1799_Vulpius_102_135.txt

gesund zu sehen!

Rinaldo empfing von ihm ein Päckchen. Es entielt Kostbarkeiten, Geld und Wechsel. Olimpia und der Alte schrieben von herrlichen Aussichten und freuten sich, ihm dieselben bald mündlich mitteilen zu können. – Er las, überdachte seine Lage und entschloss sich kurz.

Lodovico und Nero wurden von ihm abgeschickt zu erforschen, wie es um den Alten und seine Freundin stehe. In Mascoli wollten sie sich wiederfinden, wie er ihnen sagte.

In Treno trennten sie sich. Rinaldo steckte sich in Pilgerkleider und ging als ein gebrechlicher Waller, hinkend und verstellt, auf Taormino zu. – Hier lag eben ein sardinisches Fahrzeug segelfertig im Hafen, welches er bestieg, indem er das Gelübde einer Wallfahrt zum Gnadenbilde zu Saorsa auf Sardegna herwinselte. – Der Kapitän lobte seinen frommen Entschluss und nahm ihn willig auf. – Die Anker wurden gelichtet; die Felucke stach in die See und erreichte glücklich das Ziel ihrer Fahrt. Rinaldo warf seine Pilgerkutte ab und eilte nach dem ihm wohlbekannten Cagliari. Hier mietete er sich eine angenehme wohnung und setzte seine Garderobe in glänzenden Zustand.

Er besuchte die Kirchen, Promenaden und öffentlichen Häuser, fand allentalben fremde Gesichter und wenig Unterhaltung.

Einst schlich er, wie gewöhnlich, um die Gartenhäuser der Stadt herum; es wurde Abend, und er wollte wieder in seine wohnung zurückgehen, als er an einem Garten vorbeikam, dessen Tür offenstand und in welchem er auf einer Guitarre spielen und dazu singen hörte. So etwas war, wie wir wissen, seine schwache Seite. – Er trat in die Tür, ging nach und nach weiter und kam in den Garten. – Eben verstummten Musik und Gesang. Bald darauf schlüpfte eine weibliche Figur aus einer Laube, die Allee hinauf, in ein Gartenhaus.

Rinaldo wollte jetzt eben den Garten wieder verlassen, als er bei einem Blumenbeete ein Gärtnermädchen gewahr wurde. Er sprach ihr zu und fragte, ob sie Blumen verkaufe.

"O ja!" – sagte das Mädchen, – "ich verdiene gern etwas. Ihr sollt gleich bedient werden!"

Sie sammelte einen schönen Blumenstrauss, den er ihr gut bezahlte. Sich bedankend, da sie sah, dass der freigebige Blumenkäufer zu gehen zauderte, fragte sie:

"Wollt Ihr noch etwas?"

ER Ich wollte nur noch etwas fragen.

SIE Nun, so sagt! – Wer fragt, sagt mein Vater, wird berichtet.

ER Ich sah vorhin eine Dame aus jener Laube ins Haus gehen; gehört ihr etwa dieser Garten?

SIE So ist es.

ER Wer ist sie?

SIE Es ist die Signora Fiametta.

ER Ist sie verheiratet?

SIE Nein.

ER Ist sie schön?

SIE Das will ich meinen!

ER Unabhängig?

SIE Wie versteht Ihr das?

ER Hat sie Eltern, Geschwister?

SIE Das weiss ich nicht.

ER Bekannte?

SIE O ja!

ER Liebhaber?

SIE Das weiss ich wieder nicht. Aber sie ist ja hübsch. – Und wenn sie auch welche hat, wird sie mir's doch nicht sagen. So etwas behält man für sich. – Ich bin, muss ich Euch sagen, nur die Tochter ihres Gärtners, aber nicht ihre Vertraute. – Gott befohlen!

Rinaldo wollte auch ihr nachgehen, als ein alter Mann mit finstern Blicken in den Garten trat. Er empfing seinen Gruss ziemlich kalt, sah ihn mit einem durchdringenden blick an und ging an ihm vorbei, nach dem Gartenhause zu. – Auf halbem Wege kehrte er sich um und fragte:

"Sucht der Herr etwas hier?"

"Was ich suchte", – antwortete Rinaldo, – "habe ich schon gefunden", und zeigte ihm seinen Blumenstrauss.

Der Alte schien noch etwas fragen zu wollen, unterdrückte aber sichtbar die Frage. Rinaldo ging langsam nach der Gartentür zu. – Eine Sänfte, von zwei Mohren getragen, ward vor der Tür niedergesetzt, geöffnet, und eine Dame kam heraus. Sie schlug ihren Schleier zurück. Rinaldo blickte in ein Paar Augen, dieja! wer kann solche Augen beschreiben?

Getroffen wie von einem elektrischen Strahl, der ihm durch alle Nerven zuckte, trat er einige Schritte zurück, riss den Hut vom kopf und machte eine Verbeugung, die eigentlich gar keine Verbeugung war. Die Dame lächelte, neigte grüssend ihren Fächer gegen ihn und flog mehr als sie ging die Allee hinauf. Im fliegenden Gange rauschte ihr weissseidenes Gewand hoch auf, und sie verlor eine Busenschleife. Rinaldo hob sie auf, eilte ihr nach, blieb stehen, steckte die Schleife zu sich und verliess den Garten. Im Freien besah er, was er gefunden hatte, genauer. Es war eine hellblaue Bandschleife, aus der aber, als er sie genauer besehen wollte, ein kleines, zusammengerolltes, beschriebenes Papier fiel.

Er bedachte sich ein wenig und zauderte, das Papier zu entfalten: "Was hast du", – sprach er, – "mit den Geheimnissen einer Dame zu tun, die du nicht kennst? – Sind es aber auch Geheimnisse, die dieses Papier entält? – Was geht das dich an? Du gibst ihr das Papier ungelesen zurück. – Du kennst sie aber nicht. Wirst du sie ertragen und finden können? Und wenn das auch geschehen kann, wird sie dir glauben, wenn du sagst, du hast nicht gelesen, was in deiner Gewalt war? – Sie wird dich noch dazu auslachen, wenn sie es glaubt."

Als er das sagte