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und zwickte sie sanft. Sie sah sich um und lachte. Bald war sie aus dem Gedränge, und am Ende der Wiese fand er sie wieder. Sie sah sich fragend um:

"Es ist doch kein ehrwürdiger Herr in der Nähe?"

"Ich sehe keinen als mich."

"Ich bin recht erschrocken, als wir vorhin überrascht wurden. Wir wollen uns hier nicht wieder sprechen. Wenn Ihr aber fleissig auf den Platz kommen wollt, auf welchem ihr mich gestern saht, so könnt Ihr mich wohl einmal wiederfinden. Doch vorher müsst Ihr mir sagen, wer Ihr seid."

"Ich bin ein Fremder, und lange werde ich in dieser Gegend nicht mehr bleiben."

Sie sah zur Erde und zupfte an dem Busentuche. Schweigend nahm sie den Strauss vom Busen, gab ihm denselben und sah ihn seufzend an, indem sie sagte:

"Dieser Seufzer gilt Eurer Abreise. Lebt wohl!"

Damit eilte sie rasch davon und verschwand in dem Menschengedränge.

Auf einmal entstand ein Lärm. Man hatte einen von Rinal dos saubern Gesellen auf der Tat ertappt, als er eben einer Beutel kapern wollte. Man hielt ihn fest. Die Miliz eilte herbei und nahm ihn in Empfang. Sanardo hinkte hinzu und gab einem entschlossenen Burschen einen Wink. Die andern kamen, das Gedränge wurde vermehrt; man presste die Miliz hart an den Arrestanten, und ehe dieser es sich versah, wurde er so geschickt mit einem Stilett getroffen, dass er tot zu Boden sank. Man schrie, lärmte, fluchte, schimpfte, schlug aufeinander los, der Kerl blieb tot, und die Miliz trug den Kadaver davon. Trompeten riefen zur Prozession. Die heilige Claudia wurde, auf einem hohen Gerüste sitzend, einhergefahren. Freundliche Mädchen streuten Blumen, Weihrauch dampfte in die Luft, geweihte Kerzen flammten und Hymnen ertönten der Heiligen zu Ehren. Der feierliche Zug ging über die Wiese von der Kapelle aus bis zum dorf. Die Zuschauer standen dicht auf beiden Seiten; mitten darunter die Baronin Moniermi, ihre Tochter Erminia und neben ihr Rinaldo ganz absichtlich.

Es konnte nicht an Bemerkungen fehlen; eine gab die andere. Den Blumenstreuerinnen wurden mancherlei Beifallsbezeugungen zugerufen. Rinaldo bemerkte:

"Die Mädchen machen Glück!"

"Sie entzücken" – sagte Erminia, – "dreifach. Durch ihr Amt, durch ihre Blumen und durch sich selbst. Seht nur, wie artig, sogar wie schön einige dieser Mädchen sind!"

"Die Nähe", – versetzte Rinaldo etwas leise, – "verdunkelt die Ferne."

Erminia schlug die Augen nieder und sagte noch etwas leiser als er:

"Die Nähe ist nie so gefährlich als die Ferne."

"Sie täuscht nicht."

"Sie gibt sich, wie sie sich geben muss. Dabei bleibt ihr kein Verdienst."

"Sich selbst bleibt sie, mit jedem holden Zauber ihrer Gegenwart."

"Wir sind hier auf dem land."

"Wo die natur in schöner, kunstloser Fülle prangt!"

Erminia zeigte schnell auf einen Greis und rief aus:

"O! welch ein schöner Apostel-Kopf! Wär' ich ein Maler, der Kopf stünd' heute noch auf einem PetrusRumpfe." "Und ich" – setzte Rinaldo hinzu, – "würde als Maler auch meine Madonna gefunden haben."

"Doch unter jenen Mädchen?"

"Auch jetzt noch näher!"

"Ein Künstler darf kein Schmeichler sein!"

Sie sprach etwas zu ihrer Mutter. – Der Zug war vorüber; die Zuschauer gingen auseinander.

In den Gezelten wurden die Tafeln gedeckt. Rinaldo verlor seine Schöne nicht aus dem gesicht. – Man setzte sich zu Tische. Erminia sah sich um. Rinaldo stand hinter ihr. Sie griff nach einem stuhl, sie sass; Rinaldo neben ihr; sie neben ihrer Mutter. Bei Tische wurde viel gesprochen. Erminia sprach wenig, noch weniger ihr Nachbar. – Der Nachtisch kam.

"Wir haben viel gehört", – sagte Erminia.

"Ich" – antwortete Rinaldo, – "war so glücklich, mit meinen Augen zu hören."

Sie schwieg. – Die Tafel ward aufgehoben. Die Gesellschaft zerstreute sich.

Das fräulein trat an eine Glücksbude. Er folgte ihr auch dahin. Sie lächelte:

"Ich bin im Spiele nicht glücklich, und dennoch wage ich gern etwas im Spiele des Glücks."

Sie nahmen beide Lose. Erminia gewann ein Paar Pistolen. Rinaldo einen schönen Fächer.

"Wie sonderbar!" – lächelte das fräulein.

Rinaldo bot ihr einen Tausch an, der auch sogleich getroffen ward.

"Um zu verwunden", – sagte er, – "bedürft Ihr keines Gewehrs. Auch Anadyomene ist unbewaffnet, und ihr gehorcht der Erdkreis. – Ich nehme diese Pistolen und weihe sie Eurer Verteidigung."

ERMINIA Vielen Dank, edler Ritter! – Doch hoffe ich, es wird so arg nicht kommen.

RINALDO Ich halte Wort.

ERMINIA Aber ich muss meinen Ritter auch kennen. Aus dieser Insel seid Ihr nicht.

RINALDO Ich bin ein Römer.

ERMINIA Und ein Ritter?

RINALDO So ist es. Ostiala ist mein Name.

ERMINIA Schon lange auf der Insel?

RINALDO Einige Wochen.

ERMINIA In Geschäften?

RINALDO Auf Reisen.

ERMINIA Doch habt Ihr wohl an Höfen viel gelebt? Wenigstens sagt dies Euer Ton.

RINALDO Ich liebe das Land, die natur, und verehre die Schönheit.

Das Gespräch war geendigt. – Der