– Und ich –
SIE Du nimmst, was man dir gibt; und schweigst du nicht, so drücken zärtliche Lippen den Mund dir zu! Fiametten fand Rinaldo den folgenden Morgen allein im Garten. Sie sass am Stickrahmen in der Laube. Rinaldo trat ein. Sie sprang auf, griff nach der Guitarre, präludierte kurz, spielte und sang.
Es glühen im Haine
Die duftenden Rosen;
Im silbernen Scheine
Erglänzen die Blüten
Zum lieblichen Kranz.
Ich bringe dir Rosen;
Sie gelten der Freundschaft,
Die duftenden Rosen.
Wie zieret die Myrte,
Den lieblichen Kranz!
Es gelten die Myrten
Den zärtlichen Freuden.
Von allen Gesträuchen,
Erkor sich die Liebe
Die Myrte allein!
Rinaldo deutete den Sinn des Gesanges so, wie ihn gewiss auch die Leser deuten werden. Lächelnd griff er nach der Guitarre, spielte und sang:
Anadyomene windet
Myrten in die braunen Locken,
Und die schönsten Blumenglocken,
Wanken um den Myrtenkranz.
Rosen duften an dem Busen,
Sanfter Krokus wankt bescheiden,
Um das Meer der Lüsternheit;
Und wo blüht Vergissmeinnicht?
Nah am Herzen blüht dies Blümchen,
Lächelt sanft im stillen Glanze,
Weit entfernt vom Myrtenkranze,
Doch dem schönsten platz nah.
"Bravo!" – rief Fiametta und warf sich an seinen Hals. Fortunata trat in die Laube, und auch ein "Bravo!" rief sie beiden zu.
"Es bleibt alles unter uns!" – lächelte Fiametta.
Fortunata fragte nach Fiamettens Gesellschaftern.
"Sie sind" – antwortete diese, – "bei dem endlich erschienenen Prinzen Nicanor."
RINALDO Wie?
FORTUNATA Ist er hier?
FIAMETTA Seit gestern Abend. Er hat die für ihn gemietete, herrliche Villa Massimi bezogen.
FORTUNATA So ist er denn endlich in der Nähe, der Stern, dem wir aus der Ferne nachzogen!
FIAMETTA Alles ist in Bewegung. – Aber unser Ritter ist stumm.
RINALDO Diese Nachricht hat mich überrascht.
FIAMETTA O! lasst Euch ja nicht überraschen, solange Ihr selbst noch überraschen könnt! Bald darauf kamen Nachrichten und Einladungen von dem Alten von Fronteja an, der, wie wir wissen, jetzt als Prinz Nicanor auftrat. Er wollte diesen Abend seinen Freunden eine glänzende Fete geben. Dazu waren sie eingeladen, und dahin gingen sie, als es Abend wurde.
Sie traten in den prächtigen Garten der schönen Villa. Eine sanfte, angenehme Musik tönte aus den Hecken ihnen entgegen. – Der Alte von Fronteja trat aus einer Laube hervor, gekleidet in ein himmelblaues, mit Sternen besätes Kleid, umwunden mit einem goldenen Gürtel. Eine goldene Kette, an welcher als Schaustück ein Saphir mit Diamanten umfasst hing, umschlang seinen Hals und bedeckte seine Brust. Ein Purpurmantel umwallte seine Schultern, und ein Lorbeerkranz umschlang seine Schläfe. So, im erhöhten und vermehrten Kostüm, als Demiurg1 geschmückt, näherte er sich den Kommenden mit freundlichem blick. Seine rechte Hand reichte er den Damen zum Kuss, die Linke streckte er gegen Rinaldo aus, indem er sagte:
"Sei mir willkommen! Gegrüsst sei von mir in meinem, meiner, und deiner Freunde Namen! – Ich reiche dir freundschaftlich die Hand des Grusses und des frohen Empfanges. Es ist die Linke, es ist die Hand, die dem Herzen näher ist als die Rechte. Es ist die Linke, die, – und wenn auch aus Freundschaft, – dennoch keinen Dolch gegen den Freund führte; und die Rechte darf wohl wissen, was die Linke tut. So ist es aber nicht im entgegengesetzten Falle. – Umarme mich, mein Freund!"
Er umarmte ihn, als eben Olimpia, die Gräfin Ventimiglia, herzutrat. Sie öffnete ihre arme, und Rinaldo lag, ohne selbst zu wissen wie schnell, an ihrer Brust. – Aus sanften melodischen Kehlen ertönte in die Musik der Gesang:
Wiedersehen, wiederfinden
Wird sich Treu und Zärtlichkeit.
Wenn der Hoffnung Sterne schwinden,
Wenn das rasche Rad der Zeit
Sich in engen Kreisen windet,
Wenn der schönste Traum entschwindet,
Nähert sich die Wirklichkeit.
Wiedersehen, wiederfinden
Wird sich Treu und Zärtlichkeit!
Rinaldo war ohne Sprache. Olimpia nahm ihn bei der Hand. Der Alte führte Fortunata; Fiametta folgte. – Im Freien war die Tafel serviert. Die Gäste nahmen Platz. – Als sie sassen, erhob sich der Alte, breitete seine arme gegen den Himmel aus und sprach:
"Lass, du ewiges, gegen deine Geschöpfe stets gütiges Wesen über uns! dieses freundschaftliche Mahl uns gesegnet sein!"
Der Himmel war hell, und die Luft so rein und still, dass sie kaum die Flammen der zwanzig grossen Wachskerzen, die die Tafel zierten und erleuchteten, bewegte. Der widerstrahlende Lichtschimmer tingirte das Laub auf vielerlei Art und gab bald helle, bald dunkle Schattierungen. Hier strahlten Blätter in einem glänzenden Gelb, dort verloren andere sich in dunkles Grün. Da glänzten die weissen Blüten, die an langen Gewinden herabhingen, auf goldgelbem grund, dort liessen zwei abstechende Blätter die Strahlen eines Sterns durchfallen, der wie ein Diamant funkelte. Die kühle Nachtluft hielt die würzigen Düfte der Blüten an der Erde gefangen und liess sie zweifach geniessen. Der wankende Widerschein, der auf dem Laube spielte, das abwechselnde Hell und Dunkel, das Gestalt und Farben der Blätter veränderte, – dies alles gab dieser Tafelszene im Freien einen unbeschreiblichen Reiz. Der Alte ergriff einen Becher, goss Wein aus demselben in eine goldene Schale und gebrauchte sie zu einer feierlichen Libation, mit den Worten: "