denn es ist bei uns erlaubt, dies zu tun. Man fürchtet keine Strafe, weil keine zu fürchten ist, und lacht darüber, dass man uns Diebe, Piraten, Schufte, Schurken und schlechte Menschen nennt. Zwar weiss man wohl, dass man das ist, aber man lacht dennoch und nachdrucket immer fort. So stiehlt sich es wirklich gut!" "Warum aber", – fragte Sanardo, – "bliebst du denn nicht bei deinem eleganten Handwerke?" Der Reutlinger fuhr mit der Hand übers Gesicht, zuckte mit den Achseln und sagte: "Wie das nun geht! Ich hatte Geld erworben und machte mich auf, meinen Kollegen in Bamberg, Karlsruhe u.a.a.O. zuzusprechen. Wir sahen, sprachen uns und lebten herrlich und in Freuden. Einen allgemeinen Nachdrucker-Kongress schrieben wir aus und kamen im Bade zu Spa zusammen. Hier führte mich der Böse an eine Farobank, und was ich mir erstohlen hatte, ging in drei Abenden fort. Meine Kollegen waren grossmütig, bezahlten meine Zeche und reichten mir eine Kollekte. Sie verliessen in Equipagen das Bad, und ich verliess es zu fuss. Die Kollekte war bald aufgezehrt. Ich liess mich unter die Soldaten anwerben. Man schickte mich nach Mailand. Ich lief zu den Piemontesern über und ward mit nach Cagliari abgeschickt. – Jetzt komme ich zu euch: denn ich will nun einmal meinen Galgen haben." "Den sollst du haben!" – rief Rinaldo und ging mit Sanardo auf die Seite. Dieser kam zurück, Rinaldo aber hatte kaum seine Burg erreicht, als schon der Reutlinger an einem Baume hing, weil er, meinten sie, für ihre Gesellschaft zu schlecht sei. Den folgenden Tag bestieg Rinaldo sein Ross und erreichte bald das Schloss des Marquis Reali. – Er selbst trat im Schlosshofe ihm entgegen und nötigte ihn sehr höflich, mit sardischer Gastfreiheit, bei ihm einzusprechen.
Er zeigte ihm sein Münzkabinett und führte ihn in eine Galerie, in welcher eine ganz lange Reihe von Bauernmädchenportraits hing. – Lächelnd fragte Rinaldo:
"Was sagt wohl diese Suite?"
"Dies" – antwortete der Marquis, – "sind Köpfe von Mädchen meiner Untertanen auf meinen Gütern, die ich ausgesteuert und verheiratet habe. Es ist daraus so nach und nach bei mir eine Art von Geschäft geworden."
"Das aber doch wohl auch seine Zinsen trägt?"
"Zuweilen. – Aber, unter uns! es geht mit den Weibern gemeinhin wie mit bösen Schuldnern, man verliert oft bei ihnen Zinsen und Kapital zugleich. – Indessen, es macht mir Spass, die Suite zu vermehren, und Platz ist dazu vorhanden."
"Aber doch wohl nur bis zu Eurer Vermählung?"
"Ich werde mich nie verheiraten. Es ist dies einer meiner Grundsätze."
"Wie oft wurden Grundsätze von schönen Augen umgestossen!"
"Ich lebe hier in einer artigen Kollektion von schönen Augen, wie Ihr seht!"
"Sie sind unbeweglich."
"Die Phantasie kann alles bewegen. – Meine Vorfahren genossen bei den Töchtern ihrer Untertanen das Recht der ersten Nacht. Sie haben es sicher redlich exerziert. – Mein Vater, eine Art von Philosoph, fand dies Recht ungerecht, besonders, da er meine Mutter ausserordentlich zärtlich liebte. Er verwandelte das Recht in eine kleine jährliche Abgabe und hob es auf. Seine Untertanen setzten ihm eine Bildsäule, die Ihr noch im Schlosshofe stehen seht. – Ich besitze nun kein Recht mehr, aber ich erhandle mir zuweilen eine gefälligkeit. Dabei geht alles ohne Groll ab."
"Ihr wählt die Männer für die Mädchen, die Ihr aussteuern wollt?"
"Ich wähle sie."
"Machtet Ihr Euch noch nie den Spass und ihr die Herzensfreude, ein Mädchen auszusteuern, die selbst sich einen Mann wählte?"
"Dies ist, so viel ich weiss, noch nie der Fall gewesen. Doch sie betrügen mich, das merke ich. Was meine Wahl zu sein scheint, war oft schon ihre eigene Wahl. Das wissen die Mädchen gar schlau zu karten."
"Ich wage eine Interzession!"
"Wieso?"
"Ein Mädchen hat mich gebeten, für sie bei Euch zu bitten."
"Was will sie?"
"Eine gewisse kleine, artige Brünette, Maria Aldonza, wünscht ihren Nicolo heiraten zu dürfen."
"Wie kommt sie an Euch?"
"Ich fand sie weinend auf dem feld: Ich unterhielt mich mit ihr, vernahm die Ursache ihrer Tränen und ward von ihr gebeten, ihr Vorsprecher zu sein."
"Es ist die Bitte meines Gastes die erste dieser Art an mich; – Maria soll ihren Nicolo heiraten."
"kommt ihr Portrait dann auch in diese Reihe?"
"Nur dann, wenn ich sie ausstatte."
"Das tut Ihr doch?"
"Das verspreche ich nicht. Doch, – es kommt auf Marien an. Ich handle nicht gegen meinen Grundsatz."
"Als Fremder wage ich es nicht, Euch vorzugreifen. – Das Mädchen hat mich gerührt. –"
"Wollt Ihr sie ausstatten?"
"Wenn ich darf –"
"Nun gut! – Doch nicht eher, als bis ich selbst ihr keine Ausstattung gebe."
Die Zeit der Siesta war gekommen. Beide begaben sich zur Ruh. – Rinaldo hatte länger als der Marquis geschlafen. Als er ins Zimmer kam, sass Maria einem