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Rinaldo.

"Ich habe die Ehre, dem Herrn Marquis zu dienen, und bin Aufseherin über die Wäsche und das Tafelgerät im schloss."

"Wenn du heiratest, wird dich der Herr Marquis wohl auch ausstatten?"

"Er hat davon noch nichts gesagt, und ans Heiraten wird's wohl sobald noch nicht kommen."

Der Marquis kam. Rinaldo ging ihm entgegen, zeigte auf das Mädchen und sagte:

"Dort gibt es etwas Hübsches auszustatten!"

"Vielleicht!" – antwortete der Marquis lächelnd.

Sie gingen nach der Hintertür des Gartens. Ein Wagen rollte heran; die erwarteten Gäste sassen in dem Wagen.

Man war im saal des Schlosses. Die namentlichen und persönlichen Bekanntschaften waren gemacht. – Die Tante war eine lebhafte Vierzigerin, sprach viel und war sehr aufgeräumt. Von den Cousinen des Marquis waren zwei Schwestern, beide noch sehr jung, etwas verlegen und still. Die dritte, in den Jahren der Forderung, war lebhaft, witzig und gesprächig. Sie war es, mit der Rinaldo sich unterhielt. Der Marquis scherzte mit der Tante. Sie neckte ihn seiner Mädchengalerie wegen und plaisantierte über seinen Geschmack.

Die Unterhaltung über Tafel war lebhaft genug. Es wurde gescherzt, gelacht und endlich gar gesungen. Der Marquis und die lebhafte Cousine, Oriane, ergriffen Guitarren. Sie spielten und sangen:

Wechselgesang

ER

Gib mir die Blumen,

Gib mir den Kranz!

Ich führ' dich, Liebchen!

Morgen zum Tanz.

SIE

Lass mir die Blumen,

Lass mir den Kranz;

Führ' eine andre

Morgen zum Tanz.

ER

Nein, liebes Mädchen!

Du nur allein,

Sollst die erwählte

Tänzerin sein.

SIE

Was kann mir's helfen;

Sollt ich allein

Auch die erwählte

Tänzerin sein?

ER

Ewige Liebe,

Schwör' ich nur dir.

Gib mir die Blumen,

Tanze mit mir!

SIE

Schwörst du mir Liebe,

Folg' ich zum Tanz.

Hier sind die Blumen,

Hier ist der Kranz.

ER

Und mit den Blumen

Schenk' mir dein Herz!

Ich mein' es ernstlich,

Treibe nicht Scherz.

SIE

Meinst du es ernstlich;

Treibst du nicht Scherz,

So nimm die Blumen,

Nimm auch mein Herz!

"Wer wird dem Sänger trauen?" – rief die Tante lächelnd aus. "Ich nicht", sagte Oriane.

"Es blieb' ja alles nur in der Freundschaft", – setzte der Marquis hinzu.

"Und wird zum Kabinettstück", fuhr die Tante fort.

"Nur nicht zum Galeriestück!" – fiel Oriane ein.

MARQUIS Man sammelt für den Kenner.

ORIANE Und liebt die Kennerinnen, bis zum Studio.

MARQUIS Nun ja! Kann man wohl mehr tun?

TANTE Oft kann man nicht zu viel tun. Die sogenannten Kenner verlieren sich nicht selten so sehr in ihr Studium, dass sie dieses Studium sogar selbst darüber verlieren.

MARQUIS Der Mensch ist zum Verlieren geboren.

TANTE Und will dennoch stets gewinnen.

MARQUIS Seine Existenz privilegiert seine Hoffnungen.

TANTE Ei freilich! Wer träumte nicht wenigstens gern angenehm?

RINALDO Aber das Erwachen?

TANTE Ist freilich nicht immer angenehm. Unser Marquis aber träumt selten, glaube ich.

MARQUIS Er lebt ja. Und was ist unser Leben anders als ein Traum?

TANTE Gute Nacht!

Sie schob den Stuhl. Der Marquis protestierte gegen das Aufstehen. Er gab ein Zeichen. Ein hübsches Mädchen und ein flinker Bursch traten ein. Sie tanzten den Fandango. – Man klatschte ihnen Beifall zu, und als sie abgetreten waren, wurde die Tafel aufgehoben. Den folgenden Morgen ward eine Spazierfahrt auf eine Villa des Marquis beschlossen. Man fuhr dahin, divertierte sich wohl und fuhr gegen Abend zurück. – Durch einen Zufall war des Marquis Wagen weit vor dem Wagen voraus, in welchem Rinaldo, Oriane und eine der beiden Nichten sassen. Sie fuhren in einem Hohlwege, als plötzlich nahe am Wagen ein Schuss fiel.

"Haltet an!" – donnerten einige Stimmen.

Sprachlos, zitternd sahen die Damen ihren Begleiter an, der still vor sich hinsah und eine Verwünschung in den Bart murmelte. – Der Wagen hielt. Zwei Verlarvte traten an die Kutschenschläge. Sie sahen in den Wagen und baten sich die Börsen aus.

"Wie?" – fragte Rinaldo.

Auf diese Frage sprangen die Verlarvten sogleich zurück und schrien:

"Kutscher, fahr zu! – Gute Nacht, schöne Damen!"

Der Wagen rollte davon. Sie kamen ins Schloss. Oriane erzählte, was geschehen war. Der Marquis und die Tante fixierten den Fremden. Lächelnd sagte Rinaldo:

"Ihr seht, meine Damen, welche Gewalt die Schönheit selbst über Räuber ausübt. Männer wären so wohlfeil sicher nicht davongekommen. Kaum aber sahen die rohen Kerle Damen, als sie den Wagen mit einem: Gute Nacht, schöne Damen! verliessen und ich meine Börse behielt."

ORIANE Wie aber, Herr Graf, wenn ich nun das Glück bloss Euerm: Wie? zuschrieb, auf welches die Verlarvten so schnell sich zurückzogen?

RINALDO So müsstet Ihr voraussetzen, ich sei ein Zauberer. Wie könnte ein blosses Wie? dergleichen Bewaffnete schrecken? Wie könnte es sogar Börsen retten? Nein! dies Wie? konnte es nicht tun. Aber die Schönheit, der selbst Tribut gehört, gibt keinen.

TANTE Der Vorfall ist höchst sonderbar!

MARQUIS Gewiss!

ORIANE Er ist sogar unerklärbar. Denn des Herrn Grafen Erklärung erklärt den Vorfall nicht.

RINALDO Die geschichte gibt