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Man sieht, dass Ihr uns nicht kennt."

"Dein Name?"

"Ein Verhör?"

RINALDO Dein Name?

SANARDO Ich heisse Sanardo.

RINALDO Wie heisst dein Hauptmann?

SANARDO Mein Hauptmann?

RINALDO Nun! Einen Hauptmann werdet ihr, beim Teufel! doch haben?

SANARDO Nun sind wir aufs Reine! Der Herr hält uns also für Leute, dieauf anderer Nebenchristen Unkosten, nach eigener Willkür leben?

RINALDO So ist es. – Bringt mich zu euerm Hauptmann.

SANARDO Wie? – Hat man den Herrn genötigt, uns aufzusuchen? Ist die Justiz hinter ihm her? Oder was treibt ihn zu uns?

RINALDO Eine alte Bekanntschaft mit euerm löblichen Gewerbe.

SANARDO Wer sah Euch das an? – Wo hat der Herr gelernt?

RINALDO In den Apenninen, in Kalabrien, bei dem bekannten Meister Rinaldini.

SANARDO Da muss der Herr etwas Rechtes können! Rinaldini soll's verstanden haben. Wir sprechen oft von ihm. Unter uns sind zwei Teufelskerle, Jordano und Filippo, diese haben bei dem nämlichen Meister gelernt. Sie sprachen oft von ihm. Diese werden dich also auch kennen.

RINALDO Wohl möglich! Wir waren oft gar zahlreich; aber immer in mehrere Korps verteilt. – Wie stark seid ihr?

SANARDO Vor vier Wochen waren wir stärker. Es hat aber starke Stösse gesetzt. Bei S. Michiele hängen unserer achtzehn, und zwölf Köpfe sitzen auf Rädern; meines Bruders Kopf in der Mitte. – Jetzt gehen wir alle in eine Höhle. Wir zählen nicht mehr als achtzehn bis zwanzig Köpfe.

RINALDO Eine Lumperei!

SANARDO Freilich! – Das Rekrutieren will auch nicht gehen. Die Galgen sind zu sehr gespickt. Dergleichen Ansichten machen keinen Mut.

RINALDO Hat euer Hauptmann keinen Ruf?

SANARDO Unser Hauptmann sitzt in Taborgo in Ketten und Banden. Jetzt haben wir nur einen Interimskommandanten. Wir wechseln monatlich im Kommando ab.

RINALDO Das taugt nichts! – Überhaupt scheint ihr mir eben keine grossen Helden zu sein.

SANARDO Davon sprich nicht! Wir stehen unseren Mann. Aber freilich, furchtsam sind wir ein wenig geworden, denn die Kriminal-Gerichte haben uns die Schnäbel derb abgeputzt.

RINALDO Rinaldini hatte Gefechte, in denen er oft 50 bis 60 Mann verlor. Aber den Mut liess der Überrest nicht sinken, denn er selbst kannte keine Furcht.

Der eine Räuber bemerkte Reiter. Sie kamen näher. Es war eine Dragoner-Patrouille von drei Mann. – Sanardo riet, sich eiligst zurückzuziehen: Rinaldo rief ihnen zu:

"Jetzt bleibt und zeigt mir, dass ihr Männer seid, die stehen können. Ihr sollt auch mich kennenlernen."

Er schwang sich auf sein Pferd, und Sanardo schrie:

"Wir stehen!"

Die Dragoner kamen näher. Sie riefen ihnen zu, die Waffen abzulegen. Trotzig fragte Rinaldo:

"Könnt ihr das fordern?"

"Wir befehlen es!" – war die Antwort.

"Reitet zurück und sagt, dass Rinaldini nie die Waffen gestreckt hat."

Die Reiter stutzten. "Rinaldini?" murmelten sie einander zu. Dieser fuhr fort:

"Sucht ihr aber Kampf, den sollt ihr haben. – Burschen! schlaget an!"

Die Büchsen lagen den Dragonern entgegen. Rinaldo hatte eine Pistole gezogen.

Die Reiter schwenkten sich und ritten davon. Rinaldo wendete sich zu den Räubern und fragte:

"Seid ihr nun mit mir zufrieden?"

"Aber", – fragte Sanardo, – "Rinaldini bist du nicht?"

"Der bin ich."

Mit einem Tempo streckten alle drei die Gewehre, küssten ihm die Hand und Sanardo sagte:

"Wir bitten dich, unser Hauptmann zu sein!"

"Das will ich" – antwortete Rinaldo. – "Euer Hauptmann will ich sein. Zu meinem alten Handwerke will ich wieder greifen und enden will ich, wie ich enden muss. Es waltet über dem Menschen ein unbeugsames Schicksal. Bestimmt ist ihm sein Los. Sein bestes Spiel spielt er verzagt, und mutig wagt er, um zu verlieren. – Fahrt hin, ihr schönen Träume meines Lebens! Ein anderer hege euch in froher Brust. Mein Schicksal will es anders. – Es sei! Ich will nicht länger widerstreben. – Voran! Ich folge euch." Jordano und Filippo sprangen hoch auf, als sie ihren Hauptmann erblickten. Sie küssten ihm die hände und weinten Tränen darauf. – Die andern standen mit entblössten Köpfen um ihn herum und nahten sich ihm nur auf seine Winke. Er liess sie alle versammeln, und als sie um ihn herum standen, sprach er:

"Ich nehme euch hiermit alle zu Kameraden an, und ihr schwört mir, als euerm Hauptmanne, Treue, Folgsamkeit und Gehorsam meinen Gesetzen, die ihr von mir erhalten werdet. Sie werden euch bekanntgemacht. Ihr habt sie zu befolgen. Wer dieselben einmal beschworen hat, muss nach denselben leben, denn jede bestimmte Strafe wird unbedingt vollzogen. – Seid ihr damit zufrieden?"

Ein allgemeines lautes: Ja! erscholl. – Rinaldo sprach weiter:

"Wer mit mir leben will, muss mit mir fechten, muss mit mir sterben können. Doch wie könnte einer, der alles zu wagen hat, zaghaft sein? Die notwendigkeit selbst muss ihm Mut geben. Lieber das Leben als den Körper verloren! Was ihr zu erwarten habt, wenn man euch lebendig fängt, wisst ihr, und jedes Hochgericht legt euch die Vermahnung deutlicher ans Herz,