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als es der beredteste Mund tun könnte: lasst euch nicht fangen. – Furchtbar müssen wir uns machen, und man fürchtet uns. Dies ist leicht möglich. – Ihr alle wisst oder könnt es leicht erfahren, wie schwach die Garnisonen und regulären Truppen dieser Insel sind. Kaum reichen sie hin, die Städte Cagliari, Sassari und die Wachttürme an den Küsten gehörig zu besetzen. Was aber die Landmiliz betrifft, so ist es ja bekannt, dass sie nicht sonderlich zu fürchten ist. Die Sarden stehen auch nicht wegen ihrer Herzhaftigkeit in grossem Rufe. – Ich habe mit den Meinigen in geschlossenen Gliedern gegen Truppen der Florentiner und Römer, der Neapolitaner und gegen ihre Milizen gefochten. Nie aber hat ihre Übermacht mich und meine Leute zaghaft machen können. – Ein stärkeres Korps als jetzt müssen wir werden. dafür lasst uns sorgen. Doch ist es nicht eine grössere Anzahl, von der ich alles hoffe. Wenige, wenn sie herzhaft zu stehen und zu fechten wissen, sind mir lieber als Hunderte, die keinen Mut haben, die nur rauben, aber sich nicht wehren können. Im Gebrauche der Waffen werdet ihr geübt, und unerfahren führe ich euch nicht ins Gefecht. Aber nur dann fechten wir, wenn es nötig ist. – Ohne Angriff falle kein Schuss. Genug, dass wohlhabende Reisende beraubt werden, ihr Leben ist kein Gewinn für uns. Die Armut empfehle ich euch; das Wenige, was sie hat, behalte sie. Der arme ist ohnehin unglücklich. Er ist auch dankbar; und oft dankt ihr wohl eure Rettung einem armen Teufel, der sein Stückchen Brot mit euch teilt, statt dass ihr ihn zum Verzweifelten machen würdet, wolltet ihr ihm nehmen, was er euch nicht freiwillig geben will. Auch empfehle ich euch Schonung gegen Weiber, Kinder und Greise. Ihre Schwachheit kann uns nicht reizen, ihnen unsren Mut zu zeigen. Als Männer lasst uns allentalben auftreten, und gebt eurem Handwerk so viel Edles, als es ihm zu geben möglich ist. – Das ist es, was ich euch rate, was ich von euch verlange. Wollt ihr es erfüllen?"

"Wir wollen!" – schrien alle.

"Nun dann! So bin ich euer Hauptmann."

"Es lebe unser Hauptmann!"

"Hauptmann", – begann Sanardo, – "lass dir die Gebräuche der Sarden gefallen. Auch wir haben unsre Schutzpatronin."

"Sie sei auch die meinige."

"Viva gloriosa Santa Arega!"1

Dieses wiederholte Rinaldo, und die ganze Gesellschaft stimmte nach dem Tone einer Sardinischen Pfeife und einigen Zitern, den einzigen Instrumenten gemeiner Sarden, nach welchen auch ihre Volkstänze getanzt werden, den Gesang an:

In Deximu bella Aurora

Nascis de gracia luxenti;

Sias de sa devota genti

Santa Arega intercessora! etc.

Rinaldo fragte nach den verborgensten Schlupfwinkeln der Berge. Dahin brach die Gesellschaft auf. Auf einem schlechten Feldbette, unter einem Strohdache einer Sardischen Berghütte von vier Pfählen untererstützt, lag Rinaldo, mit sich selbst beschäftigt. Behaglich war ihm seine Lage keineswegs, er suchte sich aber selbst zu täuschen und wollte sie nun einmal behaglich finden.

Bekannt waren die gesetz gemacht, auch waren sie beschworen worden. Es wurden ihm einige Kerle zugeführt, und in einigen Tagen zählte er zweiunddreissig Köpfe, die ihm gehorchten. Alle wurden in den Waffen geübt. Jordano und Filippo machten dabei sich sehr verdient.

Rinaldo hatte die Berge besucht, die Gegend rekognosziert, und suchte sich nun mit Proviant, Gewehr und Munition zu versehen. Jetzt schickte er Streifpartien aus und liess zusammenschleppen, was zu bekommen war.

Auf der Spitze eines von den Bergen, unter denen man hier hauste, standen, von hohen Fichten beinahe ganz bedeckt, die Ruinen einer kleinen Raubfeste, in der ehemals ein gewisser Wegelagerer, Brancolino, nistete und die Bewohner der Täler hart bedrängte. Endlich fiel er einmal im Gefechte gegen die spanischen Soldaten, und sein Nest ward zerstört. Dabei tat auch die Zeit das ihrige. Weil jetzt der Platz einmal leer war, bevölkerte ihn die Furcht und die Liebe zum Sonderbaren mit Geistern, von deren Walten und Wesen die benachbarten Dorfbewohner gar viel zu erzählen wussten. Jedermann sprach von diesen Ruinen, aber keiner wagte es, sie zu besuchen.

Rinaldo aber war so kühn, sie sogar zu seiner Residenz zu wählen. Was nur herzustellen war, wurde, so gut wie möglich, hergestellt. So erhielt er, mitten unter Schutt und Trümmern, drei Plätze, die wieder für das gelten mussten, was sie ehemals gewesen waren, für Zimmer. – Er untersuchte genau und fand zu seinem grossen Vergnügen einen unterirdischen gang, der am fuss des berges hinaus ins Freie, in einen angrenzenden Forst führte. Der Ausgang war von büsche und Dornen umwachsen. Weit darin in einer schmalen Kluft, durch die nur ein einzelner Mensch sich drängen konnte, verschloss ihn eine starke, doppelte eiserne Tür, die bald wieder gangbar gemacht wurde. Die Eulen und Fledermäuse wurden delogiert. Menschen bemächtigten sich ihrer bisherigen Residenz.

Der Eingang in die Ruinen wurde mit einer kleinen Zugbrücke versehen. So, wohlverschlossen und verwahrt, kampierte Rinaldo in seiner Burg, wenn er allein sein wollte.

In den Bergen umher wurden mehrere Höhlen bewohnbar gemacht; man grub sich ein, so gut man konnte, und machte sich nur sichtbar, wenn man wollte. Dies alles waren die Früchte einer angestrengten Arbeit von acht Wochen, bei deren Vollendung