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Dazu haben wir noch die beiden Mädchen Loretta und Melissa bei uns, die mit wunden Füssen den Retirierenden nicht schnell genug folgen konnten." "Gut!" – fiel Lodovico ein. – "So finden wir noch Platz." "Wieviel Köpfe?" "Zwei Menschen- und zwei Pferdeköpfe. – Es haben einmal vier Rosse mit unten gesteckt." "Wer ist bei dir?" "Cintios bester Freund." Die Tür ward gehoben, die Pferde wurden den schräg hinablaufenden Weg hinuntergeführt, und die Ritter folgten. Alle hatten nun in der Höhle ihre bestimmten Plätze. Die Höhlenbewohner erfuhren, wer unter ihnen war. Staunend schwiegen sie und küssten dem vornehmen gast die hände. Er streckte sich auf das beste vorhandene Lager undmachte Grillen. Alle schwiegen. – Er unterbrach diese Stille: "Mädchen! – Ihr habt Guitarren, wie ich sehe, spielt und singt mir etwas vor." Die Mädchen ergriffen die Guitarren, spielten und sangen.

Wechselgesang

LORETTA

Wenn die Vöglein traulich scherzen,

In dem neu begrünten Hain,

Steigt es mir so froh zu Herzen,

Wünsch' ein Vöglein ich zu sein!

MELISSA

Wenn die frohen Lämmer spielen

In dem bunten Wiesenklee,

Wünsch' ich, so wie sie, zu fühlen,

Wird mir's ach! so wohl, so weh!

LORETTA

O! wer sagt mir, was ich fühle?

Was mich froh und glücklich macht?

MELISSA

Das sind, Liebe! die Gefühle,

Deiner sanften Zaubermacht.

BEIDE

Ja! das ist es, was ich fühle.

Was mich froh und traurig macht.

Es sind, Liebe! die Gefühle

Deiner sanften Zaubermacht.

"O! ihr armen Mädchen!" – sagte Rinaldo. – "Werdet ihr je wirklich fühlen, wie glücklich Liebe macht? In Höhlen und Wäldern versteckt, zieht nie euch der Liebe sanfte Zaubermacht an das freundliche Tageslicht. – Wo seid ihr geboren?"

MELISSA Ich bin in Kalabrien, in einer Höhle geboren worden.

LORETTA Ich in Sizilien, im wald. Wir wurden beide zu solchem Höhlenleben geboren, unter den Leuten, bei denen wir leben.

RINALDO Und es gefällt euch unter ihnen?

LORETTA O ja!

RINALDO Dann freilich darf ich euch nicht beklagen!

LORETTA War denn Rosa auch zu beklagen, als sie bei ihrem Rinaldo, in Höhlen und Forsten, liebevoll verweilte?

RINALDO Rosa war ein gutes Mädchen! Ich beweinte ihren Tod, aber um ihr Leben konnte ich sie nie beneiden.

LORETTA Liebte sie nicht?

RINALDO Ist die Liebende beneidenswert?

LORETTA Ich war es.

RINALDO Und dein Glück hat dich verlassen?

LORETTA Mein Geliebter fiel vor sechs Wochen in die hände der Miliz, und

RINALDOhängt jetzt?

LORETTA Vermutlich, denn er war ein sehr verwegener Bursch und hatte schon manchem Soldaten den Rest gegeben. O! er war ein rechter Kerl!

RINALDO Du verdienst, die Braut eines Räubers zu sein!

LORETTA Rosa war doch glücklicher als ich, denn sie wurde von dem berühmtesten aller Räuber geliebt.

RINALDO Du bist ruhmsüchtig?

LORETTA Warum sollte ich es nicht sein? Da ich glaubte, Rinaldini sei tot, wünschte ich mir immer, von Cintio geliebt zu werden. Nun aber habe ich diesen Wunsch aufgegeben.

RINALDO Und wünschest, von mir geliebt zu werden?

LORETTA Darf ich nicht wünschen, was Rosa, was, wie man erzählt, Dianora, Olimpia und andere Weiber wünschten?

RINALDO Deine Aufrichtigkeit gefällt mir!

LORETTA Sie ist das Beste an mir.

RINALDO Und Melissa?

LORETTA Denkt, darauf wette ich, ebenso, wie ich denke, – abersie hat noch keinen Liebeshandel gehabt, soviel man weiss.

LODOVICO Ihr Stündlein wird schon auch noch schlagen!

RINALDO Ich beklage euch, ihr guten Mädchen! Euch fiel ein so zweideutiges Los des Glücks, dass selbst die Erfüllung eurer Wünsche schwerlich ein Glück zu nennen ist.

LORETTA Man sagt, – verzeihe mir, Hauptmann! es noch zu sagen –, du seist immer ein wenig gar zu düster gewesen, unzufrieden mit deiner Lage und missmutig.

RINALDO Wer könnte auch in Höhlen fröhlich sein?

LORETTA Ich bin es oft gewesen.

MELISSA Ich habe bloss der notwendigkeit nachgegeben und habe gedacht, wie es ist, willst du es nehmen, weil du es so nehmen musst.

RINALDO Bei euch steht's dennoch, eurer jetzigen Lage aus dem Wege zu gehen; und dazu wollte ich euch raten. Denn gesetzt, ihr fallt der Gerechtigkeit in die hände, so seid ihr verloren, ohne etwas getan zu haben. Genug, dass sie euch in einer Gesellschaft antrifft, die in schlechtem Kredit steht. – Ich biete euch die hände, euerm Unglück zu entgehen. Ein Brief von mir an die Gräfinnen Lentini soll euch in Dienste bringen, und dannkönnt ihr doch wenigstens ruhig und über der Erde schlafen. Claudiano, der indessen einen gang vor die Höhle gemacht hatte, kam jetzt zurück und meldete, er habe Pferde wiehern und viele Menschen sprechen hören. Sicher werde der Forst durchstreift. – Sogleich wurden starke Balken unter die Falltür gerammelt, und die Gewehre wurden untersucht.

Gegen Abend schlich Lodovico sich ins Freie und brachte eine gefundene Brieftasche mit. Man fand eine Militärorder darinnen, gegen S. Domenicho vorzurücken.

"Nun halte dich gut, braver Cintio!" – rief Lodovico aus; – "und wehre dich männlich!"

Gegen Morgen rekognoszierte Lodovico, indem Rinaldo