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haben geschärfte Befehle erhalten, euch Landstreichern auf der Fährte zu sein.

EINE ZIGEUNERIN Ein deliziöses Likörchen! – Für den Herrn Förster, ganz umsonst.

RINALDO Ich nehme nichts geschenkt und kenne meine Pflicht. – Noch eins. Schenk' ein, alte Sibylle!

ZIGEUNERIN Mit Vergnügen, allerliebster Herr Förster!

RINALDO Sind das deine Töchter, alte Nachteule?

ZIGEUNERIN Die kleine ist meine Tochter. Die grosse ist eine Anverwandte. Eine vater- und mutterlose Waise. – Sie heisst wie ihre Schutzpatronin: Rosalie, ist eine gute Christin, siebzehn Jahre alt und hat ein vortreffliches Herz. – Soll ich noch eins einschenken?

RINALDO Meinetwegen!

ZIGEUNERIN Rosalie! Ein Stückchen Reiskuchen für den Herrn Förster.

ROSALIE Hier, Herr Förster! – Wohl bekomm's

RINALDO Höre Mädchen! bist du denn wirklich getauft?

ZIGEUNERIN Vergebe Euch der Himmel diese Frage! – Zu Macerata ist sie gar schön und christlich getauft worden, wie ihr Taufzeugnis besagt.

ROSALIE Ja, gewiss und wahrhaftig!

RINALDO Nun? Was bin ich schuldig?

ZIGEUNERIN Ah papperlapapp! Nichts. Wir werden dem Herrn Förster doch nicht gar Geld abnehmen.

RINALDO Ich nehme nichts von euch geschenkt. – Sucht eure Pässe herbei. Was habt ihr da alles in den Körben? – Teufel und alle Wetter! Wie kommt ihr denn zu den grossen Wachskerzen? Die habt ihr gewiss gestohlen.

ZIGEUNERIN Gott bewahre! Herr Förster, was denkt Ihr von uns? – Wir haben sie gekauft. Wir brauchen dieselben bei Sturmnächten im wald.

RINALDO Ich will euch zwei Stück davon abkaufen.

ZIGEUNERIN Sie stehen zu Diensten.

RINALDO Das Brot kaufe ich euch auch ab.

ZIGEUNERIN Nach Belieben.

RINALDO Nun macht mir die Rechnung. – Hurtig! und die Pässe heraus! – Wollt ihr mir das ganze Fläschchen Likör lassen?

ZIGEUNERIN Warum nicht?

ZIGEUNER Der Herr Förster taugt gut auf einen Jahrmarkt.

RINALDO Ja, ich kaufe alles, was mir gefällt. Ich kaufe euch auch das Mädchen ab, wenn ihr mir sie lassen wollt, und wenn sie mit mir gehen will. Ich brauche so ein Mädchen in der Wirtschaft.

ROSALIE Wenn ich Lohn bekomme, gehe ich mit.

RINALDO Das versteht sich.

ZIGEUNERIN Ihr könnt das arme Ding bekommen. Aberes ist eine Bedingung dabei. Ihr fragt nicht weiter nach unsern Pässen.

RINALDO Aha! – Nun, meinetwegen! Aber nehmt euch in acht, dass ihr nicht der Miliz in die hände fallt. – Es wird heute gestreift.

ZIGEUNERIN So wollen wir machen, dass wir aus dem wald kommen.

RINALDO Das rate ich euch selbst. – Hier ist Geld für's Mädchen und ein Paar Paoli für meine Zeche.

ZIGEUNERIN Nun, – so bedanken wir uns.

ROSALIE Lebt wohl!

ZIGEUNERIN Führe dich hübsch auf und mache uns keine Schande! – Wie heisst der Ort, wohin Ihr sie führt, Herr Förster?

RINALDO Nach Sarsiglia, wo ich Förster bin. – Die ganze Gegend kennt mich.

ZIGEUNERIN 's ist nur, dass wir wissen, wo wir uns nach dem Mädchen erkundigen können.

RINALDO Schon recht! Gott befohlen!

ROSALIE Nochmals; lebt wohl!

Die Zigeuner machten sich sogleich auf den Weg. Rosalie nahm ihr Bündelchen, sprang neben Rinaldo her, der den Weg nach den Schlosstrümmern einschlug und war sehr aufgeräumt und munter. Sie bewunderte die Ruinen, meinte, hier müsse es sich gut für Zigeuner hausen lassen, und warf sich neben Rinaldo nieder, der sich ins Gras streckte.

ER Bist du wirklich gern mit mir gegangen?

SIE Sonst würde ich ja nicht so freudig sein. Das Leben, das ich bisher geführt habe, hat mir schon längst nicht mehr gefallen wollen. Ich hatte mir auch vorgenommen, einmal des Nachts davonzugehen. Nur wusste ich nicht, wohin. – Ach, ein Zigeunermädchen ist gar ein armes Tier! Man muss sich zu vielerlei gebrauchen lassen, hat doch zuweilen kaum das liebe Brot, und wenn man einmal etwa mit langen Fingern erwischt wird, rips! bekommt man zwischen Himmel und Erde Quartier. – Wenn ich aber Eure Wirtschafterin bin

ER Ich will dich nicht betrügen; du gefällst mir zu sehr. – Ich bin kein Förster.

SIE Heilige Rosalie! Was denn sonst?

ER Jetzt kannst du deine Gesellschaft noch einholen, wenn du nicht Lust hast, bei mir zu bleiben. Ich halte dich nicht zurück. Ich stelle dir alles frei. Und damit du siehst, wie aufrichtig ich gegen dich bin, so will ich sogar so unbesonnen sein, dir zu sagen, wer ich bin. – Ich bin Rinaldini.

SIE Ach, Rinaldini! Wie bin ich erschrocken, – weilweilIhr ein so berühmter Mann seid, und weil ich

ER Zieh' in Frieden zu deinen Zigeunern zurück! – Hier sind zehn Dukaten. Ich schenke sie dir.

SIE Still! Lasst mich einmal ein wenig nachdenken. – So oder so! – – Hm! – Ich bleibe bei Euch.

ER Nun gut! Du sollst sehen, dass ich für dich sorgen will. Und geht's mir wohl, so soll dir's auch wohl gehen. Fehlen soll dir's an nichts, was ich dir verschaffen kann. – Gib mir deine Hand und versprich mir, bei mir zu bleiben.

SIE Hier ist meine Hand. Ich verspreche es dir.

ER Dein offener blick nahm mich gleich für dich ein, und