einem lied heisst, das Ihr auch oft singt? Da singt Ihr:
Nichts erdenken, nichts erdichten
Darf ein Mund, der Liebe schwört.
Vom Erdenken, vom Erdichten
Ward manch Liebchen schon betört."
Er lachte, legte die Guitarre weg, umschlang, küsste Margalisen und sagte: "So will ich die Wahrheit reden. Ich liebe dich!" Sie seufzte: "Wie lange?" Es wurden Fusstritte gehört. – Margalisa sprang auf und setzte sich auf einen Stuhl. Er ergriff die Guitarre und stimmte. – Der Kastellan trat ins Zimmer. "Ich wollte Euch fragen", – sagte er, – "ob Ihr etwas an den alten Herrn Nicanor zu bestellen habt?" Rinaldo schrieb an den Alten einen Brief, in welchem er die Bitten seines letzten Briefes wiederholte. Margalisa, die indessen mit ihrem Bruder das Zimmer verlassen hatte, kam, als Rinaldo schellte, wieder dahin zurück. Er gab ihr den Brief und bat sie, wiederzukommen. "Mein Bruder", – antwortete sie, – "geht diese Nacht selbst mit dem Boten zu dem alten Herrn. Wenn er fort ist, will ich kommen." Sie ging, und Rinaldo, dem ihre Gesellschaft jetzt beinahe unentbehrlich geworden war, erwartete ihre Zurückkunft wirklich mit Ungeduld. Gegen Mitternacht trat er ans Fenster und sah hinab ins Tal. Der Mond erhellte die ganze Gegend. Er erblickte am fuss des berges einen stark bespannten Wagen und einige Menschen hin und her gehen. Diese kamen bald den Berg herauf ins Schloss. Als sie, aus demselben zurück, wieder hinabgingen, trugen sie kleine Fässer, wie es schien, mit nicht geringer Anstrengung ihrer Kräfte. Sie kamen noch einmal und gingen, ebenso beladen, wieder zurück. – Der Kastellan ging mit ihnen und führte sein Pferd den Berg hinab, das er im Tale bestieg. – Die Fässer wurden auf den Wagen gelegt, und der Zug ging im Tale rechts fort. Die Begleiter des Wagens waren bewaffnet.
Gleich darauf trat Margalisa ins Zimmer. Es kam sogleich zum Gespräch.
"Was schaffte man in Fässern den Berg hinab?"
"Ich weiss es nicht."
"Du bist nicht aufrichtig!"
"Eben weil ich aufrichtig bin, sage ich, dass ich es nicht weiss. –
Mein Bruder sagt uns nichts von seinen Geschäften. Solche Fässerchen werden oft von hier fortgeschafft. Ich weiss nicht, woher sie kommen und was darin ist. Sie sind sehr schwer. Ihr wisst, dass ich gewiss Stärke habe, aber ich kann das kleinste Fässchen kaum von der Erde erheben. Ach! in unserm schloss gibt's wohl mancherlei sonderbare Dinge, von denen ich nichts weiss. – Mein Bruder ist gar geheimnisvoll. Wir Weiber erfahren nichts von seinen Geheimnissen."
"Er hat also doch Geheimnisse?"
"Das will ich meinen!"
"Ich bin nicht neugierig, aber die Fässer beschäftigen mich doch."
"Mich haben sie schon längst beschäftigt. Besonders, da ich gar nicht weiss, wo sie herkommen. Ich sehe sie nicht ins Schloss bringen, und dennoch sind sie da und werden fortgeschafft."
Rinaldo warf sich aufs Kanapee. Margalisa setzte sich zu ihm und spielte mit seinen Locken.
SIE Ihr denkt nach? Ich habe auch schon nachgedacht – gar oft! –, aber das hat mir alles nichts geholfen.
ER Weisst du auch nichts von den Geheimnissen des Saals zu erzählen, den du den Unglückssaal nennst?
SIE Mein Bruder nennt ihn stets den Unglückssaal, sagt aber nie, warum, und hält ihn fest verschlossen. Geheuer ist es nicht darin. Wer weiss, welcher Kobold darin hauste!
ER Du glaubst Gespenster?
SIE Ei! Wer wird die nicht glauben! – In unsrem land gibt's, leider! Gespenster und Hexen vollauf.
ER Auch Hexen?
SIE Ja! – Da will ich Euch einmal erzählen, was ein Franziskanermönch selbst erfahren, gesehen und einem vornehmen Herrn entdeckt hat.
ER Nun? Lass hören!
SIE Ein feiner, artiger, junger Mann fiel einem paar Hexen in die hände, die ihm, während er schlief, das Herz aus dem leib nahmen. Das ist eine Leckerspeise, welche sie gebraten essen. Eben wollten sie das Herz sich wohlschmecken lassen. Er wurde seinen Verlust nicht gewahr, weil er, wie gesagt, schlief. Als er aber aufwachte, fing er an, Schmerzen zu fühlen, und entdeckte endlich, dass ihm sein Herz fehlte. – Der Franziskanermönch, der in eben der kammer lag, aber nicht schlief, hatte alles mitangesehen und wusste, was die Unholdinnen getan, er konnte es aber nicht verhindern, weil ihn die Hexen bezaubert hatten. Endlich, als nun der arme Mensch erwachte, löste sich die ganze Bezauberung. Die Hexen salbten sich mit einem Öle und flogen davon. Der Franziskaner aber nahm das Herz, das schon gebraten war, vom Roste und gab es dem Jüngling zu essen; und der wurde denn mit Gottes Hilfe wieder gesund.
ER Eine schreckliche geschichte!
SIE Jawohl!
ER – – Wie lange wird dein Bruder von hier wegbleiben?
SIE Zwei Tage.
ER Könntest du mir nicht die Schlüssel zu dem saal verschaffen?
SIE Was mutet Ihr mir zu! – Ich müsste Euch gar nicht ein bisschen gut sein, wenn ich Euch die Schlüssel verschaffen wollte.
ER Wenn du mir gut bist und mich liebst, verschaffst du sie mir.