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seiner Einsiedelei, hörte Hufschlag und stand eben auf, dem Geräusch entgegenzugehen, als Rinaldo vor ihm stand. Donato erkannte ihn nicht gleich, denn er hatte sein Gesicht unkenntlich gemacht, dennoch aber hatte er eine gewisse Ahnung, mit der er ihn scharf ins Auge fasste.

RINALDO Gott mit dir! Ich freue mich sehr, dich wohlauf zu sehen, ehrlicher Freund!

DONATO Du kennst mich?

RINALDO Wir kennen uns beide. – Kannst du nicht erraten, wer ich bin?

DONATO Ach! meine Ahnung! – Und du lebst wirklich noch? Man sagt für gewiss dich tot.

RINALDO Desto besser! – Du siehst aber, dass ich noch lebe.

DONATO Was willst du nun hier?

RINALDO Dich will ich noch einmal besuchen, ehe ich Italien verlasse.

DONATO Das willst du? – Und in andern Ländern? –

RINALDO Will ich in der Stille leben, Gutes tun und keine Räuber mehr anführen.

DONATO Segne der Himmel deinen Vorsatz!

RINALDO Jetzt bleibe ich bei dir und verlasse dich vor morgen nicht wieder.

Pferd und Maultiere wurden abgesattelt, die Mantelsäcke in Donatos stube gebracht, und die Gäste nahmen Quartier. Was sie bei sich hatten, wurde für die Tafel hergegeben, und Rosalie, in ihrer jetzigen Tracht Rosetto genannt, nahm sich der Küche an. Gegen Abend sassen Donato und Rinaldo vor der Tür und beobachteten den Zug donnerschwangerer Gewitterwolken, die die Gipfel der Berge umhüllten. Flammende Blitze durchkreuzten den schwülen Horizont, und das verdoppelte Echo gab die entfernten Donnerschläge zurück. Nach und nach fielen Tropfen; endlich strömte der Regen herab und trieb sie in die Klause. – Sie setzten sich an den Tisch, und Rosalie kredenzte den aufgetragenen Wein.

RINALDO Nun, Freund! da es sehr wahrscheinlich ist, dass wir uns jetzt zum letztenmal sprechen, so sage mir: Wo ist Aurelia?

DONATO Ich sage dir, bei Hand und Schwur, sie ist nicht mehr in dieser Gegend.

RINALDO Im Kloster?

DONATO Nein. – Ihr Vater hat sie mit sich genommen.

RINALDO Wer ist ihr Vater?

DONATO Mein Freund, der Mann, den du kennenlerntest, als du letztin von mir gingst; der Malteser; der Prinz della Roccela.

RINALDO Ach! gewiss: Die Dame im Nonnenschleier ist Aureliens Mutter?

DONATO So ist es. – Sie ging nach der Geburt ihrer Tochter ins Kloster, dennihr Liebhaber, der Vater ihres Kindes, ist, wie du weisst, Malteser-Ritter. Der Prinz hat seine Tochter mit sich genommen und wird sie vermählen.

RINALDO Bist du mit ihm verwandt?

DONATO Ich bin sein Oheim

RINALDO Du bist? –

DONATO Ich bin ein verbannter Römer aus einem vornehmen Geschlecht, der dem verderblichen Nepotismus weichen musste, dessen Anmassungen er sich widersetzte.

RINALDO Kann ich dir gegen deine Feinde dienen? Willst du sie zur Rechenschaft gezogen sehen? Das Racheschwert lag schon oft in meiner Hand. Oft werden selbst Strafbare strafende Werkzeuge des himmels.

DONATO Ich habe meinen Feinden verziehen und überlasse meine Rache dem Himmel selbst, ohne ihm vorzugreifen.

RINALDO Mein Anerbieten soll dich nicht beleidigen. – Brauchst du Geld?

DONATO Ich brauche keins. Du hast mich ohnehin neulich, ohne meine Erlaubnis, beschenkt. Wir trinken jetzt von dem Weine, den ich von dir erhielt.

Schweigend leerte Rinaldini sein Glas, und nach einer starken Pause fragte er mit beinahe wehmütiger stimme:

"Wird Aurelia glücklich sein?"

DONATO Ich hoffe und glaube es. – Fürchtest du nichts, dass du dich so ganz allein in ein Land wagst, wo allentalben deine Verräter lauern?

RINALDO Ich bin nie ohne Bedeckung, wenn sie auch nicht um mich ist.

DONATO Du bist ein gefürchteter Mensch!

RINALDO Und fürchte mich nur vor mir selbst.

DONATO So ringst du mit einem sehr mächtigen Feinde, den du nie besiegen wirst. Mit Tagesanbruch verliess Rinaldo seinen Wirt, liess ihm eine Sicherheitskarte zurück und suchte einen Platz, auf welchem er Geld vergraben hatte, das er auch glücklich wiederfand, und eben war er im Begriff, sein Pferd zu besteigen, als er einen Kapuziner auf sich zukommen sah, den er bald erkannte. Es war Amadeo, der in dieser Verkappung umherschlich und seine Kameraden suchte. Sie bewillkommneten sich beide und hatten sich viel zu erzählen.

Während eines guten Frühstücks, dessen der Pseudo-Kapuziner gar sehr bedurfte, schrieb Rinaldo einen Brief an seine Leute, den er durch Amadeo an Altaverde sendete. Er schrieb:

"Die Umstände zwingen mich weiterzugehen, und ich werde euch so bald nicht wiedersehen können. Wird euch euer jetziger Aufentalt lästig oder unsicher, so geht in die Apenninen zurück, wo ihr jetzt wieder ruhig sein könnt. Vermehrt die truppe und seid vorsichtig! Ich bin auf dem Wege, einen grossen Streich auszuführen. Vor allen Dingen empfehle ich euch Einigkeit und die gänzliche Vernichtung der Batistellischen Bande."

Mit dieser Depesche ging Amadeo den bezeichneten Weg zu seinen Kameraden, und Rinaldo schlug die Strasse über Benedetto nach Sarsina ein, um nach Cesena zu gehen. Unterwegs traf er auf Nikolo und Sebastiano, die aus den Basinischen Waldungen mit gutem Glück entkommen waren und die Grenze erreicht hatten. Nikolo erhielt von ihm Weisung, seine Gesellen zu finden, und Sebastiano blieb als Kutscher bei ihm. Denn zu Sarsina kaufte er sich vier Zugmaultiere und einen Wagen, weil die Last seines Gepäcks durch seine aufgegrabenen und glücklich gefundenen Schätze immer stärker wurde. Rosalie sass bei ihm in