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nicht verkaufen, aber einen Strauss, den ich selbst binde, den kann ich dem Herrn geben. – Wollt ihr den?"

"Zu einem solchen Geschenk gehört auch noch ein Kuss."

"Verschenkt wird nichts. Aber bezahlt ihn der Herr, so kann er auch den Kuss bekommen."

"Küsse bezahle ich nicht."

"So habe ich auch keine wegzugeben."

"Küsse bekommt man allentalben umsonst."

"Bei mir nicht. Entweder ich nehme andere dafür, oder Geld."

"So werden wir des Handels nicht einig!"

"Wer ist denn der Herr?"

"Das siehst du mir nicht an?"

"Er sieht so auswie ein Jäger. Aber die Herren Edelleute tragen zuweilen auch solche Kleider, wenn sie mit uns Bauernmädchen ihren Scherz treiben wollen. Dabei kommt aber nichts Gutes heraus. – Hebe Er mir den Korb auf den rücken, wenn Er so gut sein will!"

"Herzlich gern!"

Das geschah; das Mädchen ging nach dem dorf zu. Rinaldo ging mit ihr. – Sie sprachen mancherlei, und das Mädchen erzählte ihm, morgen sei bei ihrem dorf grosser Markt.

"Es ist" – sagte sie, – "die Jahresfeier des Namenstages der H. Claudia. Auf der grossen langen Wiese, auf der ihre Kapelle steht, ist Markt. Da gibt es allerlei zu kaufen, und da hätte ich Euer Geld recht gut anwenden können."

"Du sollst mich", – antwortete Rinaldo, – "morgen auf dem Markte finden, und wenn du freundlich bist und artig, kaufe ich dir etwas."

"Es wär' doch besser, wenn ich es selbst kaufen könnte. Mein Schatz ist gar eifersüchtig. Ein Fremder darf sich mir nicht nahen; das leidet er nicht. Das Goldstück aber hätte ich gefunden gehabt, und er wüsste nicht, wie ich dazu gekommen war."

Es kamen Bauern. Rinaldo drückte dem Mädchen die Hand und verliess sie, indem er sagte:

"Ich halte Wort!"

Er ging den Rain hinunter nach einem Wäldchen zu, wo er auf eine Eiche stieg und sanft in ihren dichten Zweigen ruhte. Aus seinem Schlummer weckte ihn ein ziemlich lautes Gespräch. Zwei, dem Anscheine nach, ziemlich verwegene Kerle sassen unter der Eiche, auf welcher sich ein ungebetener Lauscher befand, und instruierten einander sehr laut. Man hörte sie im Doppelgespräch:

"Alsoder Marquis hat pränumeriert?"

"Die Hälfte, wie ich dir sage! Hier ist dein Anteil. – Die andere Hälfte bekommen wir, sobald wir ihm den Schatz überliefern."

"Du musst mir den ganzen Zusammenhang der Affaire kundmachen."

"Was ist dabei gross kundzumachen! Der Marquis liebt das fräulein, und weil sie nicht auf eine andere Art zu haben ist, so lässt er sie entführen. – Morgen ist der Claudiens-Markt auf der grossen Wiese bei Lienzo. Dahin kommt gewöhnlich der ganze benachbarte Adel, und dahin kommt auch, wie schon ausgekundschaftet ist, das fräulein mit ihrer Mutter. Gegen Abend passiert sie auf dem Rückwege das Wäldchen, und dort wird sie entführt."

"Wenn ich der Marquis Lomanieri wär', ich liess das fräulein unentführt."

"Das will er aber nicht. Sie ist schön; ihr Vater, der alte Baron Moniermi, ist der reichste Edelmann in der ganzen Gegend, undda ist es schon der Mühe wert, ein Fischchen dieser Art zu erangeln."

"Es wird einen schönen Lärm geben!"

"Was geht das uns an? – Für die Folgen haftet der Marquis."

"Gesetzt aber, das fräulein hat Bedeckung?"

"Die hat sie nicht."

"Es reitet etwa ein Liebhaber neben ihrem Wagen her? – Dergleichen Herren haben besonders im Angesicht ihrer Liebchen verteufelt viel Courage!"

Sie sprangen auf und liefen schnell davon. – Einige Kohlenbrenner gingen vorüber und sprachen von den morgenden Vergnügungen auf dem Markte zu Lienzo.

Als sie vorüber waren, stieg Rinaldo von der Eiche und schlenderte seinen Ruinen wieder zu. Er hatte mancherlei im kopf. Besonders schien er etwas darauf setzen zu wollen, das fräulein zu retten und die Entführung zu vereiteln.

Er liess Lodovico und Sanardo kommen und sprach mit ihnen über den Markt zu Lienzo.

SANARDO Den Markt müssen wir allerdings besuchen! Aber zu diesem Besuche dürfen nur die Behutsamsten von uns gewählt werden.

RINALDO Diese magst du selbst wählen.

SANARDO Gut! – Die meisten können als Pilger passieren, denn deren kommen eine grosse Menge nach Lienzo. Andere sind Kohlenbrenner, Bauern, und einige sind als Zigeuner da. Bei diesem zug stecken wir auch einige in Weiberkleider, die, welche die längsten Finger haben.

RINALDO Du instruierst die Burschen.

SANARDO Gut! – Sie sollen ihre Sache schon machen.

RINALDO Ich habe auch etwas vor. – Du, Lodovico, wirst dich immer etwas nahe zu mir halten.

LODOVICO Soll geschehen!

RINALDO Du wirfst dich in Kavaliers-Kleider, was auch ich tun werde. Und weil Fiametta mir täglich anliegt, sie doch auch einmal zu einem kleinen Spasse mitzunehmen, so mag sie dich in Pagentracht begleiten.

FIAMETTA Allerliebst!

RINALDO Ihr seid zu Pferde wie ich, und beide wohlbewaffnet. – Nun wollen wir einmal sehen, wenn etwa Schüsse fallen müssten, ob der Page nicht vom Pferde fällt.

FIAMETTA Keine sorge! Sie wird sitzen