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"Sagt nichts davon!"

Aufmerksam gemacht auf etwas, woran er vorher nicht dachte, nahm Rinaldo eine noch freundlichere Miene an, drückte Margalisen sanft die Hand und sagte in eben dem Tone, in welchem sie bat:

"Ich weisswas ich weiss!"

Verlegen blickte sie ihn an und fragte mit gezogener stimme:

"Was wisst Ihr denn?"

Bedeutend fuhr Rinaldo mit der Hand sich übers Gesicht und sagte:

"Ich weiss gar viel und mancherlei."

Margalisa zog ihre Hand von seiner Schulter, ergriff den Zipfel ihrer Schürze, zog ihn gegen die Brust, schlug die Augen nieder und lispelte:

"Ich habe nichts gesagt. Und" – setzte sie schnell hinzu, – "ich weiss auch nichts zu sagen. Ihr wisst also auf jeden Fall mehr als ich weiss."

Rinaldo griff ihr unters Kinn, richtete ihr Gesicht auf und lächelte ihr zu:

"Das glaube ich selbst!"

Sie sah ihn an und fragte ganz naiv:

"Wie gefällt Euch denn die Frau Gräfin Ventimiglia?"

"Ich kenne sie gar nicht!"

"Ach! Ich dachte gar!"

"Ich habe sie nie gesehen."

"Und seid doch auf ihrem schloss?"

"Ich bin auf ihrem schloss und kenne sie dennoch nicht."

Sie sah ihn an, unterdrückte sichtbar ein: sonderbar! und fuhr fort:

"Sie hat prächtige Kleider, glänzende Ringe und schönes Geschmeide. Man steht nur so neben ihr, wie ein Krokusblümchen neben einer Aloe! – Vielleicht kommt sie bald wieder, da Ihr jetzt hier seid, und da werdet ihr selbst sehen, wie wir aussehen, wenn wir nebeneinander stehen."

Mit einem Knicks sprang sie zur Tür hinaus. Rinaldo rief ihr nach, sie war aber schon die Treppe hinab, wie hinuntergeflogen. – Er ging ins Zimmer zurück und warf nachdenkend sich auf ein Sofa. Endlich rief er laut aus: "Sie spielen mit mir das alte Spiel!"

Dreizehntes Buch

Deckt die Ruh wohl ihr Gefieder

Über dich mit sanfter Huld?

Nein! doch sucht sie friedlich wieder,

Niemals die verhasste Schuld.

Es kamen Boten mit Briefen auf das Schloss, gesendet von dem Alten, der dennoch nie schrieb, wo er sich aufhielt. – Rinaldo war in seiner Einsamkeit in einer sehr peinlichen Lage.

Der Kastellan schien ein sehr verschlossener Mann zu sein. Er betrug sich gegen seinen Gast sehr zurückhaltend. Von Margalisen aber hoffte er, nach und nach mehr zu erfahren. Deshalb tat er sehr artig gegen sie, was ihm gar nicht schwerfiel, denn sie war wirklich ein hübsches Mädchen, das noch dazu in der Einsamkeit des einsamen Schlosses doppelte Reize erhielt. Er beschenkte sie sehr freigebig mit einer Halskette und einem Ringe. Diese Kostbarkeiten wurden ebenso gern genommen als sie gegeben wurden. Rinaldo sah an der Aufmerksamkeit, mit der er bedient wurde, dass die Dienstwilligkeit durch die goldene Kette stark an den Geber gefesselt worden war.

Er war einige Wochen auf dem schloss, als er durch einen Boten einen Brief an den Alten sandte, in geben. Auch ersuchte er ihn, Lodovico wieder zu ihm zu schicken.

Margalisens Zutraulichkeit wurde nach und nach immer herzlicher, und sein freundliches Entgegenkommen bestimmte das treuherzige Mädchen endlich sogar, in dem freundlichen Herrn mehr als den bloss freundlichen Herrn zu sehen. Seine Geschenke und die Einsamkeit taten auch das ihrige, und so kam es denn, dass der Herr Ritter seine schönen Stunden ebenso gefällig als gern erhielt. Das gefiel dem Mädchen und gefiel dem Herrn. So waren sie miteinander zufrieden.

Einst, als sie, so ganz traulich wie er, recht liebevoll bei ihm sass, fragte sie lächelnd ganz naiv:

"Die Wievielte bin ich denn wohl, die Ihr schon liebgehabt habt?"

Rinaldo, freilich ein wenig gewandter als das guterzige Schlossmädchen, wusste die Antwort dieser Frage durch eine Gegenfrage klüglich zu vermeiden. – Eine Metode, die wir (gelegentlich gesagt), als sehr heilsam jedem empfehlen wollen, der in die Verlegenheit kommen sollte, einem artigen Mädchen eine ähnliche Frage zu beantworten. – Er fragte also:

"Der Wievielste von denen, die dich liebgehabt haben, bin ich denn wohl?"

Darüber vergass das gute Kind ihre eigene Frage, wurde noch röter, als sie wirklich schon war, schlug die Augen nieder und zupfte an ihrem Busentuche, sanft den Mund bewegend, ohne zu sprechen.

Durch diese Verlegenheit der Verlegenenso machen's die Männer! – noch kecker gemacht, verlor Rinaldo jeden Antwortspunkt aus dem Sinne und wiederholte seine Frage sehr dreist, indem er Margalisens Gesicht dem seinigen entgegendrehte.

Sie wurde darüber fast empfindlich, unterdrückte aber dennoch ihren Unwillen und sagte weinerlich:

"Ihr seid der Dritte meiner Liebhaber, aber der einzige, der Küsse von mir erhalten hat."

Sie schwieg, fuhr aber schnell auf und fragte fast erzürnt:

"Glaubt Ihr das?"

"Ich glaube dir es nicht allein", – antwortete Rinaldo gelassen, – "sondern ich bin sogar davon überzeugt."

"Das lässt Euch der Himmel reden!" – fiel sie rasch ein und schob etwas, das sie mit der rechten Hand gefasst hatte, unter das Busentuch zurück.

"Was ist das?" – fuhr Rinaldo fragend auf, rang scherzend mir ihr und zog einen Dolch aus ihrem Busen.

ER Das war es, was du gefasst hattest und wieder zurückschobst? O