einem kleinen, erquickenden Schlafe machte er sich auf und ging einige Stunden tiefer in den Wald hinein. Auf einmal sah er sich ganz unerwartet auf einem freien platz, der einige hundert Schritte im Umfange haben mochte. Vor ihm lagen auf einem Hügel die Ruinen eines zerstörten Schlosses.
Er sah sich rund umher um und erblickte kein lebendes Wesen. Die tiefste Totenstille schien über die Gegend ausgegossen zu sein. Nicht einmal ein Vogel war in der Nähe zu hören. Doch glaubte er Fusstritte in dem Grase zu sehen.
Er ging auf die Trümmer des Schlosses zu und trat in einen geräumigen Hof, der hoch mit Gras bewachsen war. Vor einer verfallenen Kolonnade setzte er sich auf eine umgestürzte Säule und überliess sich sonderbaren Betrachtungen.
Ein Geräusch schreckte ihn auf. Ein Reh jagte vorüber. – Er kam wieder zu sich, stieg auf und näherte sich einer Treppe, die in die oberen Gegenden des Schlosses führte.
Er stieg hinauf und kam in einen grossen Saal. – Seine Fusstritte erschallten laut umher. Alles war öde und leblos um ihn her.
Der Saal führte in ein geräumiges Gemach, an dessen Hinterwand er zwei alte hölzerne Türen erblickte, die mit eisernen Riegeln verwahrt waren. Hier blieb er stehen, lauschte und horchte und vernahm nichts als seine eigenen lauten Atemzüge. – Er klopfte an beide Türen an. Alles blieb still.
Endlich zog er den Riegel der einen Tür zurück; sie knarrte auf und er trat in ein leeres Gemach, das er sogleich wieder verliess. – Als er die andere Tür öffnete, fand er auch hier wieder ein leeres Gemach. – Er verriegelte beide Türen und ging wieder zurück.
Jetzt ward er in der einen Ecke des Saals eine schmale Öffnung gewahr. Es war der Eingang in ein leeres Gemach, welches in ein zweites und dieses in ein drittes führte. Hier trat er auf Holz und sah, dass er auf einer verriegelten Falltür stand. Er schob den Riegel zurück, hob die Falltür auf und sah in eine dunkle Tiefe hinab, wohin eine schmale steinerne Treppe führte. Er liess die Tür nieder, ging zurück und kam wieder in den Hof.
Die Dämmerung brach schon stark herein. Er sah sich nach einem Baume um, erblickte eine majestätische Steineiche, stieg hinauf und suchte in ihren dichten Zweigen sein Nachtlager. Nach einer beinahe ganz durchwachten Nacht verliess Rinaldo sein hartes Lager, als der Tag anbrach, und machte sich auf den Weg, wasser zu suchen, das er auch bald fand. – Als er seinen Durst gestillt und seine Flasche gefüllt hatte, ging er weiter, schnitt aber Merkzeichen in die Bäume, um den Weg zu den Ruinen wieder zurückfinden zu können.
Gegen Mittag nahte er sich der Fahrstrasse, die durch den Wald ging, und lagerte sich hinter einem Busche.
Hier hatte er nicht lange gelegen, als er in der Entfernung Menschenstimmen und Glockengeklingel von Maultieren vernahm. Beide näherten sich immer mehr, und endlich kam ein Zug Zigeuner zum Vorschein.
Die Gesellschaft bestand aus drei Männern, zwei alten Weibern, einem Paar erwachsenen Mädchen, vier Kindern, einem bepackten Maultier, zwei Hunden und einigen Murmeltieren.
Sie schienen die Gegend zu kennen, bogen waldein und zogen nach der Quelle zu, die Rinaldo eben verlassen hatte. – Die Hunde witterten ihn kaum, als sie ein schreckliches Gebell erhoben und auf ihn losfuhren. Der eine von den Männern griff nach einer Flinte.
Rinaldo schlug auf die Hunde los und trat aus dem Busche hervor.
"Heda! Wer bist du?" schrie ihm der eine Zigeuner entgegen.
"Ruft eure Hunde zurück", – rief ihm Rinaldo zu, – "oder ich schiesse sie nieder!"
Sie lockten die Hunde an sich, und die Weiber nahmen sie fest. – Rinaldo trat ihnen näher und sagte ganz entschlossen:
"Wir werden schwerlich etwas von einander zu fürchten haben."
"Wer bist du?" fragte der Zigeuner wieder.
"Ein Mann, der keine Furcht kennt."
ZIGEUNER Ich weiss nicht, was ich von dir denken soll.
RINALDO Gib mir einen Schluck Likör, wenn du welchen hast.
ZIGEUNER Den kannst du bekommen, wenn du ihn bezahlen willst.
RINALDO Schenk ein!
ZIGEUNER Donnerwetter! Kerl, du kommst mir vor wie einer, der – etwas begangen hat, weshalb er mit der lieben Justiz in Unfrieden lebt.
RINALDO Schenk' ein!
ZIGEUNER Ja, ja, Bursch! Einer von Rinaldinis Bande bist du gewiss?
RINALDO Was geht uns beide Rinaldini an?
ZIGEUNER Mich wenigstens so viel wie ein paar tausend Zechinen, wenn ich seinen Kopf liefern könnte. –
RINALDO Ah so! – Das ist aber zu spät.
ZIGEUNER Zu spät? Ich denke, er wird immer noch früh genug an den Galgen kommen.
RINALDO Nun nicht, da er in dem letzten Gefecht von Toscanischen Soldaten niedergehauen worden ist. Da war ich dabei.
ZIGEUNER Du bist also einer von seiner Bande?
RINALDO Donnerwetter! Sag das noch einmal, und ich schlage dir den Kopf ein. Was denkst du von mir? – Ich bin der Förster des nächsten Grenzorts und war mit meinen Leuten gegen Rinaldini aufgeboten. Ich denke, wir haben einen heissen Tag gehabt, und du Schuft willst da –
ZIGEUNER Nun, nun! Ich bitte um Verzeihung, man kann sich –
RINALDO Raisonniere nicht und schenk ein! – Das ist eins. – Numero zwei: Zeigt eure Pässe vor. Wir