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spasshaftes Histörchen.

ORIANE So lasst es hören!

TANTE Rinaldini sass einst, ohne dass man ihn kannte, an einer Tafel

RINALDO Mit vier Damen in einem Pavillon. Nicht wahr? – O! ich kenne das Geschichtchen und weiss es auch zu erzählen.

TANTE Erzählt nur ein wenig weiter und ich will Euch gleich sagen, ob Euer Geschichtchen auch das meinige ist.

RINALDO Waren denn vier Damen an Eurer Tafel, an der Rinaldini sass?

TANTE Die Anzahl weiss ich nicht. Es war eine Gesellschaftstafel.

RINALDO In einem Pavillon?

TANTE Auch den Ort weiss ich nicht. Man kannte ihn, wie gesagt, nicht und sprach Verschiedenes von ihm. Man lobte, man schalt ihn. Besonders aber zeichnete sich ein Abbate aus, der ihn mit Schimpfhamen aller Art belegte. Rinaldini ergrimmte und fragte den Abbate, ob er es wohl wagen würde, diese Schimpfnamen dem Geschimpften ins Gesicht zu sagen. "O ja!" – erwiderte dieser, – "Wenn ich den Schuft nur einmal zu sehen bekommen könnte!" – Hier steht er vor Euch! sagte Rinaldini, indem er aufstand. – Der Abbate erblasste, sank vor ihm auf die Knie nieder und bat demütig um Verzeihung. – Lachend setzte sich Rinaldini wieder nieder und sagte: "Herr Abbate, gut schimpfen könnt Ihr wohl, aber Ihr seid der Held nicht, für den Ihr Euch ausgebt. Ihr sankt sogleich zu Boden, als ich im Scherz mich Rinaldini nannte, und ich sehe doch gewiss nichts weniger als diesem furchtbaren mann gleich. Was würdet Ihr nicht erst getan haben, hätte sich Rinaldini Euch wirklich selbst gezeigt!" – Die ganze Gesellschaft lachte laut auf, und der Abbate schlich sich beschämt davon. Man tadelte nun des Abbate Furchtsamkeit, und alle machten sich über ihn lustig. Endlich erhob sich Rinaldini wieder und sagte: "Meine Herren, lacht nicht so sehr. Den Abbate neckte ich; Euch aber sage ich die Wahrheit. Rinaldini hat wirklich mit Euch gegessen." – Er küsste, als er das sagte, seiner Nachbarin die Hand, die in Ohnmacht sank, und verliess, indem man teils dieser Dame zu Hilfe sprang, teils blass und zitternd, unbeweglich sass, schnell den Speisesaal.

MARQUIS Das Geschichtchen ist allerliebst! Wie gefällt es.

ORIANE Dennoch wäre ich sicher, ebenso wie jene Dame, in Ohnmacht gesunken, hätten seine Lippen meine Hand berührt.

RINALDO Er hatte vielleicht sich gar in die Dame verliebt.

ORIANE Eine schöne Ehre! – Ich würde meine Hand zwanzig Jahre lang gewaschen und gerieben haben, hätte sie das Unglück gehabt, von einem Räuber geküsst zu werden.

TANTE Man schildert ihn als einen schönen Mann.

ORIANE Wie kann ein Räuberhauptmann schön sein? – Doch, nun Euer Geschichtchen, Herr Graf! – Ich weiss nicht, wie es kommt, dass man so gern zuhört, wenn etwas von dem bösen Kerl Rinaldini erzählt wird.

TANTE Er gefällt, interessiert. – Nun, das Geschichtchen!

RINALDO Rinaldini, – erzählte man mir in Neapel, – war einst in einer Kirche, ich glaube in Messina oder wo es sonst war. Genug! in einer Kirche war er. Er kniete hinter einer schwarz verschleierten Dame, die sehr emsig betete, die vergass, dass sie nicht allein war, und in ihrer Andacht laut wurde. Rinaldini hörte, dass sie den Himmel bat, auf einer bevorstehenden Reise ihr Sicherheit und Schutz zu geben, auch gegen Rinaldinis Bande, die damals der Schrecken aller Reisenden war. Er lispelte ihr ins Ohr: "Ihr könnt das näher haben!" – Sie drehte sich herum; er drückte ihr eine seiner Sicherheitskarten, die er gewöhnlich Reisenden gab, die von seinen Leuten nicht beraubt werden sollten, in die Hand, stand auf und verliess die Kirche.

TANTE Abermals ein Galanteriestück!

ORIANE Das ist aber nicht die geschichte, die Ihr vorhin erzählen wolltet.

RINALDO Sie ist nicht halb so spasshaft und artig als die beiden, die Ihr schon gehört habt.

ORIANE Wenn auch das nicht, so ist sie doch von dem mann, von dem man gern erzählen hört.

RINALDO Bei dem Nachtisch will ich sie erzählen.

Die Nichten erzählten nun, und der Marquis gab auch noch eine geschichte preis, die sehr hübsch war. – Nun aber legte Oriane einen Finger ihrer Rechten auf Rinaldos Hand und bat ihn, sein Versprechen zu erfüllen. Er sah sie an, ergriff einen Becher, nickte ihr eine Gesundheit zu und trank. Sie erwiderte seine Höflichkeit. Er begann:

"Unter vier Damen sass einst in einem Pavillon, an einer Tafel, Rinaldini. Sie wussten nicht, dass er es war, und unterhielten sich mit ihm wie mit einem mann ihres Standes. Er war galant und artig, nur zuweilen sehr zerstreut, welches man auf die Nähe seiner reizenden Nachbarin schrieb, in deren Augen er wirklich gern den schönsten Erdenhimmel sah." – Man sprach, man unterhielt sich von ihm. Er selbst tat das. "Er ist ein Räuber!" – sagte seine schöne Nachbarin. "Dies leugnet er nicht!" – rief Rinaldini aus und raubte schnell ihr einen Kuss.

Er sagte dies und küsste Orianen. Sie bog sich rasch zurück und schrie entrüstet:

"Keinen solchen Spass!"

"Ernst ist es", – sagte Rinaldo.

"Ernst?" – schrie die Tante.

"Ernst?" – fragte aufspringend der Marquis