmann liefern wir aus und erhalten Freiheit und Pardon. Dann können wir unser Geld anwenden, wozu wir wollen, und entgehen dem Galgen auf die beste Manier."

Man sprach hin und her, und endlich gab man dem Sprecher Beifall.

Rinaldo, der so etwas schon längst befürchtet hatte, zog sich in seinen gang zurück, führte sein gesatteltes Ross sich nach, nahm seine Kostbarkeiten zu sich, setzte sich auf, trabte davon und überliess die Verräter ihrem Schicksal. Auf dem schloss des baron Moniermi treffen wir den Entflohenen wieder an, wohl aufgenommen, freundlich bewirtet, in Gesellschaft der schönen Erminia, die es sich selbst gestehen musste, dass sie gern in der seinigen war.

In das Schloss kam die Nachricht, in einer zerstörten Feste sei endlich Rinaldini mit dem Überrest seiner Leute gefangengenommen und nach Oristagni geführt worden.

"Ich habe", – sagte der Baron, – "ob er gleich ein Räuber ist, dennoch Mitleid mit Rinaldini. Er hat, wie man erzählt, auch eine sehr grossmütige Seite gehabt und ist gegen arme mitleidig gewesen. Das ist es, was mir an ihm gefallen hat!"

"Nur ein grossmütiger Mann, Herr Baron", – begann Rinaldo, – "kann selbst an einem Räuber etwas bewundern, das grossmütigen Handlungen ähnlich sieht. Wenigstens hat sicher Rinaldini die meisten derselben mit Eigennutz ausgeübt. Da Tausend so schlecht von dir sprechen, – sagte er vielleicht bei sich selbst, – so sollen doch wenigstens auch einige Wenige gut von dir reden; dies könnte doch wohl einigen Eindruck machen, einige Entschuldigung geben. – So nehme ich die Sache."

BARON So werden sie die meisten Menschen nehmen. Ich aber habe noch eine Seite, von der ich sie betrachte. – Vielleicht war Rinaldini durch irgendeinen Unglücksfall in seine Lage gekommen. Die Bahn des Lasters ist breit, er wandelte dieselbe mit Bequemlichkeit. Als er aber dennoch endlich zu sich kam und zurückgehen wollte, war es zu spät.

RINALDO Ja, ja!

BARON Um also nur in etwas gleichsam sich selbst zu entsündigen, – wenn man so reden darf, – wurde er edelmütig.

RINALDO Das ist sehr möglich!

BARON Mir ist es äusserst wahrscheinlich, und ich glaube es sogar.

RINALDO Wenn er aber nun, wie man erzählt, von jeher, ehe er sich am Ziele seiner Räubertaten sah, so handelte?

BARON So brachte er ein gutes Herz mit in seine Wälder, und Gutes zu tun, war ihm gleichsam angeboren.

RINALDO Er soll wirklich mitleidig gewesen sein.

ERMINIA Wenigstens sehr zärtlich. – Von seinen Liebschaften erzählt man viel.

RINALDO Man weiss allentalben viel von ihm zu erzählen. In Florenz, in Rom, in Neapel und in ganz Sizilien spricht man von ihm. Und, was das Sonderbare ist, man erzählt grösstenteils nur Gutes von ihm.

ERMINIA Die Menschen sind sehr gefällig, wenn man nur ihre Aufmerksamkeit zu erhalten weiss.

BARON Mein Vater war ein Florentiner. Er verliess sein Vaterland. – Ich hatte in Florenz Familienangelegenheiten zu berichtigen, und als ich dahin ging, machte ich einst in den Apenninen eine merkwürdige Bekanntschaft mit einem Klausner, Donato genannt. Dieser kannte Rinaldini genau. Er hat mit mir viel von ihm gesprochen. – Diese Nachrichten haben mich, ich kann es nicht leugnen, sehr für ihn eingenommen, und ich glaube, ich hätte beinahe selbst gewünscht, seine Bekanntschaft zu machen, wenn er allein und ohne Gesellen zu sehen gewesen wär'. In unserer Nähe will man ihn allentalben gesehen haben; doch bis zu meinem schloss hat er sich nicht verirrt.

Ganz unvermutet gab Rinaldo diesem Gespräch eine andere Wendung, indem er Erminias Stickerei bewunderte. Nach Tische sprach man von einem Besuche, den man erhalten würde, und ehe Rinaldo noch den Namen des Gastes erfuhr, trat dieser selbst ins Zimmer. Es war der Marquis Reali, den wir kennen. – Betroffen trat er einen Schritt zurück, fasste sich aber schnell, ging auf Rinaldo zu und fragte: "Treffen wir uns hier?"

"Eine Bekanntschaft?" – fragte der Baron.

"Eine interessante Bekanntschaft", – antwortete der Marquis lächelnd und wendete sich zu den Damen.

Der Baron fixierte den vermeinten Ritter Ostila, und dieser war nicht ganz ohne Verlegenheit. – Der Marquis stattete Erminien seine Glückwünsche wegen ihrer Befreiung ab und erzählte, der Marquis Lomanieri habe die Insel verlassen.

"Es war" – fuhr er fort, – "in der Tat ein Unternehmen, welches dem Marquis Lomanieri teuer würde zu stehen gekommen sein! Er ist, sagt man, nach Turin gegangen, um dort bei dem König um Gnade zu bitten."

BARON Meine Berichte an den König werden eher dort eintreffen als er. Ich verlange Satisfaktion und muss und werde sie erhalten.

MARQUIS Gewiss!

BARON Der Marquis darf ungestraft meine Ehre nicht angetastet haben.

MARQUIS natürlich!

ERMINIA Ohne den tapferen Beistand dieses Herrn, den Ihr kenntwär' das abscheuliche Unternehmen sicher geglückt.

MARQUIS O! es durfte nicht glücken! Der Himmel hält stets sein schützendes Schild über Schönheit und Tugend.

Der Marquis nahte sich einem Fenster. Rinaldo trat schnell hinzu. – Die Damen zogen sich zurück. Erminiens Augen blieben