lag. Er ward eingelassen. Man führte sein Pferd in den Stall und sagte ihm, er befinde sich in dem schloss der Gräfin Orana, die eben hier sei. Seine Ankunft ward ihr gemeldet. Sie bat sich den Besuch ihres Gastes aus.
Sie war eine Dame von Geist, und ihre Unterhaltung mit Rinaldo war sehr lebhaft und interessant. Seit zwei Jahren war sie, wie sie sagte, Witwe, noch in ihren besten Jahren, fest entschlossen, ihre Freiheit zu behaupten und sich nicht wieder zu vermählen, sie müsste denn, wie sie sich ausdrückte, von etwas überrumpelt werden, das interessanter wär', als die Männer gemeiniglich zu sein pflegten. Sie war eine Dichterin und hatte eine Satire über die Männer geschrieben, die sie aber ihrem gast, der darum bat, doch nicht mitteilen wollte. Da sie aber, wie sie versicherte, viel Unterhaltung in seiner Gesellschaft fand, so bat sie ihn, einige Tage bei ihr zu verweilen. Dies konnte ihr Rinaldo nicht abschlagen.
Sie hatte eine Cousine bei sich, die bei der Abendtafel durch ihre Laune das Gespräch noch unterhaltender machte, und Rinaldo hatte mit einem Paar Damen zu kämpfen, die sehr systematisierte Männerfeindinnen zu sein schienen. – Ihm waren solche Weiber noch nicht vorgekommen.
Den Damen nur ein wenig das Gleichgewicht zu halten, erklärte er, dass er entschlossen sei, das Malteserkreuz zu nehmen, weil er sich nicht überzeugen könne, durch eine zärtliche Verbindung mit einer Dame glücklich zu werden. Jetzt änderte sich die Szene. Man wollte ihn vom Gegenteil überzeugen und stritt so die Mitternacht herbei.
Ein Kammerdiener wies ihm sein Schlafzimmer an, wo sich alles in bester Ordnung befand und wo er sanft auf einem weichen Lager ruhte. –
Er erwachte so spät, dass er die Damen schon bei dem Frühstück fand.
Eben war eine Bande reisender spanischer Tänzer angekommen. Sie fanden sich auf dem Schlosssaale ein, die Zuschauer nahmen Platz, die Musik begann, ein freundliches Mädchen und ein artiger, junger Mann traten auf, den zärtlichen Bolero zu tanzen.
Beide in netter, Andalusischer Tracht, die zum Tanze erfunden ist, eilten sie im Fluge aufeinander zu, als ob sie sich gesucht und gefunden hätten. Schon wollte der Jüngling die Geliebte umarmen, schon schien sie in seine arme zu stürzen, als sie sich plötzlich umdrehte; er, halb erzürnt, tat eben das. Das Orchester machte eine Pause. – Beide schienen unschlüssig zu sein, aber die wieder beginnende Musik riss ihre Bewegungen von neuem mit sich fort. – Feuriger suchte der Jüngling seine Wünsche auszudrükken, und zärtlicher schien die Geliebte ihn anzuhören. Ihre Augen wurden schmachtender, ihr Busen hob sich stärker, ihre arme breiteten sich nach den seinigen aus; vergebens, sie wich noch einmal schüchtern zurück, aber die Pause gab beiden neuen Mut. – Schneller ertönte die Musik. Beflügelter folgten sich ihre Schritte. Ausser sich vor Verlangen, eilte der Jüngling noch einmal auf das Mädchen zu, mit gleichen Empfindungen kam sie auch ihm entgegen. Ihre Blicke verschlangen sich, ihre Lippen schienen sich zu öffnen, nur süsse Scham hielt sie noch schwach zurück. Aber stürmischer rauschten die saiten, und heftiger wechselten ihre Bewegungen. Ein Rausch, ein Taumel, eine Wollust wollte beide vereinigen; jede Muskel schien zum Genusse sich zu drängen, jeder Augenblick demselben entgegenzufliegen. – Plötzlich schwieg die Musik, und die Tanzenden verschwanden.
Die Cousine schlug die Augen nieder und spielte mit dem Blumenstrauss an ihrem Busen. Die Gräfin wendete sich lächelnd an Rinaldo und fragte:
"Was sagt Ihr zu diesem Tanze?"
"Ich sage, es ist ein bezaubernd schöner Tanz."
"Meint Ihr?"
"Ein Tanz, der so lebhaft zu einem Gefühle spricht, das die ganze natur belebt, das allein den Egoismus der Menschen mildern kann, sollte der nicht bezaubernder als jeder andere sein?"
"Wie könnte auch", – lächelte die Gräfin, – "ein Mann anders urteilen?"
"Dürfte er?" – fragte Rinaldo.
"O!" – rief die Cousine aus; – "was glaubten die Männer nicht zu dürfen!"
Die Bolero-Tänzerin trat herzu. Sie wurde von der Gräfin und von Rinaldo reichlich beschenkt. Rinaldo schien seine Lage und sich selbst beinahe vergessen zu haben, als er auf eine unangenehme Art an alles wieder erinnert wurde. – Die Gräfin lenkte bei Tafel das Gespräch auf einen sonderbaren Vorfall. Wir wollen es hören.
"Mein Jäger", – sagte sie, – "den ich mit Aufträgen nach Cagliari geschickt hatte, ist soeben wieder zurückgekommen. Er hat auf dem Wege etwas Kostbares gefunden."
"Etwas Kostbares?" – fragte Rinaldo.
"Er will es Euch verhandeln."
"An mich?"
"Weil Ihr sicher wisst, wohin das Gefundene gehört."
"Ich bin begierig –"
"Ihr nennt Euch fremd auf dieser Insel?"
"Das bin ich."
"Doch wohl nicht ganz."
"Ich verstehe nicht –"
"Wer trug dies Bild?"
Sie überreichte ihm sein eigenes Portrait. Es war eben das, welches Fortunata ihm gezeigt hatte. – Rinaldo fasste sich schnell.
"Dies Bild trug niemand. Mein ist es; Ich habe es verloren. Meinen Dank soll der Finder erhalten."
"Dies Bild trug keine Dame? Und dies sollen wir glauben?" – fragte die Cousine.