Arm in Arm kamen Fortunata und Olimpia. Ein Knabe mit einer brennenden Wachskerze ging voran. Serena verschwand von der Galerie. – Rinaldo ging auf die Damen zu. Schweigend zeigte er auf das so sonderbar dekorierte Zimmer.
Olimpia schien ihn zu verstehen, aber sein fragendes Zeichen mochte sie nicht beantworten. Sie sagte:
"Morgen, lieber Freund, haben wir recht viel miteinander zu sprechen."
"Warum nicht jetzt?" – fragte er.
"Die Glocke ruft zur Ruh."
"Ich verlange nur eine kleine Antwort auf eine kurze Frage, die dieses Zimmer betrifft."
Olimpia winkte. Der Knabe ging, und Fortunata folgte dem Knaben. – Rinaldo fragte:
"Was will das Unwesen mit den Totengerippen sagen?"
"Unser Freund und Meister", – antwortete Olimpia, – "der weise Alte, sagte schon mehr als einmal zu mir: die Ägypter hatten die Gewohnheit, die Leichen geliebter Personen bei Gastmalen sogar auf ihren Tafeln zu haben. Es war der dritte Grad der Krata Repoa, das Tor des Todes, in welchem der Eingeweihte, Melanephoris genannt, in ein Zimmer gebracht wurde, das mit Vorstellungen von einbalsamierten Körpern und Särgen besetzt war. Alle Wände hingen von dergleichen Zeichnungen voll."
"Spielt ihr denn allentalben die alte Komödie fort?"
"Ein wenig."
"Die sechs Skelette in diesem Zimmer –"
"Sind die irdischen Überreste von Freunden und uns werten Menschen. Besieh sie selbst genauer und überzeuge dich. – Morgen sprechen wir recht viel miteinander. Jetzt wünsche ich dir eine angenehme Ruh!"
"Bleibt Fortunata hier?"
"Bei mir."
"Ihr kennt Euch?"
"Ein Zweck vereint uns alle zu einer Bekanntschaft."
"Und wo bleibe ich? – Wer fragt nach mir? Wer zeigt mir einen Ort, wo ich ein Lager finde?"
"Von diesen Zimmern allen kannst du dir wählen, welches du wählen willst. – Der Sohn des Hauses hat freie Wahl."
"Den Sohn des Hauses nennst du mich?"
"Du weisst nicht, was du bist, weisst nicht, wie sehr du geliebt wirst."
"Auch noch von dir?"
"Von uns allen."
Sie wollte gehen. Er hielt sie zurück und fragte:
"Ist dein Gemahl auch hier?"
"Ich erwarte morgen seine Ankunft."
"Olimpia!" – –
"Was wolltest du sagen?"
"Ich bewundere dich!"
"Es waren schöne Augenblicke, in denen du mir einst weit schönere Sachen sagtest! Wenn die Zeit der Bewunderung kommt, ist die Zeit der Liebe dahin. Der Liebesrausch verschlingt gewöhnlich die Bewunderung. – Auch Fortunata wird dies noch erfahren. – Doch, sei du nur dem Ganzen unseres Bundes, was wir wünschen, und du machst uns alle glücklich!"
Sie drückte ihm die Hand und ging schnell davon.
Rinaldo öffnete zum zweitenmal das geheimnisvolle Zimmer, trat unter die tote Gesellschaft, ging näher hinzu und sah die Schädel der Skelette mit Buchstaben bezeichnet. Er nahte sich dem nächsten, las, – und las den Namen: Rosalie.
Er bebte zurück und seufzte tief auf:
"Ach! Rosalie! meine geliebte Freundin!"
Noch einmal las er diesen Namen, verliess eilig das fürchterliche Gemach, schlug die Tür hinter sich zu und eilte in heftiger Bewegung über die Galerie einem leeren Zimmer zu.
Fussnoten
1 Bei der den Lesern bekannten Krata Repoa, die Benennung des Obersten und Aufsehers dieser Gesellschaft und des Bundes der ägyptischen Mysterien.
Fünfzehntes Buch
Was dich fasste, wird dich halten;
Kannst du dem Geschick entgehn?
Wo des Schicksals Sterne walten
Werden sie auch untergehn.
Die Sonne stand schon hoch, als Rinaldo erwachte. Er schlug die Augen auf. Serena sass, mit weiblicher Arbeit beschäftigt, in seinem Zimmer. Sie wünschte ihm einen guten Morgen und ging.
Als er angekleidet war, kam sie zurück und fragte, ob er im Garten frühstücken wolle.
"Wo frühstückt Euer Prinz?"
"Er ist nicht hier."
"Nicht hier?"
"Vor einer Stunde fuhr er von hier weg."
"Wohin?"
"Das weiss ich nicht."
"Wo ist Olimpia?"
"Sie begleitet den Prinzen. Auch die Damen aus der Stadt sind mitgefahren."
Rinaldo liess sein Frühstück in den Garten tragen. Hier wandelte er überlegend und nachsinnend auf und ab. Dann sprach er endlich mit sich selbst:
"Ja! – Ich will allen diesen sogenannten Freunden Schicksal, nicht das seinige, mit dem meinigen teilen. Allein will ich erwarten, was mir geschieht. Allein will ich stehen und – fallen!"
Er liess ein Pferd satteln, stieg auf und ritt in die Stadt. Hier brachte er seine Sachen in Ordnung und verliess Cagliari, fest entschlossen, sich nach einem Hafen zu begeben und die Insel zu verlassen. Nach Spanien wollte er zu kommen suchen und dort versteckt in einer Sierra leben, oder nach den Kanarischen Inseln segeln. So hatte er's bei sich beschlossen. – Rasch trabte er darauf los und hoffte, vor Abend noch Salano zu erreichen.
Gegen Mittag wurde die Luft drückend und schwül. Der Himmel umzog sich, Blitze flammten durch die Nacht des himmels, fernher rollte der Donner. Eine Totenstille schwebte über der Gegend.
Rinaldo erreichte, mit einem heftigen Platzregen, ein Schloss, das auf einer Anhöhe