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uns gesagt, wer er ist, was er hier will, und fragten wir darum, so gab er uns keine Antwort. – Ihr aber scheint ihn ja auch zu kennen!"

"Ich kenne ihn; dennoch aber weiss ich nicht, wer er ist."

Der Graf verliess den Garten; der Alte kam wieder auf die Laube zu.

"Schöne Gräfin!" – sagte er sehr freundlich, – "Diesen Unglücklichen erbitte ich mir auf einige Minuten!"

Leonore verneigte sich und verliess den Garten. – Der Alte setzte sich, und das Gespräch begann.

"Ermorden also wolltest du dich?"

"O! hätte ich es doch schon längst getan!"

"Der Mensch hat freien Willen. Sein Leben steht in seiner Gewalt. Darüber kannst du im Seneca und Cicero gar viel, pro und contra lesen. Bürden legt man ab; was drückt, wirft man hinter sich. Indessen, bei dem Selbstmorde ist doch noch immer eine Art von Feigheit mit im Spiele. Wer Mut hat, seinem Schicksal die Stirn zu bieten, der erliegt im Kampf nicht so leicht als der Verzagte."

"Wie stirbt man ehrenvoller, durch eigene oder durch Henkershand?"

"So wie in der Welt die Begriffe einmal kursieren, so ist die eigene Hand der Hand des Henkers vorzuziehen. Indessenbis die letztere uns erreicht, hat man Zeit, zur eigenen Hand zu greifen. – Du wolltest nur in schöne hände fallen! darum –"

"Keinen Spott!"

"Spott?"

"Keinen Scherz! – Meine Lage ist zu ernstaft."

"Und eben deswegen kann ein kleiner Scherz –"

"Ach! keinen Scherz!"

"Nun also, ernstlich! Wunderst du dich nicht, mich hier zu sehen?"

"Ich beneidete dich schon um das Glück, den Tod in den Wellen gefunden zu haben!"

"Ich beneide keinen Menschen um so etwas. – Den Wellen entronnen finde ich dich wieder und sehenoch mehr als das –, alles wieder, was schön, was sehenswürdig ist." –

"Du kennst Lentini?"

"Er ist ein Freund, auch deines Freundes, des Marchese Germano, und der meinige. Darum hatte er auch nichts von Cintio zu fürchten."

"Wie? – Ihr alle steht noch immer miteinander in Verbindung?"

"Wir alle."

"Habt ihr noch immer nicht die Expedition nach Korsika aufgegeben?"

"Nicht ganz. – Vielleicht gelingt uns bald ein kühner Streich."

"Gegen Korsika?"

"Gegen Korsika oder gegensonst einen Weltteil."

"Du lebst von Plänen!"

"Für dieselben."

"Glück zu!"

"Für mich und dich! – – Jetzt einige Worte an dich. – Du bist so unbedachtsam gewesen, dich und deinen Namen selbst wieder zu promulgieren –, was ein wenig unklug war! – und man ist dir überall auf dem Nacken. – Das taugt nichts! – Du musst wieder verschwinden, du musst versteckt werden, bis der Sturm vorüber ist."

"Wohin?"

"In diesem schloss kann man dich nicht lassen, ob du gleich vielleicht gern hier bliebst."

"Gleichviel!"

"Hm! – Gleichviel wohl nicht, denn du hast doch einmal hier Bekanntschaft."

"Mich darf kein rechtlicher Mensch kennen."

"Oho!"

"Wenigstens darf er es nicht sagen."

"Bin ich kein rechtlicher Mann?"

"Ich muss es dir verdenken, dass du dich meiner Bekanntschaft freuen kannst!"

"Ich nicht. – Doch wieder zu unserer Angelegenheit! – Gegen Abend wird ein Mann kommen, der dir diesen Ring, mit einer Maienblume, den ich hier an diesem Finger trage, übergibt. Diesem folge. Die Nacht ist schön und mondhell. Ihr reitet fort. Gegen Morgen seid ihr an Ort und Stelle."

"Wo?"

"An einem schloss, wo man euch einlassen wird und wo du sicher bist."

Rinaldo wollte sprechen. Der Alte stand auf, drückte ihm die Hand, sagte: "Wir sehen uns bald wieder!" und ging schnell davon. Leonore kam in einiger Zeit in den Garten zurück und fand Rinaldo nachdenkend in der Laube. – Sie nahte sich ihm. –

"Mein Bruder", – sagte sie, – "ist mit Nicanor weggefahren. Meine Schwägerin wünscht Euch zu sprechen."

Sie gingen ins Schloss zurück. Laura fragte nach dem Alten, konnte sich ihres Gemahls Verbindung mit ihm nicht erklären und erhielt von Rinaldo auch darüber keine Aufklärung.

Gegen Abend kam der Überbringer des Ringes von dem Alten. Rinaldo schickte sich zur Abreise an. Er nahm Abschied. Von Leonoren begehrte er ein Andenken. Sie gab ihm eine Busenschleife. Er schob ihr schnell einen Ring an den Finger, eilte die Treppe hinab und schwang sich aufs Ross. Vergebens rief Leonore ihm nach. Er sprengte zum Schlosshofe hinaus, begleitet von seinem Führer und von Lodovico. – Sie ritten bei Mondenschein die ganze Nacht hindurch, bis an den folgenden Morgen. Auf einem Felsen lag ein altes, kleines Schloss, zur Verteidigung wohl versehen. Dieses wurde erreicht. – Der Führer gab ein Signal. Die Zugbrücke fiel. Sie ritten ein. Hier nannte sich Rinaldos Führer als Kastellan des Schlosses und führte ihn herum, sich selbst Zimmer zu seinem Aufentalt zu wählen. –