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den beiden Mädchen einen Brief an die Gräfinnen schrieb. – Als Lodovico zurückkam, wurde der Abzug aus der Höhle beschlossen. Rinaldo beschenkte die Mädchen und ritt mit Lodovico davon. Im freien feld wurde an einer Quelle unter Pappeln Mittag gehalten. Rinaldo warf sich von einer Seite auf die andere und wurde endlich laut.

"Lodovico!" – sagte er, – "ich habe mancherlei hin und her überlegt und meine Lage auf alle Seiten gewendet. Eine gute Seite will durchaus nicht zum Vorschein kommen."

"Bei mir auch nicht!"

"Endlichhabe ich beschlossen, es darauf ankommen zu lassen, ob uns das Glück wieder in die Welt und durch die Welt helfen will."

"Vielleicht! – Das Glück ist eine Donna, und mit den Weibern ist es Euch ja immer gutgegangen. Lasst sehen, was Donna Fortuna für uns tun wird, und lasst hören, was Ihr zu tun beschlossen habt. Wollen wir wieder in die Welt, nun gut! hier ist ein kleiner Vorrat von falschen Bärten und Nasen. Wie so manchem wird ein honestamentum faciei dieser Art angedreht oder von ihm andern angesetzt, und er geht seines Weges. Non cuique datum est, habere nasum! Wir haben welche. – In der Gesichtsmalerei habe ich etwas getan. Ein paar Striche, und der Mund sitzt mir krumm in der Larve; einige Punkte, und ein Auge steht hoch, das andere tief. Ich kann mich alt und jung malen, trotz dem geübtesten Schauspieler! – Wie soll es also werden?"

"Wir gehen nach Palermo."

"Gut! – In dem dortigen Gedränge verlieren wir uns leicht. Die Schutzpatronin von Palermo, die heilige Rosalie, ist ja auch eine Dame, und die Rosaliensind Euch nicht ungünstig. Dieser Umstand scheint mir schon von guter Vorbedeutung zu sein, und er bleibe es! – Also frisch nach Palermo!"

"Von dort, zu Schiffe, nach Kalabrien. – Das müssen wir wagen! – In den Gebirgen liegen meine Schätze vergraben."

"Diese heben wir!"

"Und damitin die Welt."

"Ich wollte, die Schätze wären schon in unserer Gewalt. In die Welt wollten wir leicht kommen."

"So schwer wie möglich!"

"Gut! – – Wollen wir Palermo erreiten oder erwandern? – Wir haben bis dortin noch eine artige Tour!"

Noch sprachen sie, als aus dem naheliegenden wald ein Trupp Reiter hervorbrach.

"O! heilige Rosalie! – rette uns", schrie Lodovico.

"Lass dir", – sagte Rinaldo, – "nur nicht ans Gewehr kommen und beobachte meine Mienen und Zeichen genau."

Sie sprangen auf und warfen sich auf die Pferde. – Die Reiter hielten. Der Offizier ritt hervor. Er wollte sprechen. Rinaldo kam ihm zuvor.

"Mein Herr Offizier! Ihr befreit mich aus einer grossen Verlegenheit. Diesen Morgen entging ich einem Trupp Beutelschneidern mit genauer Not, durch die Schnelligkeit meines Pferdes. Einige Kugeln flogen an mir vorbei, und meines Dieners Mantel wurde durchlöchert. – Hier ruhten wir aus und überlegten, welche Strasse wir einschlagen wollten, denn der Berg vor uns scheint nicht ohne Höhlen und Schlupflöcher zu sein. Unter Eurem Schutze haben wir nichts zu fürchten. Vielleicht gehört Euch oder einem Eurer Bekannten diese Brieftasche, die verloren unter jenen Bäumen lag. Dagegen aber bitte ich, wenn einer Eurer Leute etwa die meinige auf dem Wege gefunden haben sollte, mir dieselbe aus; ich habe sie im Fliehen verloren."

Der Offizier fragte seine Reiter, ob einer eine Brieftasche gefunden habe. Alle verneinten es.

"Wisst Ihr", – fragte der Offizier, – "dass sich ein Rinaldini wieder sehen lässt? Es sei nun ein falscher oder der wahre Rinaldini, genug, er hat sich so genannt, wie eine Patrouille aussagt, von der der eine Reiter, als einer seiner alten Spiessgesellen, zu ihm übergeritten ist und dadurch seine Übermacht über die Patrouille vermehrt hat."

"sonderbar genug!"

"Er hat ein grünes Kleid und einen roten Mantel getragen, wie Ihr tragt, hat einen Fuchs geritten, wie Ihr reitet, und sein Diener war der Beschreibung nach ebenso gekleidet wie der Eurige, ritt auch einen Rappen wie dieser."

"Ein für mich sehr ungünstiger Zufall!"

"Gewiss!"

"Ich sehe ein –, dass ich Euch überzeugen muss, dass ich der Ritter de la Cintra bin. Da ich mein Portefeuille verloren habe, so muss ich Personen stellen, die mich kennen. Ich muss Euch also dringend bitten, mich auf das Schloss der Gräfin Lentini zurückzuführen, woher ich komme. Die Gräfin kennt mich."

"Die Gräfin Lentini ist durch ihren Gemahl mir verwandt. Ich nehme keinen Anstand, ihr Zeugnis zu respektieren."

Dahin kam es. – Den folgenden Morgen erreichten sie das Schloss. – Der Offizier liess die Reiter zurück und ritt mit Rinaldo und Lodovico ein.

Die Gräfinnen erbebten. Leonore verschloss sich in ihr Zimmer.

"Meine schöne Cousine!" – sagte der Offizier, – "Ihr werdet gebeten, uns beide aus einer Verlegenheit zu reissen."

Rinaldo trug die Sache vor. – Laura schien sich zu fassen.

"Ich muss", – sagte sie, – "bekennen, dass ich diesen Herrn schon längst als Ritter de la Cintra kenne."

Der Offizier