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Abend nahte sich. Sanardo machte sich kenntlich.

"Die Pilger sind bereit", – sagte er.

Rinaldo bestimmte den Platz, auf den sie sich begeben sollten, und bezeichnete den Wagen und die Personen, die zu beobachten waren. Lodovico und Fiametta fanden sich ein. Filippo hatte Händel mit einigen Vagabunden gehabt. Sanardo zog seine Leute zusammen. Sie gingen nach ihren Bergen, Lodovico und Fiametta folgten ihnen, wie Rinaldo befahl. Der Wagen stand angespannt. Die Baronin und Erminia stiegen ein. Rinaldo liess sich nicht sehen. – Schon war der Wagen ihm aus den Augen, als er sein Ross bestieg und davonjagte. – Vor dem wald holte er den Wagen ein.

Es wurde dunkler. Erminia hörte Hufschlag. Sie blickte aus dem Wagen. Rinaldo erschien am rechten Kutschenschlage; das fräulein rief:

"Ei, seht doch, Mutter! meinen Ritter."

"Ich halte Wort", – sagte er. – "Der Wald ist lang, es wird dunkler, und meine und Eure mir geschenkten Pistolen sind geladen."

Mutter und Tochter dankten sehr höflich. Das fräulein fuhr fort:

"Schon glaubte ich Euch verschwunden."

Die Mutter aber fragte sehr naiv:

"Ihr reitet aber doch nicht um?"

"Ein Fremder ist allentalben daheim", – antwortete Rinaldo.

Es erfolgte eine Pause. – Im wald wurde laut gepfiffen. Die Damen fuhren erschrocken zusammen. Rinaldo hörte das ihm bekannte Zeichen. Er wusste nun, dass seine Leute ihm zur Seite im wald waren.

"Was war das?" – stammelte Erminia.

"Ein Wanderer vielleicht", – sagte Rinaldo, – "der sich die Zeit vertreibt."

"O nein! Es war ein Schreckenston für jedes Wanderers Ohr."

"Fürchtet nichts!"

Ein nahes Geräusch. Es rauschte durch die dürren Blätter des Bodens wie menschliche Fusstritte; es kam näher, zwei Kerle wurden sichtbar. – Sie nahten sich dem Wagen.

"Legt die Waffen ab!" – schrie Rinaldo, indem er mit gezogenem Gewehr auf sie zu ritt.

Der eine wollte Feuer geben. Das Pulver flog von der Pfanne auf, der Schuss versagte.

Besser traf Rinaldo. Der Kerl stürzte sogleich zu Boden. Der andere fiel bittend auf die Knie. Rinaldo liess ihn von den Bedienten binden und auf den Wagen setzen. Ein Bedienter, den Rinaldo bewaffnete, sass neben ihm; dem Kutscher rief er zu, rasch darauf loszufahren, und seine Gesellen im wald erhielten von ihm das Zeichen ihrer Entlassung. Der Wagen hielt vor dem schloss des baron Moniermi. Man stieg aus. – Die Damen klagten dem Baron ihren Unfall und stellten ihm ihren Retter vor. – Der Baron empfing ihn herzlich. Rinaldo nahm bescheiden jede Lobeserhebung an, die man ihm zollte.

Der Gebundene ward vorgeführt. Er sagte aus, was

wir schon wissen, und ward ins Schlossgefängnis gebracht. – Man legte sich spät zur Ruhe und stieg des Morgens sehr spät auf.

Rinaldo fand den Baron, seine Frau und Tochter

beim Frühstück in einem Pavillon des Gartens.

BARON Mein Herr Ritter, indem ich Euch noch

mals danke, bezeige ich Euch zugleich meine Verlegenheit, denn ich muss Euer Schuldner bleiben und weiss nicht, womit ich

RINALDO Ohne Verlegenheit, Herr Baron! Jeder

Mann von Ehre würde getan haben, was ich tat. Ein Reisender muss dergleichen Auftritte beständig vor Augen haben. Es konnten mich Räuber anfallen, und ich würde mich auch gewehrt haben.

ERMINIA Aber ihr wagtet Euer Leben für eine Unbekannte, die

RINALDO Für eine Dame zu kämpfen, ist Ritterpflicht, gleichviel, sei sie auch eine Unbekannte!

ERMINIA Ihr seid auf Reisen, wir sehen einander vielleicht nie wieder, aber immer wird mein Herz dankbar für meinen Retter schlagen!

BARONIN Mutter und Vater danken Euch die Rettung ihres einzigen Kindes!

Man lustwandelte im Garten umher, und kaum sah Rinaldo sich mit dem fräulein allein, als es zu einer wechselseitigen Unterhaltung kam.

ER Noch habe ich eine Bitte an Euch, mein fräulein!

SIE An mich? Geschwind die Bitte!

ER Stellt dem mich vor, für den ich Euch rettete.

SIE Ihr kennt schon meine Eltern.

ER Doch den nicht, dem Euer Herz

SIE Mein Herz ist noch mein, so wie meine Hand.

ER Ich darf nicht zweifeln, weil Ihr's sagt, wie gern ich auch zweifeln möchte.

SIE Ich wiederhole es, mein Herz ist frei und meine Hand ist mein.

ER Wenn Ihr dereinst diese teuern Pfänder Eurer Liebe verschenkt, so

SIE Ihr brecht ab?

ER Mein fräulein! Das, was ich sagen wollte, darf ich alsDie Mutter kam. – Rinaldo zog die Uhr und sprach von seiner Abreise.

"Wir meinten", – sagte die Baronin, – "unsern uns so werten Gast einige Tage bewirten zu können."

"Ich muss", – versetzte Rinaldo, – "zu meinem Gepäck, zu meinen Leuten. Doch das Vergnügen, mich unter so guten Menschen länger zu sehen, kann ich mir unmöglich rauben. Wir sehen uns wieder. Ich komme zurück."

Das musste er versprechen. – Schon als er auf dem Pferde sass, wurden Bitte und Versprechen wiederholt. Erminia bestimmte sogar die Zeit des Wiedersehens. Rinaldo kam bei seinen Gesellen an. Der Markt hatte etwas eingetragen. Die Teilung ging, wie gewöhnlich, gewissenhaft vor sich. –