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den Bruder auslösen!

LAURA Aber, ehe das geschieht? –

RINALDO Ihr habt kein Geld? – Könnt kein Geld schaffen? – Meine Gräfin! Ich glaubte, die Tochter, das einzige Kind, die Erbin des reichen baron Denongo müsstekönnte nie um 3000 Dukaten verlegen sein!

LAURA Ach! – Mein Gemahlbraucht viel Geld. – Ich kann mich nicht verstellen! – Wir können ohne grosse Aufopferungen, ohne langen Zeitverlust diese Summe nicht herbeischaffen.

RINALDO So mussder Räuberhauptmann warten. Vielleicht wird er indessen geschlagen, und dann ist der Graf ohnehin frei. – Zwar wird erdoch es kannAber das wär' denn wohl nur der Fall, wenn alles verloren wär'! –

LEONORE Welcher Fall? –

RINALDO Es sind freilich Räuber, aberSie machen es nun einmal nicht anders!

LEONORE Was tun sie?

RINALDO Es geschieht wohl auch nur im äussersten Notfall, aberdannwenn sie alles, sich selbst verloren sehen, ermorden sie ihre Gefangenen. Und den Damen geht es vorher übel.

LEONORE grosser Gott! –

Rasch sprang Laura auf und ging bedeutend und voll Entschlossenheit im Zimmer auf und nieder, wandte sich dann gegen Rinaldo und fragte:

"Herr Pater! Wisst Ihr meinen Gemahl zu retten?"

RINALDO Ich? – Ach! heiliger Franziskus! Wir dürfen ja keinen Carlino, geschweige denn Gold bei uns fuhren. Und3000 Stück Dukaten! – Wie könnt Ihr so viel bares Geld bei allen Franziskanerklöstern des ganzen Königreichs, geschweige denn bei einem armen, einzelnen Franziskanermönche suchen?

LAURA Herr Pater! – Ihr könnt uns retten.

RINALDO Beschützen kann ich Euch, aberEuern Gemahl –, den mag Pater Amaro retten.

LAURA Wahrhaftig, diese Antworthabe ich verdient!

RINALDO Vielleicht könnt Ihr, schönes fräulein, Euern Bruder retten?

LEONORE Mit so viel Geld wahrhaftig nicht. – Keinen Spott, Herr Pater!

RINALDO Ich spotte nicht! – Habt Ihr auch das Gold nicht, so habt Ihr dennoch Macht und Gewalt genug, Euern Bruder zu retten.

LEONORE Ich habe Euch nichts mehr zu antworten!

RINALDO Seht, da kommt schon die Nachricht, dass die Zugbrücke des Schlosses aufgezogen ist.

Ein Bedienter brachte wirklich diese Nachricht.

RINALDO Habt ihr Waffen?

BEDIENTER Acht Flinten, zwei Büchsen, einige Paare Pistolen und viele Säbel sind im schloss.

RINALDO Kanonen?

BEDIENTER Haben wir nicht.

RINALDO Schlimm! – Wieviel Köpfe?

BEDIENTER Den lahmen Gärtner, den blinden Stallmeister und den alten Kastellan mit eingerechnet, sind wir unsrer acht Männer im schloss. RINALDO Wenig genug! BEDIENTER Jawohl! RINALDO Dennoch wollen wir nicht verzagen, und sollten auch Hunderte kommen. BEDIENTER AberHerr Pater! Wenn Ihr bedenktRINALDO Ich habe alles bedacht. Bewaffnet euch, haltet Wache und seid ohne Sorgen! – Jetzt wollen wir Musterung halten und uns ein wenig umsehen, wie es ausserhalb des Schlosses aussieht. Er ging; der Bediente folgte ihm. Er bestieg die Warte, besah die Mauern und verteilte die Posten. Der kleinen Besatzung flösste er Mut ein. – Als er auf die Galerie zurück vom Rekognoszieren kam, trat Laura ihm entgegen.

"Ich habe", – sagte sie, – "alles wohl überlegt und bedacht, ich kann mich in Euch nicht irren. – Ja! Ich weiss, wer Ihr seid."

"Ihr wisst es?" – fragte Rinaldo lächelnd.

"Ihr selbst habt Euch verraten. So spracht Ihr auch einst auf meines Vaters schloss, in gleicher Gefahr. – Und dieser Ton der stimme! – O! ich kann ihn nie vergessen! Ihr habt Euer Gesicht verunstaltet. Diese Farben können mich nicht hintergehen! Was könnte ich nicht fürchten, kennte ich Euch nicht, wüsste ich nicht, dass Ihr Eure Gewalt nicht missbrauchtet. Ich wage es daher, Euch zu bitten, nehmt Euch meiner an und verschafft meinem unglücklichen Gemahl die Freiheit wieder!"

"Wie käm ich zu 3000 Stück Dukaten?"

"Euer gebietendes Wort" –

"Nach dem Worte eines Franziskaners fragt kein Räuberhauptmann."

"Habt Ihr uns nicht versprochen, uns und dieses Schloss zu retten?"

"Euch und dieses Schloss zu retten, habe ich versprochen, aber nicht Euern Gemahl auszulösen."

Laura trat ihm näher, ergriff seine Hand und sagte:

"Es war eine Zeit, in der ich einen gewissen Ritter de la Cintra zu Messina kannte. Dieser Ritter –"

Sie schlug, als sie das sagte, die Augen nieder. – Endlich, nach einer langen Pause, fuhr sie fort:

"Dieser Ritter ist für mich tot, und mein Gemahlist nicht von mir zu retten."

Schnell erhob sie ihre Blicke, drückte mit Wärme ihm die Hand und sagte: "Wir sind in deiner Gewalt!"

Rinaldo konnte sich nicht mehr verstellen, mit einem festen blick fragte er:

"Will Laura in meiner Gewalt freiwillig sein?"

"Sie will."

"So sage ich ihr: Sie hat sich nicht in mir geirrt. Sie kennt mich. – Ja, Laura, ich bin –"

"Du bist Rinaldini!"

"Der bin ich."

Das Horn des Wächters auf der Warte ertönte. Die Glocke erklang. Die Bewohner des Schlosses stürzten erschrocken herbei. Alle versammelten sich auf dem grossen saal.

Laura sagte, dennoch aber mit bebender stimme, indem sie Leonoren bedenklich