Er wählte und fragte:
"Wo bin ich?"
"Auf dem schloss meiner gnädigen Frau", – antwortete Toronero, der Kastellan.
"Sie heisst?"
"Wisst Ihr das nicht?"
"Ich weiss nicht, wo ich bin, warum ich hier bin, kenne die Besitzerin dieses Schlosses nicht und weiss nicht, wie sie heisst."
"Sie aber kennt Euch. – Sie hat mit mir selbst von Euch, von dem Ritter de la Cintra –, so heisst Ihr doch?" –
"So heisse ich."
"– gesprochen, ehe ich abreiste."
"Sie ist hier?"
"Nein. – Als ich abreiste, reiste sie auch ab."
"Wohin? – Hierher?" –
"Das weiss ich nicht."
"Ist sie nicht immer hier?"
"Nur selten und nie lange."
"Wie heisst sie also?"
"Gräfin Ventimiglia."
"Ventimiglia? – Ich kenne sie nicht; wenigstens – nicht unter diesem Namen."
"So weiss ich nicht, was ich denken und sagen soll. – – Doch, es wird sich gewiss alles aufklären!"
Der Kastellan ging. Lodovico kam. Er brachte einen Brief von dem Alten. Rinaldo wurde von demselben gebeten, ihm Lodovico zuzuschicken, dessen er bedürfe. – Es war ein Bote da. Rinaldo befahl Lodovico, bald wiederzukommen, und dieser versprach es, indem er mit dem Boten davonritt. Der Kastellan, von dem Rinaldo eine Guitarre begehrte, brachte ihm dieselbe, entschuldigte sich zugleich, dass er, überhäufter Geschäfte wegen, nicht immer bei ihm sein könne, versicherte aber zugleich, seine Schwester Margalisa werde oft zu ihm kommen und seine fleissige Gesellschafterin sein.
Margalisa, ein ganz artiges, rundes, tätiges geschöpf, erschien bald und sagte ganz treuherzig, sie sei da, dem Herrn die Zeit zu vertreiben. – Rinaldo unterhielt sich schäkernd mit ihr. – Er pries die schöne Aussicht der Gegend.
SIE O ja! Die Aussicht ist schön, die Gegend ist reizend, aber nach und nach wird man sie auch gewohnt, so wie alles, was man täglich sieht, seinen Spiegel nicht ausgenommen.
ER Und in den Spiegel siehst du wohl gern?
SIE Täglich; da müsste ich kein Mädchen sein! gewöhnlich zwar nur des Morgens, ich müsste mich denn etwa in der Küche schwarz gemacht haben. Sonntags aber geschieht's mehr als einmal, wenn ich in die Kirche gehe.
ER Hast du weit in die Kirche zu gehen?
SIE In einer Stunde bin ich dort. Ich bin aber eine gute Fussgängerin, mein Bruder endet den Weg in einer Stunde nicht.
Rinaldo ging im Zimmer auf und ab, klimperte auf der Guitarre. – Margalisa fragte lächelnd: "Könnt ihr auch spielen und singen?"
"Willst du etwas hören?"
"O ja! – So etwas höre ich recht gern. – Oder wollt Ihr etwas Gesungenes von mir hören?"
Er gab ihr die Guitarre und bat sie, etwas zu singen. Sie spielte und sang.
Romanze
Am Bache lag's Liebchen
Im lieblichen Traum,
Sein Schlummer war ruhig,
Er atmete kaum.
Da sah ihn das Mädchen;
Sie schlich sich herzu,
Und freute sich innig
Der friedlichen Ruh.
Sie küsste ihm leise
Das zärtliche Licht
Der zitternden Augen;
Er regte sich nicht.
Sie wand seine Locken
Um Finger und Hand,
Und küsste behaglich
Dies ringelnde Band.
Er atmete stärker,
Sein Auge ging auf;
Sie drückte, ihn grüssend,
Ein Küsschen darauf.
"Was schlummert mein Liebchen
Am rauschenden Bach?
Was küss' ich im Grünen
Den Schlafenden wach?
Im arme der Liebe
Schläft's Liebchen so weich.
Ach! wechsle, mein Trauter!
Dein Lager doch gleich!"
Rinaldo lobte Spiel und Gesang. Sie dankte und gab ihm die Guitarre zurück. Dabei fragte sie:
"Werdet Ihr lange hier auf dem schloss bleiben?"
ER Noch weiss ich das selbst nicht.
SIE Es lebt sich gar zu einsam, wenn die Frau Gräfin nicht hier ist. Ich, mein Bruder, seine Frau, eine Magd, zwei Kinder, das ist die ganze Schlossgesellschaft. Da ist ein Tag wie der andere. Das bisschen Arbeit ist bald getan, und dann – hat man Langeweile. Es ist etwas Verwünschtes, in einem solchen Bergschlosse zu stecken! – Ihr werdet das erfahren. Bleibt Ihr lange hier, so werdet Ihr auch sicher viel Langeweile haben.
ER Aber – du bist ja hier.
SIE Das wird euch wenig helfen. Wie könnte ich Euch die Langeweile vertreiben?
ER Du wirst mir mancherlei erzählen.
SIE Wovon?
ER Von diesem schloss.
SIE Was?
ER Allerlei.
SIE Von dem schloss weiss ich selbst nicht viel. Mein Bruder aber mag wohl mehr davon wissen.
ER Was denn?
SIE Je nun! Dies und jenes. – Unser Schloss hat auch seine Heimlichkeiten.
ER So?
SIE Ich kenne sie aber nicht. Und – ich rede auch nicht gern davon.
ER Warum nicht?
SIE Weil ich nichts Gewisses davon zu sagen weiss.
ER Ich habe auch mancherlei davon gehört.
SIE Wirklich? – Was denn?
ER Man sagt, es sei in dem schloss nicht recht geheuer.
Margalisa sah sich besorgt um, trat ihm näher, legte ihre Hand auf seine Schulter, blickte ihn gutmütig an und sagte: