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SIE Nein! zu Euerm Unglück mag ich nichts beitragen.

ER Geht dein Bruder in den Saal?

SIE Ich glaube wohl!

ER Und es geschieht ihm nichts? – Mir wird also auch nichts geschehen.

SIE Nein! Ich gebe Euch die Schlüssel nicht! – Wenn Ihr unglücklich sein solltet, ich wüsste nicht, was ich anfangen sollte. – Und, wenn ich Euch auch die Schlüssel wirklich geben wollte, so weiss ich nicht, wo ich sie finden soll. Mein Bruder wird sie gewiss verschlossen haben.

Indem vernahmen sie ein Geräusch. Sie lauschten und hörten deutlich, dass esin dem saal war. – Margalisa schmiegte sich zitternd an Rinaldo an. Dieser winkte ihr, zu schweigen. Sie zitterte und schwieg.

Er erhob sich langsam, stieg auf, schlich sich an die Saaltür und lauschte. – Es blieb ruhig.

Er ging zurück. Margalisa erklärte ängstlich, sie werde diese Nacht nicht aus dem Zimmer gehen. – Rinaldo lächelte und verliess mit ihr das Zimmer. Sie gingen durch das zweite ins dritte Zimmer. Hier wurde Margalisa ruhiger, gleichsam als sei sie durch eine weitere Entfernung von dem saal in grösserer Sicherheit als in dessen Nähe. – Als sie ihn aber endlich verliess, musste sie Rinaldo die Treppe hinab bis vor ihre kammer im untersten Stock des Schlosses begleiten. Als er wieder in sein Zimmer zurückkam, fielen seine Blicke auf seine Schatulle. Sogleich fiel ihm ein, dass er in derselben sehr gute Schliessinstrumente habe. – Er öffnete die Schatulle, nahm die Werkzeuge ehemaliger Geschicklichkeit heraus und entschloss sich rasch, die Geheimnisse des sogenannten Unglückkssaals zu untersuchen.

Ebenso rasch ging er dabei zu Werke, nahm Gewehr zu sich und näherte sich mit Wachskerzen dem schloss der Saaltür.

Die Vortrefflichkeit seiner Instrumente krönte sogleich die erste probe. Die Schlösser wurden geöffnet. Die Saaltür ging auf. – Im saal war es still und finster. Die Fenster verdeckten Gardinen, welche auch der feinste Strahl des Mondes nicht durchbrach.

Er trat in den Saal, der leer und ohne Möbel war. Eine doppelte Flügeltür war rechts. Nur einfach verschlossen, öffnete sie sich dem erfahrenen Schliesser bald. – Sie führte zu einer langen Galerie, die auf beiden Seiten mit Bildern geziert und mit Wandleuchtern versehen war. Auf den Wandleuchtern steckten Lichter, die, wie man deutlich sah, angezündet gewesen waren.

"Also gibt es hier", – sprach Rinaldo bei sich selbst, – "Menschen, denn Geister bedürfen dieser Lichter nicht!"

Mit festem Schritt und leisem Tritt ging er weiter und kam am Ende der Galerie an eine gleichfalls verschlossene Tür. Er öffnete sie und trat in einen kleinen Saal, dessen Wände auch mit Bildern und Leuchtern behängt waren. Eine Tür, die nicht verschlossen war, führte in ein Zimmer. Dieses war möbliert und zeigte Spuren, dass es von Menschen besucht wurde. – Nun ging er behutsam weiter und kam aus dem Zimmer in einen schmalen, dunklen, gewölbten gang.

Hier blieb er stehen und überlegte, ob er jetzt weitergehen oder ob er seine ferneren Untersuchungen bis morgen aufschieben wollte. Zögernd ging er nur langsam nach und nach weiter. Er überlegte noch, als er auf etwas Nachgebendes trat, worauf unter ihm laut eine Glocke ertönte und er langsam auf einer Versenkung in die Tiefe hinabfuhr.

Als er festen Fuss fasste, befand er sich in einem grossen, von einigen schwebenden Lampen nur schwach erleuchteten Gewölbe und sah, dass die Maschine der Versenkung langsam wieder hinaufging. – Nun war an kein Zurückgehen mehr zu denken.

Er stand, lauschte und hörte in der Entfernung ein Geräusch wie von einer Pochmaschine und von Räderwerk, das durch wasser getrieben wird.

"Und sollte ich mich der rauschenden Arbeit der Danaiden, dem Rade Ixions und allen Schrecken des wahren oder eines Orkus der Krata Repoa nähern", sprach er bei sich selbst, – "ich gehe weiter."

Er nahm die Lichter in die linke Hand, in die rechte eine gespannte Pistole und ging weiter fort. – Je weiter er kam, desto stärker wurde das Geräusch.

Eine Tür hemmte seine Schritte. Er öffnete sie entschlossen und trat in ein zweites, stärker erleuchtetes und niedrigeres Gewölbe, in welches er kaum den Fuss gesetzt hatte, als er eine Figur bemerkte, die bei seiner Erscheinung laut auf: "Alarm!" schrie und davonlief.

Nun blieb er stehen, sicherte sich den rücken, setzte die Lichter neben sich auf die Erde, stellte sich in bewaffnete Positur und erwartete, was geschehen würde. Ein dunkel gekleideter Mann mit weissem Haar und Barte trat herbei und donnerte ihm entgegen:

"Verwegener, wer bist du? Wie kommst du hierher? Was suchst du hier?"

Gelassen antwortete Rinaldo: "Ich frage dich: Wer bist du? Nach deiner Antwort wird die meine folgen."

Der Alte schwieg einige Augenblicke und fragte dann wieder: "Bist du allein hier?"

"Das wirst du erfahren", war die Antwort.

"Du bist mit allen den Deinigen, soviel deren auch mit dir hier und in jenem Gewölbe verborgen sein mögen, in meiner Gewalt, und ihr werdet lebendig nie diesen Ort wieder verlassen, wenn ich euch nicht freilassen will. – Also antworte, Mensch! wer bist du?"

"Ein Mensch, wie du gesagt hast. Oder glaubst du nicht, dass es einen Menschen gibt, der ohne Furcht hierher kam?"

"Viel