"Ja!" – fuhr die Gräfin fort. – "Es ist dies nicht das einzige Sonderbare; das grössere kommt noch. – Der Jäger hat den sonderbaren Wahn, denn er behauptet und beschwört, dies Bild, – verzeiht, Herr Ritter! – sei das Konterfei des Räuberhauptmanns Rinaldini."
"Lustig!" – lächelte Rinaldo. – "Ist dies sein Bild, so bin ich der vom tod auferstandene, furchtbare Mann, den Ihr sogleich der Obrigkeit überliefern müsst."
Verlegen blickte ihn die Gräfin an. Die Cousine lispelte:
"Ein sonderbarer Zufall!"
"Den Jäger muss ich sprechen!" – rief Rinaldo aus.
Dieser kam.
RINALDO Wie du gesagt hast, hast du den Räuberhauptmann Rinaldini gekannt?
JÄGEK O ja!
RINALDO Du hast ihn selbst gesehen?
JÄGER Selbst.
RINALDO Wo?
JÄGER Auf dem Wege von S. Leo nach Florenz. – Ich war damals in Diensten der Marchese Altanaro. Rinaldini kam als ein Jäger gekleidet, foppte meine herrschaft, bat sich zuletzt Ringe, Uhren und 100 Zechinen aus, nannte sich und gab eine Sicherheitskarte.
RINALDO Und er glich diesem Portrait?
JÄGER Es scheint sein eigenes zu sein.
RINALDO Das Portrait gehört aber mir, es ist mein Bildnis. Ich muss also auch dem Räuberhauptmanne gleichen?
JÄGER Wie ein Bruder seinem Bruder gleicht.
RINALDO Gut, dass Rinaldini nicht mehr lebt! – Aber ich war doch in Sizilien und Neapel, und kein Mensch hat meines Gesichtes wegen mich in Anspruch genommen.
GRÄFIN Du wirst dich irren, Corrado!
JÄGER Es könnte sein, aber –
RINALDO Er will sich nicht geirrt haben!
DIE COUSINE So scheint es. – Aber er hat sich dennoch geirrt.
GRÄFIN Nichts ist sicherer!
RINALDO Er könnte mich in der Tat verlegen machen, wüsste ich nicht am besten, wer ich bin. – Hier, mein Sohn! – ist ein Trinkgeld für das Gefundene.
JÄGER Ich bin beschämt und weiss nicht, was ich sagen, wie ich danken soll. Ich bitte um Verzeihung, dass ich –
RINALDO Schon gut! Mein Gesicht nimmt dich nicht in Anspruch. Es soll und kann auch keinen Toten erwecken. Wir lassen ihn ruhen!
Der Jäger ging. Die Damen badinierten. – Nach aufgehobener Tafel empfahl sich Rinaldo, dankte für gegebene Herberge, bestieg sein Ross und trabte davon. Aus einem Busche brach ein Mensch hervor. Es war Fabio, der Kammerdiener der Gräfin Olimpia.
RINALDO Wie? Fabio? Du? – und hier?
FABIO Verdeckt und entronnen.
RINALDO Wie das? – Deutlicher!
FABIO Die Damen sind arretiert.
RINALDO Die Damen?
FABIO Meine Gräfin, die Signora Fortunata, ihre Gesellschafterin, die andern und die Herren dazu, welche aus Korsika waren.
RINALDO Wo?
FABIO Auf der Villa. Des Nachts wurde sie von Soldaten besetzt.
RINALDO Von Soldaten?
FABIO Die sämtliche Dienerschaft wurde zugleich mit arretiert. Ich bin glücklich entflohen.
– Der Prinz war nicht bei uns; ich glaube, man hätte ihn sonst auch festgehalten. – Unter uns, Herr Ritter! Ich habe – nach meiner wenigen Einsicht – dem ganzen Wesen immer nicht viel Gutes prophezeien können.
RINALDO Welchem Wesen?
FABIO Eine Art von Unwesen war es wohl eigentlich. Was man aber beabsichtigte oder im Schilde führte, davon weiss ich nichts zu sagen. – Meine Kameraden nannten die Gesellschaft nur die Goldmachergesellschaft. Der Prinz soll wirklich ein geborner Ägypter, ein Adept sein, wie man sagte. – Das ist wahr, von Ägypten und geheimen Dingen sprach er immer viel, besonders bei Tafel. – Doch Ihr werdet ihn ohne Zweifel besser kennen, als ich ihn kenne.
RINALDO Du irrst dich!
FABIO Geld hat er genug. Er ist freigebig und gut. Meine Gräfin ist es auch. Wenn ihr nur nichts Arges widerfährt.
RINALDO Was soll ihr widerfahren? Ein Missverständnis, das sich bald lösen wird, muss bei der Sache obwalten.
FABIO Das gebe der Himmel! – Wenn ich nur wüsste, wohin ich mich nun wenden sollte.
RINALDO In Salonetta ist meine wohnung. Dort bin ich, den Bernhardinern gegenüber, leicht zu erfragen. Bis dahin ist hier ein kleines Zehrgeld. Wenn du rasch zugehst, bist du gegen Abend an Ort und Stelle. Kaum war er ihm aus den Augen, als er sich rechts wendete und einen andern Weg einschlug. – Er sann hin und her, überlegte, bedachte, erwog und konnte nichts ersinnen, das ihm Sicherheit versprochen hätte. Unmutig stieg er bei einem Gebirgspass vom Pferde und warf sich nachdenkend unter einen Baum.
Hier hatte er nicht lange gelegen, als sich ihm drei Bewaffnete nahten, denen er ihr Handwerk gleich ansah. Seine Kameraden kamen ihm in den Sinn. Schnell bemächtigte sich seiner der Entschluss, Sardegna zum neuen Schauplatz seiner ehemaligen Taten zu machen und sich seiner Lage zu entreissen, von der er sich wenig Gutes versprechen konnte. – Noch standen die Bewaffneten ratschlagend in der Ferne. Er winkte sie herbei. Sie kamen näher. Der eine fragte mit Laune:
"Der Herr verlangt unsren Besuch?"
"Ich habe mit euch zu reden."
"Der Herr hat sich verirrt?"
"Zu euch."
"Zu uns? – Kennt Ihr uns?"
"Wir wollen uns kennenlernen."
"Wisst Ihr, ob uns etwas daran gelegen ist?"
"Mir liegt etwas daran."
"Euch? –