1799_Vulpius_102_154.txt

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Ruhig blieb Rinaldo, winkte ihnen zu, sich zu setzen, und sagte ganz gelassen:

"Ich bin Rinaldini."

Wie Bildsäulen sassen alle vor ihm; so standen auch die Diener, zu denen sich Rinaldo wendete und sie lächelnd fragte:

"Greift ihr mich nicht?"

Erschrocken traten diese einige Schritte zurück. Rinaldo warf sich vor Oriane nieder:

"Verzeiht!" – sagte er; – "Euer Bild im Herzen, Euern Kuss auf meinen Lippen, wandere ich in meine Einsamkeit zurück. Dort lächelt keine Oriane mir, dort finde ich nur die Verzweiflung, die dieses unglücklichen Herzens Braut sich nennt!"

Er sprang auf und sagte zu dem Marquis:

"Ich weiss es und erkenne dankbar, dass ich Eurer Gastfreundschaft verbunden bin. Erwidern kann ich sie nicht. In meine Höhlen kommt kein Gast. Dort bin ich stets allein, bewacht von Unruh, Furcht und Sorgen. Doch bitte ich Euch, als ein kleines Andenken mein Ross zu behalten und Euch meiner zuweilen zu erinnern."

Noch wurde kein Wort gesprochen, das nicht Rinaldo sprach. Er ging zur Tür und rief mit Ausdruck und Gefühl ein: Lebewohl! ihnen zu. – Da sprang der Marquis auf und sagte: "Ich kann Euch nicht von hier lassen!"

"Nicht?" fragte Rinaldo, indem er wieder zurückkam.

"Wenigstens, – nicht ohne Bedeckung."

"Für diese ist gesorgt."

Er gab sein Zeichen. Jordano trat mit zehn Bewaffneten herbei. – Der Marquis sank auf seinen Stuhl zurück; die Diener drängten sich zusammen. Oriane drückte beide hände vor die Augen und jammerte laut, die Nichten weinten, die Tante zitterte, Rinaldo rief:

"Oriane! Lebe wohl!"

So verliess er mit seinen Leuten den Garten.

Oriane hielt Rechnung mit sich selbst: – "Es hätte dir möglich sein können, diesen Mann zu lieben? – Aber wusste ich denn, wer er war? – Da du es aber nun weisst? – Wie? und du könntest dennoch? – – Schweige! – Wohin willst du ihm folgen? Willst du ihn sehen in seinen Räuberhöhlen, wo er als Regent unter Banditen tront? – Nein! Auch nicht einmal dürfen deine Gedanken ihn dortin begleiten. – Aber du trittst wieder zurück in deine Zirkel; man nennt seinen Namen, du errötest: man sagt dir wohl gar: Auch dich hat er geküsst. – Unbesonnener! was hast du getan? Wie sehr hast du mich und dieses Herz beleidigt!"

Rinaldo fühlte das Unbesonnene seiner Handlung selbst sehr lebhaft. Er schrieb an Orianen, bat um Verzeihung und versicherte seine tiefste Reue. Dieser Brief blieb, wie man leicht denken kann, unbeantwortet.

Die Damen verliessen nach einigen Tagen das Schloss des Marquis. Er selbst ging mit ihnen in die Stadt. – Oriane besuchte eine Anverwandte, die Äbtissin des Klaren-Klosters unweit Sesto war.

Dort durchstreifte sie, ihren Gedanken hingegeben, in der Einsamkeit die herrlichen Fluren und reizenden Auen, die das Kloster umzogen, prangend mit Schönheit und Reichtum des fruchtbringenden Herbstes.

Ein Pilger grüsste sie freundlich, redete sie an und fuhr begeistert fort:

"O! welch ein schönes Land! welch frisches, liebliches Grün erquickt das Auge! welch ein Zauber umschwebt diese Fluren! Die schönen, himmelanstrebenden Bäume, wie so brüderlich vereinigen sie ihre Äste! So verschlingen sich arme der Liebenden; so umarmt, trotzen sie jedem Sturme! – Jeden Baum umschlingen Reben, so dicht und innig, wie der Liebende die Geliebte umschlingt. In den Wipfeln der Bäume glänzen die schönsten, vollsten Trauben. Sie schenken uns den Nektar, der uns labt und erquickt. Sieh über dich, freundliches Mädchen! Wie unter einem Tronhimmel stehst du hier, und über dir glänzen in gelben, purpurnen, blauen und rosenroten Farben, gleich Gesteinen, die herrlichen Trauben! Hell und sanft schleicht dahin der Fluss. Ruhig spiegelt der bekränzende Wald sich in seinen Silberwellen!"

ORIANE Du schwärmst umher in einer Dichterwelt!

PILGER Nur dichterisch, in wirklichen Gefilden des Paradieses, in welchem ein Engel wandelt. Ach! Oriane

ORIANE Du nennst meinen Namen? Kennst du mich?

PILGER Dieses Gesicht ist nicht mein wirkliches Gesicht, es gehört der Kunst. Wenn ich mich dir zeige, wie du mich schon sahst, wirst du mich wiedererkennen, aberdennoch mich fliehen.

ORIANE Was sagt mir mein ahnendes Herz!

PILGER Es sage dir, was deine Augen dir sagen.

Er nahm die Larve vom Gesicht. laut auf schrie Oriane, bedeckte mit den Händen ihr Gesicht und konnte nicht entfliehen. Rinaldo stand vor ihr.

ORIANE Was suchst du hier?

RINALDO Dich hier zu finden: und ich habe dich gefunden.

ORIANE Du wusstest, wo ich war?

RINALDO Ich weiss, was in der ganzen Gegend hierherum geschieht. Ich wollte dich noch einmal sehen und sprechen, ehe du den Schleier nimmst.

ORIANE Noch war ich dazu nicht entschlossen; jetzt bin ich es, wenn du mich den Klostermauern überlassen willst.

RINALDO Was sagst du?

ORIANE Furchtbarer! Bin ich nicht in deiner Gewalt?

RINALDO So nahm ich's nicht! – – Du in meiner Gewalt? O nein! Die Rollen sind gewechselt. Du befiehlst und ich gehorche.

ORIANE Verlass mich!

RINALDO So grausam kannst du sein?

ORIANE Darüber willst du klagen? – Was hoffest du denn? Was darfst du