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Margalisa!

SIE Ich habe Euch gegeben, was ich keinem mann wieder geben kann. Hättet Ihr so frech sein und dieses Geschenk ableugnen wollen, so hätte ich Euch den Mund auf ewig verschlossen, damit Ihr, undankbar, nie in der Welt wieder etwas hättet ableugnen können. – Ich habe unbesonnen gehandelt, das muss ich mit Schmerzen tragen, aberverhöhnen lass ich mich nicht.

Rinaldo sah, dass er es mit einem Mädchen zu tun hatte, deren Entschlossenheit seiner Keckheit die Waage hielt. Er fand sich schnell in die gehörige Rolle, warf seine arme um ihren Nacken, küsste sie heftig und sagte: "Margalisa! Jetzt liebe ich dich zweifach!"

Sie schwieg. Einige grosse Tränen entstürzten ihren Augen. Endlich sagte sie beinahe trotzig:

"Dass ich nicht verdiene, unglücklich zu sein, weiss ich! Aber das weiss ich auch, dass Ihr es mit mir sein werdet, wenn Ihr es vergessen wollt, dass Ihr es seid, der mich unglücklich machen kann."

So hatte er noch kein Mädchen sprechen hören. Seine Liebchen hatten ihm wohl nachgeweint, aber mit Dolchen war ihm noch keine nachgefolgt. Er fasste sich aber schnell, küsste Margalisen zärtlich und sagte:

"Sei ruhig, Margalisa! Ich werde nie vergessen, was ich dir schuldig bin, da ich von dir geliebt werde."

Da tat es in dem verschlossenen saal neben dem Zimmer, in welchem sie sich befanden, einen starken Fall.

"Was ist das?" – fragte Rinaldo.

Margalisa sprang auf, schrie:

"Das ist ja eben der Unglückssaal!" und verliess eilig das Zimmer. Betroffen blieb Rinaldo zurück. Er lauschte und hörte nichts weiter. Er legte sein Ohr an die Saaltür. Nichts bewegte sich in dem saal.

Er wandelte aus dem schloss ein Stündchen im Freien umher, genoss das prächtige Schauspiel der untergehenden Sonne, ein Schauspiel, welches immer traurige Empfindungen in seiner Seele zurückliess, und ging langsam und gedankenvoll den Berg hinauf, wieder ins Schloss zurück. – An der Zugbrücke sah er noch einmal ins Tal zurück, das schon ganz im Schatten der Abenddämmerung lag, und seufzte:

"Es war eine Zeit, da trieb ich, wenn die Abenddämmerung auf die Täler sank, meine Ziegen in die kleine wohnung zurück, und damals war ich froh und heiter. Jetzt blicke ich von stolzen Schlössern hinab ins Tal, und der Schleier der Abenddämmerung umhüllt meine Seele mit Traurigkeit."

Er wankte ins Schloss, auf seine einsamen Zimmer zurück, fand den Tisch gedeckt, und bald darauf trug Margalisa ihm das Abendbrot auf. – Er leerte eine Flasche Wein und schellte nach einer zweiten. Margalisa brachte sie ihm.

"Du musst mit mir trinken", – sagte er. "Du musst bei mir bleiben. Es ist mir zu einsam; ich bin verstimmt." –

SIE Das ist nicht gut! – Kann Margalisa Euch aufheitern?

ER Du allein kannst es.

SIE Wenn meine Arbeit getan ist, will ich wiederkommen. Aber Ihr müsst mir etwas vorsingen. Ihr singt gar zu artig und könnt so schöne Lieder. Einige habe ich Euch schon abgelernt: das Fischermädchen und den traurigen Rittersmann im Felsentale.

ER Komm bald wieder, liebes Mädchen! Ich will dir Romanzen und Lieder singen, so viele du hören willst.

SIE In einer Stunde bin ich wieder bei Euch.

Sie hielt Wort, setzte sich, als sie wiederkam, mit ihrem Strickzeug auf ein Sofa, indem Rinaldo, auf der Guitarre klimpernd, im Zimmer auf und ab ging.

"Hat Euch etwa", – fragte Margalisa ganz unbefangen, – "die Frau Gräfin geschrieben? – Mein Bruder meinte, sie würde wohl bald hierherkommen."

"So? – Ich habe keine Briefe bekommen."

Eine Pause.

"Ihr erwartet sie doch?" – fing Margalisa wieder an.

"Ich weiss von keiner Erwartung!"

"Nicht? – Wirklich nicht? Und Ihr seid hier?"

"Das hat einen andern Grund als diese Erwartung."

"Das kann ich freilich nicht wissen."

Eine zweite, längere Pause. – Er unterbrach sie:

"Gehören Dörfer zu dem schloss der Gräfin?"

"Zwei. – Das Dorf am Wäldchen und jenes rechts an dem grossen Teiche."

"Sind Klöster hier in der Nähe?"

"Eine Stunde von hier liegt ein Nonnenkloster, vom Orden der heiligen Klara; zwei Stunden weit ist ein Kapuzinerkloster. Weiter kenne ich keine Klöster in der Nähe. – In dem Klarenkloster habe ich eine Schwester. Sie ist Pförtnerin."

"Du besuchst sie wohl zuweilen?"

"gewöhnlich des Jahrs dreimal, an den hohen Festen. – Es könnte mir in dem Kloster gefallen. – Einem armen Mädchen bleibt ja auch gewöhnlich nichts weiter als ein Kloster übrig, wenn sie keinen Mann bekommt."

"Den wirst du schon bekommen."

"Ei ja doch! – Ihr denkt wohl, die Männer sind bei uns auch nur so zu haben!"

Hier entstand die dritte Pause.

Margalisa sagte endlich:

"Was klimpert Ihr? Singt doch etwas. Ihr habt mir's ja versprochen."

Margalisa ist das Liebchen,

Das mir nur allein gefällt. –

"Habt Ihr das Liedchen selbst gemacht?" – fiel Margalisa fragend ein. "Ich dichte es unterm Singen." "Aha! – Wisst Ihr wohl, wie es in