1799_Vulpius_102_137.txt

" "Wir sehen uns! und ich bin glücklich!" Es war noch lange bis zur Abendzeit. – Wie waren bis dahin die Stunden auszufüllen? – Ein Spaziergang, wie gewöhnlich, und Rinaldo kam in Fiamettens Garten.

Er ging die Hauptallee hinauf, schlug einen Nebenweg ein und kam an einen Pavillon. Hier blieb er stehen. – Die Tür war halb geöffnet. Er nahte sich der Öffnung und sah ein interessantes Mädchengesicht. Das Mädchen selbst sass auf einem Sofa, windend einen Blumenkranz. Sie sah ihn, lächelte ganz unbefangen und rief ihm zu:

"Nur herein!"

Verlegen fasste Rinaldo die Tür an und getraute sich kaum, sie ganz zu öffnen, als von drinnen heraus ihm abermals ein freundliches:

"Nur herein!" entgegenschallte. Dies gab ihm Mut. Er trat in den Pavillon.

"Ich glaube Euch" – sagte das artige Mädchen, – "schon in meinem Garten bemerkt zu haben?"

"In der Tat!" – stammelte Rinaldo, – "ich war gestern hier. Aber dass ich das Glück haben sollte, von so schönen Augen bemerkt zu werden, das konnte ich in der Tat nicht hoffen."

SIE Und warum nicht? Habt Ihr meinen schönen Augen ein Kompliment gemacht, so lasst mich Eurer interessanten Figur eins machen. Ein Mann wie Ihr wird immer bemerkt werden. Und ich wette darauf, ich bin nicht die erste in der Welt, die Euch bemerkt. – Ihr seid also hier fremd?

ER So ist es!

SIE Auch ich bin es. Erst seit 10 Wochen lebe ich hier. Ich hoffe aber hier einheimisch zu werden. Deshalb habe ich mir diesen Garten gekauft. Gefällt er Euch?

ER Der Garten ist schön! doch seine Besitzerin

SIE Ist noch weit schöner? – natürlich! –

Hier entstand eine Pause. – Rinaldo verlor die schöne Kranzwinderin nicht aus den Augen, diese aber arbeitete, ohne aufzublicken, emsig fort. Er sah ihr lange stillschweigend zu und wollte endlich eben sprechen, als ein Mädchen eintrat und Fiametten ein Briefchen brachte. Sie las es, lachte, schrieb ein paar Worte mit Bleistift dazu, faltete das Papier und gab es zurück. Das Mädchen verliess den Pavillon. Fiametta, die eben ihre Kranzarbeit beendet hatte, legte den Kranz aufs Sofa und stand auf. Indem sie aufstand, fiel ihr ein Portrait, das an einem grünen Bande ihr um den Hals hing, aus dem Busen auf die Brust herab. Sie bemerkte es und schob das Portrait in den Busen zurück.

"Das war ein böser Mann!" – sagte sie; "sein Bild gehört nicht vor jedermanns Augen."

Rinaldo stand ohne Sprache ihr gegenüber. Fiametta drehte sich unbefangen, als sei sie ganz allein, im Zimmer herum, sang dazu und ergriff endlich eine Guitarre. Sie setzte sich, präludierte ein wenig, spielte und sang.

Romanze.

"An der lauten Meeresküste,

In dem Tal, im Feld und Wald,

In der öden Berge Wüste,

Such ich deinen Aufentalt.

Rinaldini! Dich zu finden,

Eil' ich ängstlich durch die Flur,

Und um mich Bedrängte schwinden,

Alle Reize der natur."

Seufzte Rosa, die Betrübte,

Die ihn im Gefecht verlor,

ängstlich weinte die Geliebte,

Die Rinaldo sich erkor.

Sieh, da glänzt' im Mondenschimmer

Hell ein aufgespanntes Rohr.

Rosa sah des Rohrs Geflimmer,

Das in büsche sich verlor.

"Ach! dahin! ich werde' ihn finden,

Sagt des Herzens Ahnung mir;

Und wenn alle Sterne schwinden,

Zeigt die Liebe Pfade mir.

Saht ihr nicht, ihr hellen Sterne,

Saht ihr nicht den kühnen Mann,

Den ich suche nah und ferne,

Ach! und ihn nicht finden kann?

Husch! und horch! es rauscht dort drüben,

Ha, es pfeift! das ist sein Ton!

Ja! ich find ihn, meinen Lieben,

Seine stimme hör' ich schon."

"Halt! Wer da? Gib dich gefangen!" –

"'Längst gefangen hast du mich.

Dich, Rinaldo, mein Verlangen,

Sucht' ich hier, und finde dich!'"

"Sie hat ihn gefunden!" – sagte Fiametta.

"Wie wir uns gefunden haben!" – fiel Rinaldo schnell ein und ergriff ihre Hand.

"Nicht ganz so!" – lächelte Fiametta, indem sie ihre Hand sanft zurückzog. – "Ich bin kein Zigeunermädchen, und Ihr seid kein Räuberhauptmann; ich kann nicht wahrsagen, und Ihr werdet mich schwerlich ausplündern."

Sie schien weitersprechen zu wollen, als ein Offizier in den Pavillon trat. Er grüsste Rinaldo gleichgültig, legte Hut und Degen auf einen Tisch und setzte sich ganz unbefangen zu Fiametten aufs Sofa. Leichtin, als ob er mit ihr ganz allein im Zimmer sei, fragte er: "Ist nichts vorgefallen?"

"Nichts von Bedeutung", – antwortete Fiametta ebenso unbefangen.

Der Offizier fragte, indem er ihn fixierte:

"Wer ist der Herr?"

"Ein Fremder", – war die Antwort.

"Wollt Ihr Euch nicht niederlassen?" – fragte der Offizier, aber in einem Tone, in welchem man weit eher fragen könnte: Wollt Ihr bald gehen?

Das wollte Rinaldo auch wirklich tun, als der Mann mit dem finsteren blick, der ihm schon gestern im Garten begegnete, in den Pavillon trat.

Er grüsste gar nicht, behielt