1799_Vulpius_102_158.txt

Gewalt. Respekt und Gruss!"

Die Oristagner wollten nun einmal den berühmten Räuberhauptmann in ihrer Gewalt haben, und so gaben sie einem der Gefangenen den Namen Rinaldini. Dieser selbst lächelte und liess sich Rinaldini nennen. Davon zog er Vorteil. Jeder lief zum Gefängnis, den verrufenen, allbekannten Räuber zu sehen, und wer ihn sah, beschenkte ihn. Die Damen wetteiferten miteinander, dem vermeinten Held des Tages Wein, Kuchen, Torten und Früchte zu senden, und die Bewohner der benachbarten Städte und Dörfer strömten herzu, den Friedensstörer in Ketten zu sehen. Der Kerl, welcher Rinaldinis Rolle spielte, die er spielen musste, benahm sich dabei so ziemlich. Ganz weislich sprach er nur wenig, stellte sich aber sehr demütig und unterhielt sich gern mit Franziskanern und Kapuzinern von dem, was droben ist.

Die Oristagner waren unentschlossen, auf welche ausgezeichnete Art sie dem Gefangenen sein Recht antun wollten. Schwert, Rad und Scheiterhaufen wollten ihnen nicht genügen, es sollte etwas ganz Sonderbares sein, das dem vermeinten Rinaldini den Garaus machen sollte. Die Richter konnten darüber nicht einig werden. Man wendete sich an den Stattalter in Cagliari. Dieser gab ihnen den Rat, den Verbrecher in Ketten aufzuhängen und dann seinen Kopf auf einen Pfahl zu stecken. – Man schob die Vollziehung dieses Urteils auf und fing wieder an zu deliberieren.

Indessen hatte einer der Gefangenen sich durchgebrochen und war entkommen. Von diesem erfuhren die Räuber, was in Oristagni vorging. Sanardo hatte die Verwegenheit, in korsischer Tracht als ein Reisender nach Oristagni zu gehen. Er liess sich in den Kerker führen, sprach mit dem vermeinten Rinaldini, der ihn gar wohl erkannte, und steckte ihm eine Lanzette zu. Dieser wusste sie zu gebrauchen, öffnete sich die Pulsadern und eines Morgens fand man den Ungehängten tot auf seinem Lager. Dahin waren nun alle Erwartungen. Ganz still begruben die Oristagner den, über dessen Todesart sie nicht hatten einig werden können. Um aber doch der Nachwelt zu sagen, was sie wissen sollte, legte man auf Unkosten und Rechnung der Stadtkasse eine Platte auf sein Grab und bezeichnete sie mit den Worten:

Rinaldini, Centurio Latronum,

In Domino obdormivit,

In tumulo habitat,

In pace requiescat. Amen!

Darüber erhob sich ein grosser Lärm. Der Stattalter befahl, die Platte hinwegzuschaffen. Der Magistrat wollte die Unkosten nicht umsonst gehabt haben und belegte die steinerne Platte mit einer hölzernen. Rinaldo war hergestellt. In den Bergen wurde es nach und nach wieder lebhaft. Man kam zu sich. Die alte Wirtschaft begann wieder.

An einem schönen Morgen warf Rinaldo seine Doppelflinte auf die Schulter und stieg, als Jäger gekleidet, hinab ins Tal. – Bei einem Grenzsteine sass, vor dem nächsten dorf, ein weinender Greis. Mit diesem kam Rinaldo ins Gespräch. Er fragte, was ihm fehle. Der Greis jammerte: "Ach! lieber Herr! mir fehlt nur wenig, aber ich habe auch das Wenige nicht."

"Rede!"

"Ich bin ein alter, schwacher Mann, habe weder Frau noch Kinder, und ein Hüttchen und ein Gärtchen sind mein ganzer Reichtum. Zu schwach und kraftlos, etwas verdienen zu können, borgte ich von einem reichen Nachbar eine kleine Summe nach der andern, wovon ich spärlich lebte, bis mein Hüttchen und mein Gärtchen aufgezehrt war. Ich dachte, bis dahin wird der liebe Gott dich wohl zu sich genommen haben; aber er hat's nicht getan. Ich lebe noch und habe nichts mehr, wovon ich leben könnte. Morgen wird mein Hüttchen und mein Gärtchen meinem Gläubiger gerichtlich übergeben, und ich weiss nicht, wovon ich mich ernähren soll. Ach! ich soll betteln. Das kann ich nicht! Deshalb weine ich und rufe den Himmel an, mich zu sich zu nehmen."

"Wieviel bist du deinem Nachbar schuldig?"

"Es sind, leider! 20 Dukaten. – Ich bin ein unglücklicher Mensch! Auch der liebe Gott will mich nicht haben."

"Er will dir helfen."

"Mir? – Wie? – Gott wird für mich kein Wunder tun."

"Er wird dir helfen."

"Womit?"

"Hier sind 30 Dukaten, bezahle deinen Gläubiger. Von dem Übrigen lebe dankbar gegen Gott. Für mich aber bete."

"Ach Herr! seid Ihr ein Engel?"

"Ich bin ein unglückseliger Mensch. Hier ist das Geld. – Lebe wohl!" Er gab ihm die Börse und eilte davon. Einige hundert Schritte weiterhin fand er ein Bauernmädchen schlafend auf ihrem Graskorbe liegen. Er nahm den Blumenstrauss von ihrem Busen und legte ein Goldstück auf den beraubten Platz. Sie erwachte, fuhr auf und schrie:

"Mein Strauss! Mein Strauss!"

"Ich habe ihn bezahlt", – sagte Rinaldo, auf das Goldstück zeigend, das von seinem hohen platz herab auf die Erde gefallen war.

"Den Strauss bezahlt man mir nicht. Ich habe ihn geschenkt bekommen und verkaufe ihn nicht."

"Wenn's so ist! – Hier ist dein Strauss."

Er gab ihr den Strauss, hob das Goldstück auf und steckte es zu sich. Das Mädchen sah ihn an und sagte:

"Wenn der Herr es mir recht hätte machen wollen, so musste er mir den Strauss wiedergeben und dennoch das Goldstück auch lassen."

"Ich gebe nichts umsonst."

"Ich aber nehme es. – Diesen Strauss kann ich