1799_Vulpius_102_155.txt

hoffen? Vergisst die Welt, was du vergessen hast? Schnell aus dem Busche trat zwischen beide ein zweiter Pilger, verlarvt und hochgegürtet. Er ergriff Rinaldos Hand, erhob die andere drohend und sagte:

"Hüte dich!"

Rinaldo zog den Dolch. Oriane floh, laut aufschreiend, dem Kloster zu. Der Pilger fuhr fort:

"Den Dolch steck ein!"

"Ich soll –"

"Mir droht kein Dolch."

"Ich soll sie kennen –"

"Das Mädchen?"

"Deine stimme."

"Das glaube ich selbst."

"Wer bist du?"

"Du bist doch hierherum zu haus?"

"Nicht fern von hier."

"In deiner wohnung siehst du mich ohne diese Larve. – Fort! fort! Hier ist kein Zögern ratsam."

Rinaldo verlarvte sich. Schweigend ging der Pilger mit ihm. Jener tat verschiedene fragen, die dieser nur ganz kurz beantwortete. – Sie kamen an die Schlucht, die zu dem Felsengange führte, der, wie wir wissen, hinauf zu der verfallenen Burg ging, die Rinaldo bewohnte. Er fragte:

"Kannst du ohne Furcht durch Schluchten mir und Felsengänge folgen?"

"Ich folge dir", – war die Antwort.

Er folgte. – Sie erreichten die Ruinen. Rinaldo stand still und sagte: "Ehe ich dich in meine wohnung führe, verlange ich von dir genannt zu sein, damit ich höre, dass du mich wirklich kennst."

"Ich will dich Ritter de la Cintra nennen", – war die Antwort.

"Jetzt nenne mich bei meinem wahren Namen."

"Ich weiss, dass du Rinaldini bist."

"Am Tone deiner stimme höre ich, dass du Astolfo bist."

"Der bin ich nicht."

"So ist es Olimpia, die sich in diese Kutte steckte."

"Auch diese bin ich nicht."

"Du bist Olimpia. Ich kann mich gar nicht irren."

"Du irrst dich. Olimpia bin ich nicht. – Führe mich nur auf dein Zimmer, – wenn es in diesen Ruinen Zimmer gibt, – dort siehst du mein Gesicht."

Rinaldo ging voran, hinauf die alte Wendeltreppe. Der Pilger folgte ihm. Sie traten in Rinaldos Gemach.

"Hier sieht es ja ganz artig aus!" – sagte der Pilger.

Rinaldo legte Larve und Kutte ab. Der Pilger hob die Finger und zeigte ihm geläufig der korsischen Partei gewählte Murra1, indem er fragte:

"Kannst du noch nichts erraten?"

"Ich sehe nur" – antwortete Rinaldo, – "dass du zu der unglücklichen korsischen Partei gehörst." "Und weiter nichts?" "Nichts weiter." "Hast du denn gar keine Ahnungen, keine Vermutungen?" "Entlarve dich, wie du versprachst." "Du willst aber auch gar nichts tun, etwas durch Raten zu erfahren! So sieh denn mein Gesicht." Der Pilger nahm die Larve ab. Rinaldo sah den Gast betroffen an, der vor ihm stand, und langsam drängte sich der verwunderungsvolle, fragende Ausruf über seine Lippen: "Du bist es?" Es war Fiametta, die vor ihm stand. – Lächelnd fragte sie: "Nun kennst du mich doch? – Aber siehst du mich auch gern bei dir?"

"Du dich bei mir?" – fragte er zurück.

"Ich bin doch wohl hier in Sicherheit?"

"So sicher wie ich selbst."

"Du bist es?"

"Ich glaube es zu sein. – Doch nun erzähle mir, was du mir zu erzählen hast, ohne meine fragen zu erwarten."

"Nun dann, ganz kurz! – Wir wurden überfallen; wenn man das einen Überfall nennen kann, unvermutet arretiert zu werden. Auf Ansuchen des französischen Gesandten geschah alles. Der Prinz Nicanor war nicht bei uns. Ich war so glücklich zu entkommen, ehe wir noch nach Cagliari abgeführt wurden. Ich kannte einen geheimen Ausgang aus der Villa. Durch diesen entkam ich. – In Sorini ging ich als Haushälterin bei einem Landpfarrer in Dienst, wo mich die Gräfin Loriona sah, die mich zu ihrer Gesellschafterin erkor. – Sie war Witwe, lebte einsam auf dem land und ich zufrieden bei ihr. – Auf einmal durchflog der Ruf die Insel: Rinaldini steht an der Spitze einer –"

"Räuberbande", – fiel dieser ein.

"– Gesellschaft entschlossener Männer", – fuhr Fiametta fort. – "Dieses Gerücht drang auch in unsren ländlichen Winkel. Die Gräfin war Tag und Nacht in Unruhe. Stündlich befürchtete sie ausgeplündert, wohl gar ermordet zu werden. Sie jammerte und betete und war in einer Angst, die sich nicht schildern lässt."

"Wie weit habe ich es gebracht! Alten Weibern sogar presst mein Name Angstschweiss aus und ermuntert zum Gebet."

"Ich fürchtete mich nicht. – kommt er, dachte ich, so heissest du ihn willkommen und gibst ihm, was du hast, wenn er es verlangt, wo nicht, so kannst du es auch behalten."

"Wie entschlossen!"

"Bei dir muss man es sein. – So aber, wie ich, dachte meine Gräfin nicht: sie grämte sich und härmte sich aufs Krankenlager. Hier lag sie lange, und Rinaldini kam nicht, wie ich es wünschte."

"Ei! wenn er das gewusst hätte!