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, entfaltete er schnell das Papier und fandeine Sicherheitskarte, wie er sie als Räuberhauptmann Reisenden gab, die von seinen Leuten nicht ausgeplündert werden sollten. Noch betrachtete er den bedeutungsvollen, sonderbaren Passport, ausgestellt von einem Räuberhauptmann, als an seine Tür geklopft wurde. Er steckte die Karte zu sich und öffnete die Tür.

Vierter teil

Dolum ad virtutem addere oportet.

FLORUS.

Vierzehntes Buch

Was vergangen ist, vergangen

bleibe es. Die Gegenwart

Schenket Wünsche und Verlangen,

Wenn man auf die Zukunft harrt.

Ein Mädchen trat ins Zimmer. Es war Lusette, die Tochter seiner Hauswirtin, einer Krämerin. Sie trug eine Schüssel, belegt mit Zitronen und süssduftenden Limonen, die, von einem so hübschen Mädchen getragen, die angenehmsten Nebenbegriffe von schönen, schwellenden Limonien, neben reizende Wirklichkeiten stellten. Blumen lagen über den goldenen Früchten.

"Meine Mutter schickt Euch diese Blumen und Früchte und lässt Euch bitten, sie ebenso gern anzunehmen, als sie dieselben gibt"; – sagte Lusette, indem sie sich verneigte und ihm die Schüssel überreichte.

Rinaldo nahm und dankte.

"Was uns" – sagte er, – "ein hübsches, freundliches Mädchen gibt, hat einen sehr angenehmen Wert!"

Lusette neigte sich errötend und verliess schnell das Zimmer. senschleife verloren hatte. – Von ihr träumte und mit ihr erwachte er. – Er ging, eine Messe zu hören, dem Dome zu. – Hier lag betend die unbekannte Dame. Mit hochklopfendem Herzen warf er sich hinter ihr nieder.

Als sie den Betschemel verliess, sprang er auf, nahte sich ihr, reichte mit zitternder Hand ihr das Weihwasser und stammelte: "Ich überreiche Euch, schöne Signora! eine Schleife, die Ihr gestern verloren habt, als ich so glücklich war, Euch im Garten der Signora Fiametta zu sehen."

Lächelnd nahm sie die Schleife und fragte:

"Als Ihr, – wie sagt Ihr? – so glücklich wart?"

"Ja! ich war es, und wurde es wieder –"lispelte er.

Sie schlug die Augen nieder und ging langsam zur Kirchtür.

Hier blieb sie stehen und sah ihn freundlich an, indem sie fragte:

"Ihr seid ein Fremder?"

Eine Verbeugung bejahte ihre Frage. Sie fuhr fort:

"Auch ich bin eine Fremde."

"Mein Herz hegt klopfend einen Wunsch, der –" stammelte Rinaldo.

"Was Herzen wünschen, hoffen sie auch gewöhnlich."

"Dürfen sie?"

"Wer kann es wehren?"

"Die Erfüllung ihrer Wünsche, die nur umsonst gewünscht wurde."

Schweigend sah sie vor sich nieder, schlug den Schleier über ihr Gesicht und ging langsam der Sänfte zu, in welcher ihre Mohren sie in ein Haus trugen, das dem Dome gegenüber stand.

Rinaldo ging unter dem Säulengange auf und ab, blickte nach dem haus, überlegte, beschlossund ging endlich, nach langem Deliberieren, auf das Haus zu. – Hier blieb er stehen. – Die Tür ging auf. Er ging ins Haus. Er fragte nach der Dame, ward gemeldet und vorgelassen.

Fächer und Handschuhe in der Hand trat ihm Fortunata, – so hiess die Unbekannteentgegen. Sprachlos blieb er ihr gegenüber stehen. – Endlich kam es aber doch zu Worten. Er stammelte ein Kompliment heraus, sprach von glücklichen Augenblicken, von der Schleife, von Verlegenheit, und schloss mit einem Seufzer.

Fortunata spielte mit dem Fächer und sagte:

"Hier sind wir beide fremd. Dies gibt uns ein Recht zu Hoffnungen, uns näher kennenzulernen, wenn wireinander nicht etwa fremd bleiben wollen."

"Wollt Ihr das?" – fragte er, indem er ihre Hand ergriff und sie küsste. Nach dem Kusse zog sie die Hand zurück und fragte:

"Wie nenne ich Euch?"

"Ich bin der Ritter de la Cintra."

"Welch ein Stern leitete Euch nach Sardinien in das traurige Cagliari?"

"Ich binweil ich" –

"So, halb auf der Flucht, erzählt man einander keine Lebensgeschichte. Ich bin eben im Begriff, meinen Bankier zu besuchen. – Wir müssen schon ein andermal von unsern Reiseabenteuern miteinander sprechen. Doch, da es mich, – noch weiss ich nicht warum! – so sehr interessiert, den Finder einer verlorenen Busenschleife, die mich auch interessiert, näher kennenzulernen, so wollen wir es nicht lange anstehen lassen, uns wiederzusehen."

"Ihr macht mich glücklich!"

"Glücklich? – Wie viel gehört dazu, einen Mann glücklich zu machen! Genug, wenn Ihr zufrieden seid! – Oder meint Ihr, dass es mit uns Weibern wie mit den Königen sei? Indem sie glücklich machen, wissen sie selbst nichts davon und sind wohl gar dabei noch sehr unzufrieden."

"O! dies Los müsse Euch und mir nicht fallen! – – Wenn sich zwei Wanderer von ungefähr, einander fremd, auf einem Wege treffen, freuen sie sich dieses Zusammentreffens und wandern miteinander."

"Und diese Wanderer sind wir?"

"Wenn Ihr es wollt!"

"Treffen wir uns auch wirklich auf einem Wege? – Dies wär' zu untersuchen."

"Und diese Untersuchung?"

"Wir wollen sie nicht aufschieben. Erklärungen bei einer kleinen, frugalen Abendtafel –"

"Diesen Abend?"

"Schon? – Doch gut! Es sei! – Diesen Abend also, sehen wir uns wieder!