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den Hut auf dem Kopf und setzte sich auf einen Stuhl ihm gegenüber. Indem er ihn bedeutungsvoll ansah, sagte er:

"Ich habe Euch gestern schon mit Verwunderung und Bedauern betrachtet. Ihr habt ein unglückliches Gesicht!"

Rinaldo erschrak, Fiametta lachte laut auf, der Offizier lächelte und der Physiognomist nahm Tabak.

"Was hat Euch mein Gesicht getan?" – fragte Rinaldo verlegen.

"Das nicht, was es Euch tut", – sagte der Alte.

"Es ist einmal die Art dieses alten Herrn", – sagte Fiametta –, "jedem Menschen etwas Unangenehmes zu sagen. – Er ist zwar kein Engländer, aber er hat dennoch den Spleen. Die Engländer haben die Korsen angesteckt."

"Seid Ihr ein Korse?" – fragte Rinaldo schnell.

"Ich bin einer", – sagte der grämliche Alte. – "Das kann Euch aber nichts verschlagen."

Fiametta sprang schnell auf, ergriff Rinaldos Hand und sagte:

"Empfehlt Euch diesen Herren! Wir haben von andern Dingen, als von Korsika, miteinander zu sprechen."

Damit zog sie ihn aus dem Pavillon in den Garten, um das Bosquet herum, nach einer Laube zu, und in dieser sass Fortunata, in einem buch lesend.

Er war Impertinenzen entrissen worden und stand einem schönen weib gegenüber, die er in einigen Stunden in ihrer wohnung sprechen sollte, und die er jetzt ganz unvermutet auf einem platz fand, der vielleicht ein Erklärungsort über verschiedene Sachen zwischen ihm und einem artigen Mädchen geworden wär', hätte nicht eine andere Schöne denselben schon eingenommen gehabt. Das alles kam, wenigstens ihm, ebenso sonderbar als unerwartet und schnell. Er konnte nicht ohne Verlegenheit sein.

Fiametta flog auf die schöne Fortunata zu, umarmte und küsste sie, während Rinaldo ein wenig Luft und Zeit sich zu sammeln bekam. – Aber er durfte nicht bei sich bleiben. Fiametta drehte sich rasch herum, nahm ihn beim arme, schob ihn auf ihre Freundin zu, lachte laut auf, sagte:

"Da habt ihr euch!" damit flog sie lachend zur Laube hinaus. Rinaldo trat betroffen zurück, wollte sprechen und konnte nicht. Fortunata sah auf die Erde und spielte mit ihrer Busenschleife. Er glaubte zu bemerken, dass es eben die Busenschleife war, die er gefunden und ihr diesen Morgen überreicht hatte. – Nach einer langen Pause kam es endlich zum Gespräch.

ER In der Tat! diese Szene

SIE Sie ist sonderbar genug!

ER Meine Verlegenheit

SIE Und die meinige dazu! – – Fiametta ist ein mutwilliges geschöpf! –

ER Ich soll diesen Abend so glücklich sein, Euch in Eurer wohnung zu sprechen, und nun kommt der Zufall meinem Glücke zuvor!

SIE Das hat so sein sollen!

Er wollte weitersprechen, aber Fiametta trat wieder in die Laube.

"Ich wünschte", – sagte sie, – "dich, liebe Freundin, und diesen verlegenen Herrn diesen Abend bei mir bewirten zu können, aber es lässt sich nicht tun. Der grämliche Korse hat eine Gesellschaft hierher zusammengebeten." –

"Hierher?" – fragte Fortunata schnell.

"Ei freilich!" – fuhr Fiametta fort, – "und ich muss, ich mag wollen oder nicht, die Rolle der Wirtin übernehmen. Du weisst ja, wie das ist! – Es sind schon einige Gäste angekommen." –

Schnell stieg Fortunata auf, sagte Fiametten etwas ins Ohr, wendete sich dann gegen Rinaldo, bat ihn um seinen Arm und liess sich von ihm aus dem Garten zu ihrer Sänfte führen. Fiametta begleitete beide bis an die Gartentür. Als Fortunata fortgetragen wurde, ergriff sie Rinaldos Hand und sagte lächelnd:

"Nun haben wir sie fortgeschafft und Ihr bleibt hier."

"Da Ihr Gesellschaft bekommt?"

SIE Nicht doch! Mit der Gesellschaft wär's nur Scherz. – Es steht bei Euch, ob Ihr hierbleiben oder ob Ihr der Sänfte folgen wollt. Bleibt Ihr hier, so sage ich, Ihr seid willkommen; geht Ihr fort, so rufe ich Euch ein Lebewohl nach.

ER Ich verstehe Euch nicht!

SIE sonderbar! – Aber noch deutlicher! Dieser Augenblick entscheidet für mich oder für meine Freundin. Es geht alles ohne Groll ab. Da wir aber wissen möchten, ob Ihr wirklich der seid, für den wir Euch halten

ER Und wofür könntet Ihr mich halten?

SIE Für einen zärtlichen Abenteurer wenigstens, wenn nicht gar für

ER Für?

SIEeinen Menschen, der sich vom Grund seines Herzens aus verlieben kann.

ER O! schöne Fiametta! – Wenn ich so sprechen höre

SIE Fort! Fort! der Sänfte nach! Dieser feierliche Ton sagt mir alles, was ich wissen will. – Geht! diesen Kuss bringt meiner Freundin und sagt ihr: Fiametta hat resigniert. – Gott befohlen! werdet glücklich, aber denkt an mich!

Damit gab sie ihm einen Kuss, schob ihn sanft zur Gartentür hinaus und sprang rasch die Allee hinauf, ohne sich umzusehen, nach der Laube zu. Er sah sie gelassen davoneilen, drückte den Hut in die Augen und lief der Sänfte nach. In der Stadt holte er sie ein, öffnete Fortunaten die Tür, die seiner Ankunft heiter entgegenlächelte, und führte sie auf ihr Zimmer.

Hier kam es zu einem gleichgültigen Gespräch, auf Fiametten, auf ihre Laune, und leichtin wurde ihr Auftrag berührt.

"Sie ist gut!" –